Im Gespräch mit Nele van Wieringen, Keramikmuseum Westerwald & der 14. Westerwaldpreis: Höhr-Grenzhausen vom 01.10.2019 bis 15.03.2020

Anfang 2018 übernahm Dr. Nele van Wieringen das Keramikmuseum Westerwald in Höhr-Grenzhausen als neue Direktorin. Sie löste die langjährige Leiterin Monika Gass in der Leitung des Museums ab.

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Nele van Wieringen: Farbkasten Erde – PhD on color in ceramics ceramics, wood, 2018

Nele van Wieringen kann als ausgewiesene Spezialistin im keramischen Fach überzeugen. Sie erhielt ihre Ausbildung unter anderem an der königlichen Kunstakademie im niederländischen Den Haag, an der internationalen Schule für Druckgraphik „IL Bisonte“ Florenz und an der Keramikschule von Montelupo Fiorentino in Italien. Schliesslich studierte sie an der Hochschule Koblenz und beschäftigte sich in ihrer Promotionsarbeit an der Kunstuniversität Linz (Österreich) in Kollaboration mit dem Institut für Künstlerische Keramik und Glas der Hochschule Koblenz mit dem Thema: „Color cosmos in ceramics. A Study about the role and the possibilities of color in ceramics“. Dieser Doktorarbeit ist gerade von der Kunstuniversität Linz für den Award of Exellence des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung nominiert worden.

Im Sommer hatte ich Gelegenheit ein Gespräch mit ihr im Keramikmuseum Westerwald zu führen.

Der Künstlerin und Forscherin Nele van Wieringen gefällt ihre neue Aufgabe besonders gut, weil sie so vielfältige Aspekte beinhaltet. Als Kuratorin Zeitgenössisches auszuwählen ist eines, aber das Historische zu inszenieren, und Bezüge zu knüpfen die die ganze Bandbreite des Publikums erreichen, scheint ihr noch wichtiger. Sie stellt fest, dass Technik und Kulturgeschichte viele Besucher mehr interessieren als die Kunst, denn die Keramik hat in Höhr-Grenzhausen und im Westerwald eine lange Tradition.

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Ausstellungsansicht Keramikmuseum Westerwald

Als Kuratorin, so findet sie, sollte man die Freiheit haben Wirkungen zu steigern, Formen anzusprechen sowie Prozesse und Assoziationen sichtbar zu machen. Vieles entsteht in Kooperation mit regionalen Partnern doch es gibt auch Platz für eigene Themen. Hier möchte sie in Zukunft die Aufmerksamkeit besonders auf die Vorreiterpositionen der künstlerischen Keramik lenken. Mit der grandiose Ausstellung des Werkes von Norbert Prangenberg (1949–2012) machte sie den Anfang. Weitere einflussreiche Keramiker, deren Vorbild man bis heute erkennen kann, sollen in den kommenden Jahren vorgestellt werden, darunter August Hanke, Jan Bontjes van Beek, Gertraud Möhwald und andere.

Zu Beginn ihrer Amtszeit erkundete Nele van Wieringen erst einmal das Depot und seine Schätze. Anlässlich der Gründung des Museums, 1976 unter der Trägerschaft des Förderkreises Westerwald für Kunst und Keramik e.V., hatte man wertvolle Sammlungen zeitgenössischer Studiokeramik angekauft. Und natürlich gibt es auch einen umfassenden Fundus von historischen Keramiken, in dem sich die Kulturgeschichte der vergangenen Jahrhunderte widerspiegelt. Das aktuelle Ankaufsbudget ist bei weitem nicht mehr ausreichend um die Museumssammlung auf hohem Niveau fortzuführen. Vorausschauend sparte die neue Leiterin also, um in diesem Jahr wenigstens den Ankauf von Arbeiten der diesjährigen Westerwald-Preisträger zu ermöglichen. Und sie hofft auch darauf, dass ernsthafte Keramiksammler, die sich mit dem Gedanken tragen ihre Sammlung in verantwortungsvolle Hände zu übergeben, das Keramikmuseum Westerwald als dankbaren Empfänger bedenken mögen.

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Ausstellungsansicht Keramikmuseum Westerwald – Kass & Heeger

Das 1982 nach Entwürfen des Architekten Scheubert erbaute Keramikmuseum bietet sehr ansprechende Präsentationsflächen auf vier Ausstellungsebenen, die in einer Art Drehbewegung um eine zentrale Achse lagern. Ein chronologischer Rundgang bietet einen Überblick von der Entstehung des Tones bis zur zeitgenössischen Keramik – eine Dauerausstellung der Nele van Wieringen nun ein neues Gesicht geben wird. Durch die Reduzierung der Vitrinen, mit neuen Arrangements und Texten möchte sie die ganze Geschichte, gerade auch soziale wie wirtschaftliche Aspekte der Westerwälder Keramik erzählen. Ihrer Meinung nach muss sichtbar werden, dass hier Menschen agierten die ihr Fach verstanden. Die mit den regional verfügbaren Rohstoffen arbeiteten und Produkte erzeugten, die sie erfolgreich in die ganze Welt exportierten.

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Ausstellungsansicht Keramikmuseum Westerwald – traditioneller Dippewagen

Steinzeug war zu den Zeiten als es noch keine Kühlschränke oder Plastik gab ein geniales Produkt zum Thema Aufbewahrung – das sollen die Besucher in ihrem Museum erfahren. Ein traditioneller Dippewagen, hoch beladen mit Stroh und Keramik steht schon da und vermittelt eine Idee vom lokalen Handel mit den irdenen Töpfen. Und, dass die künstlerische Keramik erst mit dem Wirken von Behrens und van de Veldes, in Zeiten des Jugendstils, ihren Anfang nahm soll deutlich werden. Sie hofft darauf, dass Sponsoren und Förderer ihr ermöglichen die Attraktion der ständige Sammlung Zug um Zug zu steigern, damit sich in Zukunft auch junge Menschen und Nichtfachleute noch mehr für das Keramik-Thema begeistern können.

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Alljährlich findet am ersten Juni-Wochenende ein sehr beliebter Keramikmarkt mit 150 Ausstellern rund um das Museum statt. Er wird begleitet von einer Ausschreibung für Gebrauchskeramik. 2019 sollten Tassen mit Henkel und Untertasse eingereicht werden damit auch die Besucher sich etwas darunter vorstellen und ihre Erkenntnisse aus der Fülle des nun zu bewundernden Variantenreichtums ziehen können. 2020 wird es um Vorratsgefäße gehen, denn Nele van Wieringen beharrt auf die Attraktion des Gebrauchsaspektes, der in der Gestaltung seine Berücksichtigung finden muss. Dank Internet und den sozialen Medien gibt es inzwischen Bewerbungen aus aller Welt.

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Ausstellungsansicht Keramikmuseum Westerwald

Aktuell wird im Keramikmuseum Westerwald die Ausstellung zum Wettbewerb 14. Westerwaldpreis 2019 – Keramik Europas gezeigt. Seit 1973 bewerben sich alle fünf Jahre professionelle Keramikkünstler aus aller Welt um diese ebenso renommierte wie hoch dotierte internationale Auszeichnung. Dieser Wettbewerb soll den Dialog von Keramik und Kunst in der Region fördern und den kulturellen Austausch auch auf internationaler Ebene pflegen. 425 Bewerbungen gab es in diesem Jahr 2019. Die hochkarätig besetzten Expertenjury wählte daraus insgesamt 73 Arbeiten von 48 Künstler für die 2. Jurierung.
Der 1. Preis im Bereich Freie Keramik ist mit 10.000 Euro dotiert und geht an Johannes Nagel aus Halle /Saale. Der 2. Preis in dieser Kategorie ist mit einem Preisgeld von 6.000 Euro ausgestattet und geht an den in Höhr-Grenzhausen lebenden US-Amerikaner Jesse Magee. Der Preis für Keramik in Salzbrand der Stadt Höhr-Grenzhausen wurde geteilt und ging mit jeweils 5.000 Euro an Monika Debus und Franz Julien. Der Preis für Studierende mit 3.000 € wurde der an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel studierenden koreanischen Künstlerin Hyujin Kim verliehen.

Die Auswahl gefällt Nele van Wieringen, weil sie auf hohem Niveau die aktuellen Themen der Keramikkunst repräsentiert. „Die jüngere Generation hat dieses große Interesse an dem Material und an der Natur“ stellt sie fest. Die beiden Preisträger im Bereich Freie Keramik beschäftigen sich geradezu kompromisslos mit den Ur-Themen der Keramik. Johannes Nagel, zur Zeit der wirklich beste seines Faches, befasst sich seit Jahren in großer Ernsthaftigkeit mit dem Gefäss und Jesse Magee setzt sich mit der Archaik gebrannter Erde – dem Mutterboden – auseinander.

Obwohl es eine anonyme Jurierung war, wie Nele van Wieringen betont, bleiben die meisten Preise nach Höhr Grenzhausen. Doch viel wichtiger erscheint ihr, dass aus so viel eingereichten Materialexperimenten unter den Einreichungen das bedingungsloseste und kraftvollste Werk am meisten überzeugen konnte. Auch die Dominanz von Johannnes Nagel’s philosophisch-theoretischer Seite des Experiments zum Thema Gefäß über die Vielzahl alchimistischer Versuche, in denen sein Werksansatz durchaus als Vorbild zu erkennen ist, freut sie. Die Aussteller des Westerwalpreis 2019 vermitteln ein sehr zeitgemäßes Bild der Keramikkunst und bei aller dekonstruktivistischen Experimentierfreude obsiegt die künstlerische Frage, die mehr wert ist als nur das – sie vermittelt eine Ernsthaftigkeit die über das bloße Machen hinaus geht.

© Schnuppe von Gwinner

Die Ausstellung wurde am Sonntag, den 29.9.2019 um 17 Uhr im Beisein des Schirmherrn, Minister Prof. Dr. Konrad Wolf, feierlich eröffnet.

Ein Katalog erscheint bei Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart

Keramikmuseum Westerwald
Lindenstraße 13
56203 Höhr-Grenzhausen

Öffnungszeiten:
Dienstag – Sonntag 10 – 17 Uhr

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