Immer wieder nachdenken: bildende versus angewandte… Kunst?

BKV Galerie München "angewanzt" , Objekte von Attai Chen, Gisbert Stach, im Hintergrund Rauchringmaschine von David Bielander | Foto: Schnuppe von Gwinner

Als „eine Einlassung zur Zweckhaftigkeit in der angewandte und bildenden Kunst“ beschreiben die beiden Kuratoren Unk Kraus und Gisbert Stach ihre Ausstellung „angewanzt“ in der Galerie des BKV in der Münchner Pacellistrasse. Diese fügt sich mit ihrer Thematik akkustisch wie visuell perfekt in die laufende Bausstelle, denn auch im übertragenen Sinne handelt es sich um eine „ewige“ Baustelle.

„Das Dilemma ist gegeben und die Anklage lautet, die angewandte Kunst müsse sich nützlich machen, allein der schönen Kunst sei es vorbehalten, sich als Selbstzweck zu behaupten. … Momentan scheinen die Grenzen zwischen angewandter und bildender Kunst wieder fließender zu werden. Angewandte Künstler arbeiten zunehmend freier, während sich Bildende gerne des Handwerks annehmen.“ Dies ist die These der Kuratoren.

Papier ist geduldig und liegt zur Aufrischung der Argumente für interessierte Besucher aus. Kluge Aufsätze, die ebenso nachdenklich wie spitzfindig Orientierung im über hundertjährigen Streit zwischen angewandter und freier Kunst anbieten, Grundsatzdebatten wieder beleben und letztlich doch nur Sisyphos vergleichbar den hoch gerollten Stein wieder talwärts stürzen sehen. Ganz offensichtlich möchten die Initiatoren unsere Nachdenklichkeit darüber, was Kunst besser können will als das Kunsthandwerk, wieder anschieben, den Tenor der schmerzlich empfundenen Ungerechtigkeit impliziert, der steckt da einfach drin.

Man könnte wohlwollend konstatieren, dass mit der Ausstellung „angewanzt“  mal wieder ein ernsthafter Versuch unternommen wurde. Mutig, dieses Mal, nicht nur mit Worten sondern mit Taten, mit Artefakten und Objekten zu Gunsten der angewandten Kunst zu argumentieren. Sieh mal, die kann das auch – und garnicht so schlecht! Die Mehrzahl der Ausstellungsstücke offenbaren allerdings ihre Botschaft nicht ohne erläuternde Texte.

Ich persönlich habe exakt zwei Exponate entdeckt, die das Dilemma der angewandten Kunst, zumindest für die Schmuckkunst, ohne verbale Hilfestellung souverän verdinglichen. David Bielanders legendäre  „Rauchringmaschine“ zum Beispiel bringt es unübertroffen auf den Punkt. Schon die lapidare Betriebsanleitung ist großartig – was für ein Schalk!  In einem beleuchteten Glaskubus wird Rauch produziert, und es bildet sich ein schwebender Rauchring. Die Ausstellungsbesucher, die zuvor ein Samtsäckchen käuflich erworben haben, können mit diesem den Ring durch das Betätigen eines Hebels einfangen – falls sich überhaupt ein Ring bildet. Sie zeigt uns die vielfältigen Aspekte und Bedeutungsebenen von Schmuck sowie die Ambivalenz des Objektes Schmuck an sich.  Die „Rauchringmaschine“ ist ein Projekt, das auch das Scheitern dieses Werdens vorführen kann, das Flüchtige des Moments, die Nutzlosigkeit von Schmuck, der es in diesem Fall ja nie zu seinem Träger schafft. Der Schmuck bleibt reines Begehren. (Zitat NZZ)  Gerade las ich meinen Nichten Andersens Märchen „des Kaisers neue Kleidervor – Honni soit qui mal y pense!

Das zweite Exponat ist die Installation  „Ketten und Blumen“ von Peter Bauhuis, dessen Skulpturen aus Silber, Gold und Bronze im Wachsauschmelzverfahren in einem Stück gegossen werden. Der entstandene Skulpturbaum besteht aus ineinanderhängenden Ösen einer großgliedrigen Kette, die durch für den Guss notwendige Angüsse zusammengehalten werden. Der Anguss dient der Skulptur als Sockel. Um die Kette anlegen zu können müsste man sie aus dem Objektbaum heraus schneiden. Der Besitzer entscheidet letztlich über Kunst oder Collier.

Darüber hinaus sah und bestaunte ich gleichermassen wunderbare wie überraschend vielschichtige Objekte und Konzepte von Künstlern. Ihnen allen würde ich gerne die ewige Grundsatzfrage umgekehrt zurufen: warum sie sich denn unbedingt aus dem Kontext der angewandten Kunst heraus verstanden wissen wollen? Warum?

Anna Maria Eichlinger gelingt ein feinsinniges und geradezu befreiendes Monument für ihren Familienschmuck, Susanne Holzinger steht diesem mit dem Upcycling aufgekehrten Staubes, den sie in Schmuckanhänger verwandelt, in der Schlüssigkeit des Konzeptes nicht nach. Und so könnte man viele weitere Besispiele aufzählen, die mit ihren konzeptionellen Ansätzen und deren Umsetzung  überzeugend mitreissende Geschichten erzählen. Ich sehe nur nicht den Zusammenhang zur angewandten Kunst, ausser der Tatsache, dass diese Ausstellung in der Galerie des BKV stattfindet.

Die Anwendung handwerklicher Techniken und/oder die Verwendung klassischer Materialien und /oder die formale Verwandtschaft kann doch nicht im Ernst das (tot)schlagende Argument für die Nähe zur angewandten Kunst sein! Die Botschaften der hier versammelten Objekte begründen diese Einschränkung meiner Ansicht nach nicht. Aus der Sicht ihrer Schöpfer, die sich hier mit ihrem Engagement und ihrer Lust in „höhere Sphären“ aufgemacht haben, wo das Narrativ der Nützlichkeit entkam um statt Tee oder Wein eine Idee, eine Botschaft auszuschenken? Und die dennoch in der Konsequenz den Schutzraum der angewandten Kunst nicht verlassen möchten, aus dem heraus sie ihr Unwohlsein  formulieren können, weil sie sich mit Minderwertigkeitsgefühlen plagen und sich  nicht ernst genommen fühlen? In den Köpfen vieler angewandter Künstler rotiert ein permanenter Rechtfertigungsloop!

Ihre Forderung nach angemessener Wahrnehmung verlangt dagegen klare und mutige Statements. Doch sie selbst sorgen für Irritation, indem sie einerseits ein freies, konzeptionell intoniertes Objekt zur Diskussion stellen und gleichzeitig eine Brosche, einen Kettenanhänger, einen Becher oder, oder in ähnlicher Machart, Technik, Anmutung daneben stellen (im übertragenen Sinne und wenn es ganz schlimm kommt auch tatsächlich) anstatt sich klar zu ihren Ambitionen zu bekennen. Entweder – oder! Auch ich weiß, dass sich eine funktionelles Kleinod schneller verkauft als ein frei assoziiertes künstlerisches Objekt. Doch darin liegt die Crux: Wirtschaftlicher Opportunismus ist der falsche Ratgeber. In seiner Konsequenz überfordert er den interessierten, wohlmeinenden Konsumenten, Sammler, Kurator. Doch eben dieser Opportunismus ist meiner Meinung nach der quälende Bandwurm, der immer wieder die leidige Debatte über die „Einlassung zur Zweckhaftigkeit in der angewandte und bildenden Kunst“ befeuert.

Freie Kunst ist kompromisslos. Die angewandte Kunst, das Kunsthandwerk, das Kunstgewerbe hat dienenden Charakter und verhält sich wie ein Zwitter, will hoch hinaus und ist dabei doch käuflich. Man schaue sich nur um wie klar der Anspruch und die Botschaft jener Angewandten  – Handwerker, Designer, Künstler – ist, die sich zu einer eindeutigen Haltung entschieden haben. Einzig das Werk zählt.  Es findet breite Anerkennung und wird honoriert. Niemanden interessiert wirklich welchen -ismen oder Kategorien sie zuzuordnen wären. Dieses Bedürfnis nach Einordnung wird nur von unübersichtlichen Ansprüchen geweckt. Die Debatte bleibt also lebendig. Vielleicht auch hier im Blog? Schön wär’s!

© Schnuppe von Gwinner

„angewanzt“

Am Donnerstag den 16.11. ist von 18.30 bis 20.30 „Aktionstag“ in der Ausstellung!

noch bis zum 18.11.2017 in der Galerie des Bayerischen Kunstgewerbevereins

 

 

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