Private Confessions: Ausstellung München vom 10.03. bis 07.05.2017 & Katalogbuch

Annamaria Zanella - Zeichnung, 2012 - Aquarell, Tusche Foto: © Nikolaus Steglic

Zum ersten Mal widmet sich eine »Schmuckausstellung« der Zeichnung und rückt damit ein vielschichtiges, bisher unterschätztes Thema in der Vordergrund der Betrachtung. 36 zeitgenössische Schmuckkünstler aus aller Welt präsentieren eine Auswahl von Zeichnungen, die ihre Objektarbeit begleiten. Das Spektrum erstreckt sich dabei von der Skizze, die sich an der konkreten Ausführung des Schmuckstückes orientiert, bis hin zur Zeichnung als unabhängigem künstlerischem Ausdruck. Neben ca. 400 Zeichnungen sind ausgewählte Schmuckstücke sowie Installationen und Skizzenbücher zu sehen. Das Panorma der ausgestellten Werke reicht von der minimalistischen, bis zum Äußersten reduzierten Geste über schriftliche Bekenntnisse bis hin zu barock narrativer Opulenz und der Verschmelzung mit der Schmuckskulptur.

Die Ausstellung schlägt ein neues Kapitel auf für die Rezeption und Reflexion des zeitgenössischen Autorenschmucks, der, insbesondere in München, eine herausragende Bedeutung gewonnen hat und alljährlich tausende von Besuchern in die Bayerische Landeshauptstadt lockt. (Pressetext)

Eine Ausstellung des Museums Villa Stuck in Zusammenarbeit mit dem CODA Museum, Apeldoorn, wo sie vom 18.09.2016 bis 08.01.2017 gezeigt wurde.  Kuratorin: Dr. Ellen Maurer Zilioli

Museum Villa Stuck
Prinzregentenstr. 60
81675 München

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11–18 Uhr

Das Katalogbuch zur Ausstellung erschien bei Arnold’sche Art Publishers in deutscher und englischer Sprache

Ein gewichtiges Buch begleitet die Ausstellung „Private Confessions – Zeichnung und Schmuck“ und wird diese überdauern. Aus diesem Grund vertiefe ich mich, bevor ich die Schau gesehen habe, und stelle seine Autonomie auf die Probe.

Zuerst einmal fasziniert die eigentlich so nahe liegende Idee, Zeichnung und Schmuck gemeinsam zu präsentieren. Dem Ergebnis eines Gestaltungsprozesses den Anfang, das Unverbindliche, das Suchende und Spielerische zur Seite zu stellen. Der Initiatorin Dr. Ellen Maurer Zilioli geht es aber ausdrücklich nicht nur darum, die Dokumentation der Entstehungsprozesse von der Idee zum fertigen Objekt zu beschreiben. Sie möchte mit dieser Gegenüberstellung den Gestaltungsraum, innerhalb dessen Ideen sich entwickeln und wieder verworfen, Impulse von aussen reflektiert, angenommen und ausgeschlossen werden, sichtbar machen. Die zeichnerischen Studien der Schmuckkünstler entstehen ja in völliger Freiheit, unabhängig von der Bewertung eines Schmuckobjektes.

Die Skizze, der erste Gehversuch einer Idee, eines Konzeptes ist genauso dabei wie die autarke Farbstudie, eine Collage oder ein Bildwerk, deren Verwandtschaft zum gesamten Oeuvre mehr oder wenig offenkundig ist. Sie alle entstammen der privatesten Dimension die den schöpferischen Prozess ausmacht. In ihrem eloquenten Textbeitrag „Geste – Vision – Bekenntnis“ beweist sich Dr. Ellen Maurer Zilioli als differenziert denkende Connaisseurin ihres Sujets. Sie würdigt jeden einzelnen der 36 beteiligten Schmuckautoren, sensibel und einfühlsam sein künstlerisches Credo aufspürend. Sie fühlt sich veranlasst über den Umweg der Zeichnung vielfältige Annäherungsargumente für den Autorenschmuck zur freien Kunst zu formulieren. Doch ihr beharrliche Fokus darauf, aus dem Zusammenwirken von Zeichnung und Schmuck die ersehnte Legitimation des Autorenschmuckes als freie Kunst wortreich herleiten zu müssen, ermüdet. Ich persönlich finde nicht, dass „die Zeichnung in ihrer adäquaten Funktion als hybrides Medium“ notwendig ist, „den Schmuck in direkten Kontakt mit aktuellen Disputen und Bahnen zu katapultieren“, wie Dr. Ellen Maurer Zilioli darlegt. Ihre Forderung, die Zeichnung als „seismografischen Indikator des Systems zu verstehen und ihr daher signifikante Bedeutung zuzubilligen und ihr verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen“, halte ich unbedingt für eine inspirierende kuratorische Aufgabe – doch als eine generelle Forderung erscheint sie mir überzogen.

Unter den an diesem Ausstellungsprojekt beteigten Schmuckautoren, die zu den international renommiertesten Künstlern dieser Sparte gehören, ist keine/r, der/die nicht ebenso überzeugend wie berührend seine/ihre individuelle, künstlerische Botschaft überbringen könnte. Konzentriert in den Schmuckobjekten selbst, im Zusammenwirken von Konzept, Gestaltung, Material und Technik, allen anderen Künsten ebenbürtig. Die Zeichnungen im direkten Kontext zu betrachten ist schön, teilweise hinreissend, spannend, doch genauso auch unspektakulär, beiläufig, normal. Es ist interessant und inspirierend die Korrespondenz der künstlerischen Medien zu erleben – in diesem Buch, in dieser Schau, beflügelt vom Kairos der Erst- und Einmaligkeit.

In einem weiteren Textbeitrag klärt der schweizer Kunsthistoriker Beat Wyss die Frage „wieviel Materie verträgt die Kunst?“ Er beschreibt das offenbar virulente Problem der Trennung von angewandter und freier Kunst indem er es vor seinen nachvollziehbaren historischen Hintergrund stellt. Doch schon längst sind Ornament und Bildsubstanz wieder eins geworden. Die Moderne versöhnte die Hierarchien zwischen angewandten und freien Künsten und gesteht allen eine Theorie der Gestaltung zu. Warum dennoch bis heute diese Empfindlichkeit der angewandten Künste so lebendig ist erklärt Beat Wyss so: „ Die gegenwärtigen Tendenzen der Schmuckkunst belegen die Durchlässigkeit der Gattungen, ohne dass die Gattungsgrenzen der einzelnen Künste dabei aufgehoben würden, denn diese sind ja nicht durch Unterschiede in künstlerischer Qualität und intellektuellem Anspruch zu suchen, sondern in den unterschiedlichen Institutionen und Zirkulationswegen der sogenannten freien Kunst und der Schmuckkunst. Es sind jeweils andere Galerien und Ausbildungsstätten, unterschiedliches Publikum und ein besonderer Sammlerhabitus, die der Rezeption von Kunst und Schmuck einen spezifischen Stempel aufprägen….es würde ja langweilig wenn alles mit einem Mal einfach Kunst wäre.“

So sehe ich das auch und vertiefe mich mit großem Genuss in den opulenten Bildteil des Kataloges.

© Schnuppe von Gwinner

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PRIVATE CONFESSIONS – Zeichnung & Schmuck

Ellen Maurer Zilioli

Hrsg. von Michael Buhrs, Museum Villa Stuck, und Carin Reinders, CODA Museum. 240 Seiten, 21 x 27 cm, 181 Abbildungen in Farbe. Hardcover. Deutsch / Englisch.

ISBN: 978-3-89790-476-7
Folgende Künstlerinnen und Künstler, von denen viele auch als Maler oder Zeichner tätig sind, lassen uns teilhaben an ihrer Eingebung, an den Etappen ihrer Arbeit sowie an Konflikt und Passion in ihrer Auseinandersetzung mit der Materie: Giampaolo Babetto, Jamie Bennett, Franz Bette, Doris Betz, Manfred Bischoff, Helen Britton, Claus Bury, Anton Cepka, Peter Chang, Eva Eisler, Ulo Florack, Thomas Gentille, Mielle Harvey, Kirsten Haydon, Margit Jäschke, Hermann Jünger, Daniel Kruger, Winfried Krüger, Otto Künzli, Alba Polenghi Lisca, Fritz Maierhofer, Bruno Martinazzi, Manfred Nisslmüller, Karen Pontoppidan, Wolfgang Rahs, Ruudt Peters, Jacqueline Ryan, Bernhard Schobinger, Henriette Schuster, Pedro Sequeira, Robert Smit, Despo Sophocleous, Norman Weber, Graziano Visintin, Hubertus von Skal, Annamaria Zanella