Sommer in Wien II: auf den Spuren von Otto Wagner

die Nachbarschaft von Otto Wagner am Naschmarkt. Foto: schnuppe von gwinner

Als ganz besonderes Highlight hatte sich unsere Reiseleitung ausgedacht eine wiener Persönlichkeit besonders ausführlich zu würdigen: den bedeutenden österreichischen  Architekten Otto Wagner, Architekturtheoretiker und Stadtplaner Wiens  (1841 bis 1918), der wie kein anderer das Aussehen seiner Heimatstadt geprägt hat. Obwohl seine Architektur nicht unumstritten war, entwickelte er sich in den 1890er Jahren zum  einflussreichsten Architekt in Wien: Er wurde Professor an der Akademie der bildenden Künste und man beauftragte ihn mit der Generalregulierung der Stadt.

Wieder führte uns der kenntnisreich und amüsant berrichtende Herr Mag. Karl Zillinger durch die Stadt.

Auch wenn Otto Wagner seine Zeitgenossen mit klaren Formen und neuen Materialien nicht nur überraschte sondern auch schokierte, wurde er doch mit Aufträgen überschüttet. So plante er beispielsweise die Wiener Stadtbahn, deren historische Strecke bis heute von einem Eisengeländer begleitet wird, das Otto Wagner entworfen und mit seinem „Markenzeichen“, der Sonnenblume, geschmückt hat. Acht Stadtbahnstationen, die nach seinen Entwürfen gebaut wurden sind heute noch im Originalzustand erhalten geblieben. Alle andere Bauwerke wurden im Krieg zerstört oder mussten der U-Bahn weichen. Am bekanntesten sind die Gebäude der ehemaligen Stadtbahnstation Karlsplatz der Wientallinie. Im westlichen Pavillon ist heute ein kleines  Museum  eingerichtet, das umfassend Auskunft über die Projekte Otto Wagners gibt. Der östliche Pavillon beherbergt heute ein Café.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts veränderte sich Wagners Stil. Er wandte sich von den typischen historistischen Formen seiner früheren Bauten ab und schuf den Stil, für den er hauptsächlich bekannt ist: die Wiener Variante des Jugendstils. Diese wurde bekannt als „Secessionsstil“, abgeleitet von der Wie­ner Secession, einer Vereinigung von bildendern Künstlern in Wien der Zeit um die Jahrhundertwende. Charakteristisch für diese „secessionistische“ Pha­se Otto Wagners sind vor allem die flächigen Ornamente an architektonisch sehr puristisch und nüchtern gestalteten Gebäuden. Direkt am Naschmarkt in Wien sind drei wunderbare Gebäude von Otto Wagner erhalten – das Majolikahaus und die linke Wienzeile 38 – deren Jugendstil-Dekorationen wirklich Maßsstäbe setzen. Nur das Haus in der Köstlergasse gibt sich heute ganz puristisch und macht damit das architektonische Credo Otto Wagners besonders deutlich.

Mit der Zeit wurden die Formen in Wagners Bauten immer schlichter und auf Funktionalität ausgerichtet. So wurde er zu einem der Urväter der Neuen Sachlichkeit, die später zum Bauhausstil führen sollte. Wir besuchten sein Postsparkassengebäude, das eines der berühmtesten Gebäude aus dieser Phase Otto Wagners ist und viele Architekten inspirierte. Charakteristisch für den Bau ist eine nüchterne Architekturform im Äußeren und ein strenger Funktionalismus im Inneren.  Er wurden allerneueste Mate­ria­lien wie Stahlbeton und Aluminium verwendet, sowie Glasziegel am Boden des Kassensaales. Dadurch bekommen die darunterliegenden Räume mehr Licht.

Wir schauten uns noch diverse andere Otto Wagner Gebäude an und diskutierten seinen Stil, vor allem seine Wirkung und selbstbewusste Innovationskraft zu seiner Zeit, die doch noch sehr vom Historismus und  pompösen Neo-Stilen geprägt war. Ganz besonders deutlich wird das, wenn man die Erbauungszeit der Postsparkasse betrachtet: 1906 bis 1912 – dessen direktes Gegenüber ist ein fast gleichzeitig erbautes Regierungsgebäude im opulentesten Stil des Historismus! Die in den letzten Zügen liegende Kaiserzeit musste wohl ganz dick auftragen um sich selbst ihrer Macht zu versichern.

An dieser Stelle entlies uns Herr Mag. Karl Zillinger in den Bus auf die Fahrt zum absoluten Highlight des Tages! Wir fuhren hinaus zur Otto Wagner Kirche am Steinhof, in der uns der Kustos Paul Johannes Keiblinger zu einer eigens arrangierten Führung erwartete. Seit über vierzig Jahren ist er der Landes-Heil-und -Plegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke erst in der Adminstration, heute als Kustos der Kirche, zutiefst verbunden. Ihre Geschichte ist auch seine Geschichte und man könnte sich keinen kundigeren und empathischeren Führer wünschen als ihn. So wurde der Besuch dieses besonderen Ortes wirklich zu einem beeindruckenden Erlebnis, das man sich erst einmal durch den Aufstieg auf den Hügel, auf dem die Kirche zum heiligen Leopold liegt, verdienen musste.

Wir betraten den lichterfüllten Kirchenraum, begrüßt und getragen von Obertongesang, der hier ideale akkustische Voraussetzungen findet. Erst nach geraumerZeit, in der sich jeder selbst wundern und Details entdecken durfte, versammelte uns der Kustos zu seiner detaillierten Führung. Zu Beginn schilderte er seine Freude uns dabei zu beobachten, wie wir die Kirche betraten und deren Eindruck mehr und mehr Begeisterung und Freude auf unsere Gesichter zauberte. Allein das verrät schon eine Menge über diesen Menschen und seinen Ort. Dennoch empfehle ich den sehr ausführlichen  Wikipedia-Artikel für alles weitere, denn das würde hier doch zu weit führen.

Ich kann nur noch versichern, dass wir einen herrlichen Abend beim Heurigen Werner Welser in Heiligenstadt hatten und unseren  nächsten Wienbesuch planten.

Text: Schnuppe von Gwinner

 

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