London: COLLECT OPEN 2017 Nachlese

Im Dachgeschoss der Saatchi Gallery wirkt alles nicht ganz so abgehoben. Hier ist die Cafeteria. Eine Ausstellung der Plakate des Crafts Council aus den vergangenen Jahren. Der Vortragsraum. Und die großzügig angelegte Schau „COLLECT OPEN“ als wegweisende Bühne für originelle, experimentelle, Konzept-orientierte Objektkunst – in diesem Jahr von der unglaublichen Faye Toogood kuratiert. Kommunikation das vereinende Ziel – wer es hierher geschafft hatte bemühte sich spürbar um Austausch, die der respektvollen Betrachtung der präsentierten Kunstobjekte ja idealerweise folgen sollte.

Natürlich lebt eine Messe wie die COLLECT vom Verkauf der Objekte! Die ausstellenden Galeristen bemühen sich um bestmögliche Startplätze für Ihre Künstler, nehmen viel Geld in die Hand – und hoffen neben aller Begeisterung auch und gerade auf finanzkräftige und kaufwillige Sammler und Kuratoren. Doch diese kommerzielle Ausrichtung schafft atmosphärisch eine Stimmung, die nicht ganz diese vibrierende Neugierde zulässt, die nicht nur die Frage nach dem Preis beinhaltet sondern auch nach den Inspirationen, Ideen, Geschichten und Absichten, die man direkt an die erwartungsvollen Künstler stellen kann. Die meisten Installationen signalisierten ganz klar den Mut in anderen Kategorien zu denken und sich thematisch auch mit aktuellen Gesellschaftsthemen auseinander zu setzen.

14 Installationen waren im Rahmen der „COLLECT OPEN“ zu sehen: (Namen sind auf die Homepages verlinkt)  Claire Curneen (UK), Domitilla Biondi (Italy), Fay McCaul and Kia Utzon-Frank (UK), Hugh Miller (UK), Julie Massie (UK), Malene Hartmann Rasmussen (UK), Richard McVetis (UK), Ruth Glasheen (UK), Seung Hyun Lee (Korea), Shelley James (UK), Silvia Weidenbach (UK), Soojin Kang (UK), Tanya Gomez (UK), Cheon Woo Seon (South Korea) .

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Die Korbmacherin Ruth Glasheen (UK) reflektierte in ihrem ausgedehnten Werk für die COLLECT OPEN eine abstrakte Erkundung der Stimmungen eines Sommertages, in dem sich die Geologie und  Geschichte einer Landschaft mit Gedanken, mit Träumen, Aussichten, Gerüchen und Geräuschen vermischen: „A Walk through the South Downs“. Gräser und Halme in einer Buntheit von Naturtönen hat Ruth mit verschiedenen Flechttechniken zu einer Komposition gewunden, die sich in Kreisen und Bögen – Analogien zu pflanzlichem Wachstum und dem Auf und Ab einer hügeligen Landschaft – über eine lange Wand entwickelt.

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Cheon Wooseon: Jar with Cracks 0315. 2015, Kupfer und Eisen

Schon auf der Münchner Korea-Ausstellung vor einem Jahr bewunderte ich die akribischen Buntmetall-Montagen des jungen Koreaners Cheon Woo Seon, die dort herausragend plaziert wurde. Seine Gefässe bestehen aus feinen Linienmustern die das durchfallende Licht in besonderer Weise inszenieren. Erst im Kontext dieser immateriellen Partnerschaft offenbart sich die ganze erlesene Schönheit dieser Objekte. Umso größer die Enttäuschung des Künstlers, dass ihm im Rahmen der COLLECT OPEN lichttechnisch keine optimalen Bedingungen geboten wurden – das war auch schade für das begierige Publikum!

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Tanya Gomez: A day, 2016, Installation aus glasierten Keramikgefässen und Malerei

Tanya Gomez ist seit vielen Jahren eine feste Größe in der britischen Keramik, bekannt für ihre handgedrehten Porzellangefässe mit hoch gebrannten, leuchtend farbigen Glasuren. Eine große und lebendige Gruppe dieser Töpfe setzt sie in der Installation „A Day“in Beziehung zu einem Aquarell, das sie auf eine ausladende Leinwand drucken ließ. Die Gesamtkomposition hat durchaus dekorative Qualitäten und wertet alle beteiligten Elemente auf. Ein echter Hingucker, in dem sich die Freude am Seriellen, am ungleichen Gleichen und am spontanen aber charmanten Unvollkommenen gegenseitig beflügeln ohne dass es um tiefere Inhalte gehen muss.

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„Granny’s Chips Reloaded“ nennt die deutsche Schmuckgestalterin Silvia Weidenbach ihre Broschen – verwunderliche Geschöpfe als Synthese traditioneller Schmuckelemente und neuster 3D-Print Technologien und Kunststoffmaterialien. Theatralisch inszeniert und ins Rampenlicht gesetzt wecken diese Zwitterwesen aus alter und neuer Welt gemischte Gefühle. Auf der Suche nach klassischer Schönheit und Kostbarkeit wird man hier nicht fündig. Begriffe wie Opulenz und Kitsch greifen auch nicht. Mir vermitteln diese Stücke den Eindruck, dass Ihre Schöpferin inhaltlich zwar „abgereist“, aber noch nicht wirklich angekommen ist. Als Betrachter sollte man den experimentellen Weg am besten mit gehen, denn es könnte noch sehr spannend werden.

Der englische Möbelbauer Hugh Miller verbrachte viele Monate in Japan, zuerst ermöglicht durch das Stipendium „Chruchill Research Fellowship 2015“ und 2016 dann durch die eigene Begeisterung. Die Entdeckung japanischer Objektkultur und Bräuche lösten in ihm den dringenden Wunsch aus, europäische Objekte und ihre Nutzung davon lernen zu lassen. Im Gespräch mit ihm fallen Begriffe wie „Textur und Weichheit“, „Verborgenes und Sichtbares“, „Leichtigkeit und Stabilität“ – sie beleuchten die Dualität japanischer und westlicher Kultureinflüsse und kennzeichnen seine Arbeiten. Seine  Möbelgruppe „The Coffee Ceremony“ stellt der japanischen Tradition etwas eigenes entgegen indem sie aus ihnen gelernt hat. Ein Fest muss es sein, sie zu benutzen!

Die Installation des Trollwaldes der dänischen Künstlerin Malene Hartmann Rasmussen nahm die ganze Stirnwand des Ausstellungsraumes ein und zog die Besucher an wie die Motten das Licht: eine bizarre Phantasmorgie! Eine naive Fantasy-Fantasie verbündete sich in diesem Bild mit einer Art Saubermannhaltung. Die Keramikobjekte sind alle perfekt, akkurat, strahlend, auch wenn es sich dabei um sehr kreative, deatailreiche Interpretationen von z.B. Ameisen, Häschen und Pilzen, Schmetterlingen, Regenwürmern und Schnecken, Blättern, Steinen, Blumen und zähnefletschende Waldungeheurchen handelt. Im Wald wurde kräftig aufgeräumt! Das Tapetenmotiv wurde aus Keramikblättern auf weißem Grund komponiert, abfotografiert und digital gedruckt. In ihrem“Wald“ erkennt Malene die Metapher für das verborgenen Reiche des Unterbewußten, die das unheilvolle Dunkle, die wilden und tierischen Umtriebe ebenso beinhaltet wie die supra-naturalistische und nostalgische Welt der Märchen, eher zum staunen als zum fürchten.

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Domitilla Biondi „No thing Matters“ Serie, 2016, Papier

In ihrer ganze eigenen Technik schneidet die italienieren Domitilla Biondi mit dem Skalpell in dickes, elfenbeinfarbenes Büttenpapier. Die reine Poesie fliesst ihr aus dem Messer und tanzt mit Licht und Schatten in schwungvollen Blütenmustern und zeichenhaft strukturierten Spiralen über die Flächen. Jede Komposition ist ein Unikat, erinnert vage an dies oder das, bleibt aber letztlich ein artifizielles Kunststück, ganz um seiner selbst Willen.

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Claire Curneen: Tending the Fires, 2016, Porzellan

Den hochgelobten Porzellan-Skulpturen und Installationen der Engländerin Claire Curneen, die ja auch den Collect Award als Ausstellerin zugesprochen bekam, kann ich selbst nicht allzuviel abgewinnen. Für mich sind diese knochenlosen menschlichen Wesen, auch wenn sie bedeutungsvoll mit allen möglichen  Dingen gespickt, bemalt oder ausgestattet sind, etwas zu dilettantisch. Das grell erleuchtete Diorama für die COLLECT war vielsagend angefüllt mit einem Gewirr an Körpern und Körperteilen, Bäumen und Ästen, Gefässen und Scherben, Vögeln – ausgearbeitet, skizziert, fragmentarisch. Ihre transparente und zerbrechliche Qualität soll eine gehaltvolle Metapher bieten in der wir die menschliche Existenz und Natur auf unserem prekären Planeten erkennen sollen. Die Künstlerin stand neben ihrer Instatllation und erklärte, erklärte, erklärte den fragenden Besuchern – ich hab nicht nachgefragt weil ich meine, dieser Thematik an anderen Stellen schon sehr viel drastischer und überzeugender begegnet zu sein.

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„Curved Twist“ ist eine echte kleine Innovation, entstanden aus der experimentellen Zusammenarbeit der Royal College Graduierten Fay McCaul and Kia Utzon-Frank. Fay vereint moderne Materialien in diversen Stricktechniken für Trennwände und Konstobjekte. die Produktdesignerin Kia verfolgt in ihrem Werk einen stark architektonisch und skulptural orientierten Fokus. Gemeinsam entwickelten sie den Sichtschutz „Curved Twist“, dessen einzelnen Lamellen bzw. waagerechten Elemente sich völlig frei per Fernsteuerung verschieben lassen. So ergeben sich aus dem geschlossenen Vorhang eine endlose Vielfalt an Verhältnissen von geöffneten  zu geschlossenen Strukturen die mehr oder weniger Licht in einen Raum lassen und dazu noch spannende Muster auf Boden und Wände zeichnen! Anschaulicher wird das hier erklärt: https://kufstudios.com/project/twist/

Dies soll genug sein  und wenigstens einen kleinen Blick zurück auf die COLLECT OPEN 2017 in London ermöglichen. All die, die ich nicht persönlich erwähnte mögen mir nicht Gram sein – unter den angegebenen Links lässt sich jede Menge mehr entdecken.

© Schnuppe von Gwinner (Text und Fotos)