London: Besuch im New Design Museum

Designmuseum Innenhof mit Blick in die ständige Ausstellung morgens direkt nach der Öffnung - Foto: Schnuppe von Gwinner

Im November 2016 (craft2eu-Blogpost) eröffnete das neue Design Museum in London – eines der weltweit wichtigsten Designmuseen. Es wurde 1989 von Sir Terence Conran gegründet und damals am Themseufer, zwischen Tower und London Bridge, in einem ausgedienten Bananenlager eingerichtet – dem heute viele angesichts der Enge in den neuen Ausstellungsräumen nachweinen.

Das Design Museum in London widmet sich der gesamten Bandbreite des Designs, von Innenarchitektur und Architektur über die Grafik und Mode bis zum Industriedesign. Mit der Neueröffnung des Designmuseums in Kensington geht für dessen heute über 80jährigen Gründer ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Nach acht Jahren Bauzeit zog das Design Museum in das ehemalige, unter Denkmalschutz stehende Commonwealth-Institut an der Kensington High Street ein, das der Architekt John Pawson fit für das neue Jahrtausend machte.

Nun ergab sich für mich die Gelegenheit selbst zu schauen was es geworden ist.

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Eingangswand – alles ist Design – zur ständigen Ausstellung im Design Museum London

Die ständige Ausstellung ist wirklich sehenswert und anregend. Doch man sieht tatsächlich nichts mehr, wenn man nicht gleich ganz früh da ist. So viele Menschen stehen dann in den engen Gängen vor den Schrifttafeln mit den informativen Texten zur Designgeschichte und vor den perfekt gewählten Exponaten aus den letzten ca 150 bis 200 Jahren. Alles gut gemacht – nur viel zu eng bei diesem Besucherandrang. Das würde man angesichts der großartigen Einganshalle wirklich nicht vermuten.

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Blik auf den Eingang zur stängigen – verstopften -Ausstellung im Design Museum

Die Schau setzt alle gewählten Beispiele in den linearen Kontext von Designer – Hersteller – Nutzer, d.h. auf Englisch ganz elegant: Designer – Maker – User! Wir alle sind die Nutzer von Dienstleistungen und Produkten, die alle designt, also entworfen und entwickelt wurden und werden. Wir wählen Produkte danach aus wie gut sie uns darin unterstützen unsere Aufgaben zu erfüllen oder unsere Identität darzustellen. Design gibt uns die Freiheit so zu leben und uns so auszudrücken wie wir es möchten. Gleichzeitig verändert Design die Welt um uns herum und unseren Platz in ihr: so wie wir es uns kaum vorstellen können.

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Die Kommunikationswand dokumentiert den Wandel anschaulich – die Fernsehkugel begeisterte das Publikum besonders

Als Nutzer haben wir die Macht auf Design Einfluss zu nehmen. Unsere Auswahl macht einige Designs erfolgreich und lässt andere scheitern. Jedoch sind die Gründe warum wir ein Produkt statt dem anderen auswählen sehr komplex. Manche unserer Entscheidungen sind klar und vorhersehbar, basierend auf Kosten, Effizienz, Komfort oder Notwendigkeit. andere Abwägungen treffen wir weniger bewußt, eher angespornt durch Emotionen oder spontan aufkommende Wertschätzung, oft auch durch die Beeiflussung von Herstellern und ihrer Werbung. Wenn wir die Dinge, mit denen wir leben verstehen lernen, hilft uns das eine sachkundigere Auswahl zu treffen. Im Designmuseum erfährt man sehr viel darüber, wie man die Dinge selbst befragen kann …. und wie man das auf die eigenen Besitztümer übertragen kann.

Große Themen der ständigen Ausstellung sind Ökologie und Nachhaltigkeit – die Beeinflussung von Designer – Maker – User im Umgang mit Ressourcen damals bis heute. Sehr anschaulich auch die Gegenüberstellung von Craft und Design, die Schilderung und Dokumentation von den Wegen der Herstellung, die immer in Bewegung sind. Neue Materialien, Technologien und Ideen beinflussen wie produziert wird. Normalerweise geht das langsam, doch gelegentlich kommen so viele Faktoren zusammen dass es zu einer fundamentalen Veränderung kommt. So ermöglichten im 19. und 20.ten Jahrundert neue technische Möglichkeiten Massen- und Billigproduktion identischer Produkte. Das führte wiederrum zur Entwicklung industrieller Schwerpunkte und Städte und damit zu neuen urbanen Konzepten, z.B. zu großen Hauptstrassen für den Pendlerverkehr.

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Blick zurück in die ständige Ausstellung im Design Museum

Gegenwärtig setzen wir uns mit einer weiteren Transformation der Produktionsbedingungen auseinander. Werkzeuge der Niedrigkosten-Fabrikation verbreiten sich zunehmend. Sie werden für jedermann verfügbar und leichter zu bedienen, was die Hürden senkt selbst ein Hersteller zu werden. Darüber hinaus ermöglichen digitale Prozesse die automatisierte Produktion von maßgeschneiderten Produkten nach Bedarf und bindet damit die Interaktion des einzelnen Nutzers in diesen Prozess ein. Es geht nicht mehr so sehr um das Angebot sondern um die Nachfrage. Dieser Wandel hat das Potential die Industrie, den Handel und unser Leben grundsätzlicher zu verändern als vorausgegeangene industrielle Revolutionen dies taten. Das ist spannend nachzuvollziehen – wir stecken ja alle mitten drin!

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New Old im Designmuseum – schliesst leider schon am 19.02.

Zwei Sonderausstellungen – unter den vielen Angeboten –  verdienen noch Erwähnung. „New Old“ untersuchte die Möglichkeiten von Design und Designern das Leben im Alter zu erleichtern und führte damit weit über die intelligente Schnabeltasse hinaus. Die Ideen zu selbstfahrenden Fahrzeuge und mit Robotik aufgerüsteter Kleidung kamen zwar auch vor, doch es ging vor allem darum wie Innovationen und Design bestimmen können wie wir in den letzten Stadien unserer Leben leben. Es ging viel um Statistiken, doch auch um Gemeinschaft, Erfahrung, Mobilität und Einsamkeit. Viel Gesprächsstoff für das sich anschliessende Mittagessen mit meiner 30jähigen londoner Nichte – und darüber hinaus.

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Fear and Love – Design Museum London bis 23 April 2017 (Foto: Design Museum)

„Fear and Love“ – Reactions to a Complex world – führt die o.g. Themen weiter und setzt Schlaglichter durch die Installationen der eingeladenen Künstler. Aktuell leben wir „hybrid“. Entweder müssen wir das Tempo raus nehmen, für unsere Gesundheit und das Wohl unseres Planeten – oder wir müssen Fahrt aufnehmen um das technologisch mögliche gelobte Land zu erreichen. Es herrscht eine Schizophrenie des Tempos, die offensichtlich immer zu der Gegenwart in der man lebt dazu gehört. Slow Food, Lokalpatriotismus und Handwerkskunst einerseits und Vollautomatisierung, genetische Allmacht und Globalisierung andererseits – doch keine dieser Positionen ist exklusiv.

In der Ausstellung „Fear and Love“ geht es um den Geist, um eine Haltung. Die künstlerischen Installationen sollen die Besucher in eine Stimmung versetzen, die sie für Experimente, Assoziationen, Transformationen und gedankliche Auseinandersetzung öffnet. Die Kuratoren vermitteln Design als einen erweiterten Zustand, als ein System, eine Erfahrung, eine Disziplin die Anteil nimmt an den gesellschaftlichen Reizthemen die das Spektrum der Praxis umfassen mit der sich Design auseinandersetzt. Aus aller Welt und allen Bereichen wie Architektur, Mode, Graphik- und Produktdesign kommen die Stimmen zusammen und fordern heraus darüber nachzudenken, was Design… und vielleicht auch eine Design-Ausstellung ist.

© Schnuppe von Gwinner (Text und Fotos)

Design Museum, 224-238 Kensington High Street, London, W8 6AG.

Alle Ausstellungen sind auf der Homepage des Museums hervorragnedn dokumentiert in Bild und Text und auch die Kataloge (Phaidon Press) sind bemerkenswert informativ und gut gemacht.

Die wichtigste Botschaft scheint zu sein: das Design Museum ist zwar näher an das Victoria and Albert Museum gerückt, liegt aber noch 10 Minuten Fußmarsch von der U-Bahn Station Kensington High Street entfernt, direkt neben dem Holland Park. Selbst die Londoner entdecken diese Entfernung mit Erstaunen.

 

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