Das Zeitalter der Amateure: Li Edelkoort im Interview

Portrait Li Edelkoort | Fotograf Koen Hauser | Quelle: Dezeen

Sie ist zur Zeit eine begehrte Interview-Partnerin: Die Niederländerin Li Edelkoort (*1950), eine der berühmtesten Trendforscherinnen der Welt. Schon seit Jahren verfolge ich sehr genau, was sie umtreibt und hatte auch schon die Gelgenheit mit ihr persönlich zu sprechen. Ihre treffsicheren Analysen lassen Tendenzen aufscheinen, die wir generell vielleicht ahnen aber für die wir oft erst viel später als sie Worte und Verständnis finden. Li Edelkoort ist immer auch eine Kritikerin der bisherigen Systeme, veröffentlichte z.B. 2015 ihr Aufsehen erregendes „Anti Fashion Manifesto – das Ende der Mode, wie wir sie kennen“ und forderte die Modebranche zu radikalem Umdenken und mehr Nachhaltigkeit auf.

In ihren jüngsten Interviews, z.B. am 09.03. mit Dezeen oder am 27.03.2020 mit Business of Fashion wurde sie natürlich zu den Auswirkungen der weltweiten Corona-Krise befragt. Sie selbst befindet sich zur Zeit in Kapstadt. Dort hatte sie vom 26 – 28 Februar 2020 an der Design Indaba-Konferenz teilgenommen und angesichts der globalen Entwicklung beschlossen in Südafrika zu bleiben. Natürlich setzen die Interviews den Fokus auf Antworten zur Zukunft in der Modewirtschaft. Doch wir hätten es nicht mit Li Edelkoort zu tun, wenn wir nicht eine sehr viel weiter gefasste Sicht auf die Situation von ihr erwarten könnten. Ich versuche die, aus der Perspektive des Handwerks & Design wichtigsten Aussagen hier stichwortartig zusammen zu fassen – verlinke aber auch in alle „Originalschauplätze“, damit sich jeder selbst einen Eindruck verschaffen kann. Es lohnt sich!

Li Edelkoort bezeichnet das Coronavirus als eine erstaunliche Gnade für den Planeten – das Beste was ihm aus ökologischer Sicht passieren kann. .. und gleichzeitig als menschliches und ökonomisches Desaster! Verlassen von den täglichen Pflichten, bedroht vom Bankrott hilft es nur noch vom Karussel zu springen.

„Ich denke, das Virus kann als Repräsentant unseres Gewissens angesehen werden … es bringt ans Licht, was mit der Gesellschaft so schrecklich falsch ist und was jeden Tag klarer wird“, sagte sie gegenüber BoF-Chefredakteur Imran Amed . „Es lehrt uns, langsamer zu werden und unsere Wege zu ändern.“
Sie ist also insgesamt der Ansicht, dass der derzeitige Ausfall des Systems langfristig eine gute Quelle sein könnte. „Der Verlust von Vermögen und Geld wird kolossal sein. Es wird sehr schwierig “, sagte sie. „Aber wenn wir uns entschließen, die Gesellschaft neu zu erfinden, die Systeme neu zu erschaffen und vollständig neu zu synchronisieren, könnten wir … mit einer leeren Seite beginnen.“

Die Zeit des Shutdowns könnte Gelegenheit bieten, etwas Neues zu lernen oder zu erschaffen. Schon jetzt verändern wir unter seinem Einfluss unser Verhalten. Unser Mentalität ändert sich. Wir schreiben keine E-mails mehr sondern E-Briefe, wir kommunizieren länger und intensiver mit unseren Kontakten, haben mehr Zeit für alles und konsumieren sehr viel weniger….
Die Menschen verstehen, dass sie Dinge taten die sie nicht tuen wollten sondern nur im Namen des Wirtschaftssystems. „Das Geld hat die Gesellschaft entgleisen lassen“. Nun kann man sich die Frage stellen, was ist notwendig und entscheidend, was nicht? Wie kann man die Bedingungen neu gestalten?“ „Als jemand, der in den 50er Jahren geboren ist weiß ich, wie schön es ist weniger zu haben“. …

Das Virus braucht viel Zeit … es wird „die Art und Weise, wie wir produzieren, uns anziehen und konsumieren, komplett zurücksetzen“, sagt Li Edelkoort. Sie sieht auf jeden Fall eine große Zukunft für handgefertigte, schöne Dinge.

„Die müssen durchhalten!“ rät sie den Handwerkern und Designern, und sich zusammen tun, online Marktplätze schaffen um auf sich aufmerksam zu machen. Später wären dann Kaufhäuser für Kunsthandwerk eine gute Idee. Auch das Marketing im bisherigen Sinn muss neu gedacht werden. Die Leute denken zur Zeit nicht an Konsum. Viel mehr sollte man sich Möglichkeiten der persönlichen Ansprache überlegen, von Mensch zu Mensch kommunizieren, auf persönliche Empfehlungen vertrauen und den Fokus auf die emotionalen Werte der Arbeit setzen. Es geht nicht mehr um Eventmanagment sondern um eine sehr herausfordernde Neuerfindung der Kommunikation. In der Welt der Medien wird die Vertrauenswürdigkeit und Wichtigkeit der Informationen immer relevanter und damit geht das Ende der Bedeutung von Celebrities einher. Alles ist bereit für das Neue.

Die Rezession wird sehr schwer sein und sehr lang – ein Jahr sagt Li Edelkoort und rechnet mit einem Neustart im Frühjahr 2021. Die Verlust werden unermesslich sein, aber das meiste ist auch virtuelles Geld … alles muss neu erfunden, neu konstruiert werden. Neue Strategien müssen gefunden werden, neue Systeme, neue Strukturen von Gesellschaft – das neue Normal. Es kommt der Zeitpunkt zur Umsetzung der Grundversorgung zur Deckung der Grundbedürfnisse.
Man wird klein anfangen, in einem Mix aus analog und virtuell. Die Designer sollten all ihre Liebe dahinein stecken und schon jetzt die Zeit zu ihrem Vorteil nutzen indem sie Grundlagen für neue Initiativen schaffen, in Kooperation gemeinsam Ateliers, Werkstätten und Läden nutzen. Es geht vor allem nicht mehr darum was andere erwarten sondern nur um das was man selbst von sich erwartet. Li Edelkoort sieht das schon länger von ihr prognostizierte „Zeitalter der Amateure“ beginnen …

take care!

hier die Links:

Bof Podcast Interview mit Li Edelkoort

Dezeen Interview mit Li Edelkoort

Li Edelkoort

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