L’amour fou – Carolein Smit: Leipzig vom 02.06. bis 30.09.2018

Ein „Amour fou“ verbindet die Liebenden in wiedersprüchlicher Leidenschaft. Hier überschreibt er die aktuelle Solo Ausstellung der niederländischen Künstlerin Carolein Smit (*1960) im GRASSI Museum für angewandte Kunst. Erschütternde, faszinierende Wesen und Szenen. Aus geschmeidigem Ton naturalstisch geformt. Mit üppigen Farbglasuren und schimmerndem Gold in ihrer Wirkung gesteigert. Carolein entführt uns in eine mystische, märchenhaft verstörende Welt. Berührt unsere Sinne. Konfrontiert uns mit betörender Kostbarkeit wie mit schmerzhafter Verwundbarkeit. Als lustvolle Herausforderung unserer Ambivalenz.

Carolein Smit stammt aus einer katholischen Familie. Mit sechzehn trat sie aus der katholischen Kirche aus. Sie wollte Schluss machen mit dem Heiligen- und Reliquienkult und sich der Übermacht religiöser Regeln entledigen. Doch seither, als Atheistin und Künstlerin, trägt sie schwer an der Last des Katholischen. Ihre schöpferische Kraft speist sich aus dem Kosmos der Wunder- und Absurditätenkammern, der Devotionalienkabinette und ihrer nachhaltig davon infizierten Fantasie. Ganz zuhause und bewandert im kunstgeschichtlichen Wurzelwerk unserer christlichen Kultur kann sie aus dem Vollen schöpfen. Mit Humor, mit Sarkasmus, mit Verzweiflung.

Sie erzählt von einer typischen Kontroverse. Für eine Ausstellung im Museum Catharijneconvent Utrecht hatte man sie eingeladen. Wohl wissend, dass ihre Werke in diesem Kontext Probleme bereiten könnten, wählte sie Objekte zur Probe. Darunter eine Lamm mit gebundenen Beinen, eine Taube und einen stark blutenden Schmerzensmann. „Zu viel Blut“, nach dem Geschmack der Äbtissin. Carolein stellte ihr die Frage:„wie viel Blut muß man vergiessen um heute die Welt zu retten?“

Carolein Smit zieht sich in ihr Atelier zurück und macht was ihr einfällt, was sie aus dem Alltäglichen heraus assoziert ohne unbedingt selbst in die Welt hinaus zu gehen. Beispielsweise ist ihr Kopf Johannes des Täufers, den Salome von Herodes als Belohnung für einen Tanz forderte, ihre Reaktion auf die Enthauptung des Journalisten Daniel Pearl am 23. Januar 2002 in Pakistan. Mit der Opulenz und Formensprache einer als gestrig empfundenen Kultur ist Carolein extrem aktuell und polarisierend. Geradezu seismographisch wittert sie die brisanten, unsere Gesellschaft erschütternden Themen.

Die Leipziger Schau umfasst über 30 großformatige Einzelplastiken, wobei der Fokus auf Arbeiten der 2010er Schaffensperiode liegt. Leihgaben der Künstlerin und der Galerie Michael Haas Berlin bereichern den Sammlungsbestand des GRASSI MAK, der auf eine Schenkung der Rotterdamer Sammlerin Rosemarie Willems zurück geht. Für Leipzig ensteht eigens die Installation eines Totentanzes monochrom weißer Ton-Reliefs vor nachtblauem Hintergrund. Skelettierte Menschen und Tiere, tanzend in der Natur. „Erblühen und Verfall. Faszination und Abscheu. Wahres Gesicht und Maske. Macht und Absturz. Verführung und Verhängnis. Schönheit und Hässlichkeit.“ Dr. Olaf Thormann bringt es auf den Punkt: „Es sind Bildwerke, die das fassen, wofür uns oft Worte und Gedanken fehlen. Sie sind nicht bequem zu konsumieren, aber sie haken sich fest…“

© Schnuppe von Gwinner

Meine Dokumentation des Aufbaus kann man auch auf dem GRASSI Blog finden

GRASSI
Museum für Angewandte Kunst
Johannisplatz 5-11, 04103 Leipzig

Öffnungszeiten: Di-So, Feiertage: 10-18 Uhr, Mo  geschlossen
Freier Eintritt an jedem ersten Mittwoch im Monat

Flyer zum Download