Was macht eigentlich … Katja Stelz?

Katja Stelz Werkstatt insight | Foto: Andre Reuter

Das Auf- und Ab der Kett- und Schussfäden verschlingt eine räumliche Dimension. Fäden verkreuzen und verbinden sich zu einer Fläche. Als Summe aus Linien und Kreuzungen durchmisst und umüllt diese, einmal aus dem Webstuhl befreit, flexibel den Raum.

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Katja Stelz Werkstatt insight | Foto: Andre Reuter

Die Handweberin Katja Stelz konzentriert sich auf das Weben wie ein Baumeister auf die Konstruktion eines Bauwerkes. Ihre Gewebe sind durchdrungen von einem feinen Gespür für das rythmische Zusammenwirken von Linien und Flächen. Das strenge Reglement der technischen Optionen inspiriert sie zu komplexen, ausdrucksstarken Mustern und Strukturen. Es charakterisiert ihre Textilien, denen sie durch gekonnte Materialwahl eine überzeugend sinnliche Komponente hinzufügt. Wolle und Ziegenhaar für die gleichermaßen eleganten wie robusten Teppiche. Reine, skandinavische Schurwolle für Wolldecken, deren markantes Linienspiel und subtilen Farbkompositionen in der Fläche wie in der Bewegung dekorative Abwechslung versprechen. Schliesslich feine Edelhaargarne – Alpaka, Seide, Merino, Kammgarn – für schmiegsame, große Schaltücher in einem Look von fast japanischer Strenge.

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Katja Stelz Werkstatt insight | Foto: Andre Reuter

Das Korrelat von Architektur und Textilien gehört seit jeher zur Kulturgeschichte des Wohnens – Katja Stelz fügt dieser Geschichte eine sehr zeitgemässe Stimme hinzu, deren ambitionierter, wertschätzender Klang in ihren Produkten spürbar wird.

Eine Lehre zur Handweberin und ein Textildesign-Studium von 1981 bis 87 bilden für Katja Stelz die Basis ihrer seither freiberuflichen Tätigkeit mit eigener Werkstatt, seit 2002 in Palingen/ Mecklenburg. Gerade in den jüngst vergangenen Jahren verschaffte sie sich zunehmend Aufmerksamkeit, wurde 2019 mit dem Bayerischen Staatspreis, 2017 als German Design Award 2018 Nominee und vielen anderen Preisen ausgezeichnet und zeigte Präsenz auf wichtigen Messen und Ausstellungen.

Welche Projekte haben Dich bis zum Shutdown beschäftigt?

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Katja Stelz, Teppich burton, Entwurf 2015, Wolle-Ziegenhaar, Doppelgewebe mit partiellem Warenwechsel | Foto: Max Reinhard

„Ich war eingeladen, Anfang April im Rahmen der Europäischen Tage des
Kunsthandwerks, im August Kestner Museum, Hannover auszustellen.
Der Schwerpunkt meiner Auswahl sollten die Teppiche sein. Das Museum ist
derzeit wegen Sanierungsarbeiten im Inneren eingerüstet und ich hätte die
Teppiche an den Baugerüsten anbringen können, so daß sie frei im Raum hätten
hängen können.

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Katja Stelz, Teppich burton, Entwurf 2015, Wolle-Ziegenhaar, Doppelgewebe mit partiellem Warenwechsel | Foto: Max Reinhard

In letzter Zeit habe ich die Teppiche vornehmlich in der Technik des
Doppelgewebes gearbeitet. Dabei entstehen zwei gegengleiche Gewebeseiten und
der Teppich ist wendbar. Diese Technik erlaubt es, die Grundelemente der
Weberei, Linie, Kreuzung und Fläche zu visualisieren und dem Gewebe den
Verweis auf seine  räumliche Dimension zu verleihen. So an den Baugerüsten
hängend hätten die Teppiche sehr schön ihren architektonischen Charakter
gezeigt und die ursprünglichste Eigenschaft des Gewebes als raumbildendes
Element hätte sich wunderbar offenbart.

„Nachdem ich viele Jahre die Teppiche im klassischen Schwarz-Weiß-Kontrast
gearbeitet habe, hatte ich seit einiger Zeit den Impuls auch hier „Farbe ins
Spiel“ zu bringen. Für die Ausstellung im Kestner Museum hatte ich zwei
erste Entwürfe realisiert. Das Thema Farbe und Teppich wird mich weiter
beschäftigen.“

Wie gehst Du nun mit der „geschenkten“ Zeit um?

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Katja Stelz, Wolldecke in reiner Schurwolle | Foto: Max Reinhard

„Im Privaten betrachte ich diese Zeit tatsächlich als Geschenk: meine
studierenden Kinder sind zu Hause, mein Mann auch. Alle machen Homeoffice.
Ich genieße es, daß wir als Familie mal wieder so lange zusammen sind und
daß es gut funktioniert.
Ich gehe jeden Tag in meine Werkstatt. Sie ist derzeit für mich der Ort der
Normalität und ich empfinde das Arbeiten im Moment als sehr unabgelenkt,
sehr konzentriert, fast wie in Klausur. Manches darf ausgeblendet
werden, manches rückt in den Fokus, Neues keimt.“

Welche Themen beschäftigen Deine Kreativität?

„Ein völlig neues und sehr herausforderndes Thema beschäftigt mich seit
Jahresbeginn: die Anfrage einer Kirchgemeinde nach einem Altarbehang und
einem Pultbehang in der liturgischen Farbe Weiß. Das Ausschmücken von
sakralen Räumen ist ja ein originäres Tätigkeitsfeld der Handwerkskünstler
und diese Aufgabe erweitert mein Thema Textil im Raum um einen besonderen
Aspekt. In ersten Schritten taste ich mich an eine inhaltliche, formale und
technische Lösung heran. Es gibt keinen  Zeitdruck und ich kann in Ruhe
Verschiedenes probieren, Studien machen und entwickeln. Besonderen Respekt
habe ich dabei vor dem riesigen Kirchenraum.“

Siehst du eine Chance in dieser Krise?

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Katja Stelz, Tuch aus feinen Edelhaargarnen | Foto: Max Reinhard

„Immer mal wieder stoße ich auf einen Gedanken von Joseph Beuys, den ich nie so richtig zu fassen kriege. In dieser Zeit scheint mir, er müsse als Aufforderung aufgefasst werden: “ Aber die Ursache liegt in der Zukunft“.
Und wahrscheinlich ist es eine dringende Notwendigkeit, diese Krise als Chance zu verstehen.
Auf jeden Fall hoffe ich sehr, daß unsere Zunft, alle Kolleginnen / Kollegen und die Strukturen, die uns tragen, durchhalten können und daß wir in nicht allzu ferner Zeit werden sagen können: wir sind noch da!“

Text © Schnuppe von Gwinner / Katja Stelz

Handweberei Katja Stelz
Mühlenweg 1c
23923 Palingen
fon 0157-364 022 59
kontakt(a)katja-stelz.de