Leipziger Buchmesse: subjektiver Spaziergang am 12.März 2015

Leipziger Buchmesse 2015 Treppe Glashalle (c) Leipziger Buchmesse

Schon gestern hatte ich mich bei diversen „Leipzig liest“ Events eingestimmt. Besonders kurzweilig war ein literarischer Spaziergang durch die Innenstadt mit der „Leipzigerin“ alias Dr. Kirsti Dubeck: es sind mehr Autoren in Leipzig geboren als gestorben und überall an den Häusern hängen Plaketten und Konterfeis von berühmten Dichtern und Autoren der deutschen Literaturgeschichte. Die humorvollen Ausführungen der „Leipzigerin“ weckten in jeder Hinsicht die Aufmerksamkeit dafür.

Heute nun die Leipziger Buchmesse selbst! Schon die Anreise in der allerbuntesten Gesellschaft ungezählter Manga-Fans war ein Erlebnis der besonderen Art. Mein erstes Ziel: das Ausstellungsareal für Künstlerbücher, Handpressendrucke und Graphik, denn für die 24. IAKH – Jahresschrift habe ich einen Artikel über die Künstlerin Tita do Rego Silva beigetragen und wollte nun auch die Ausstellung dazu auschauen. Doch nicht nur dort sondern alle benachbarten Stände hatten wunderbare Preziosen zu bieten – Handdrucke und ebenso aufwendig wie liebevoll handgemachte Bücher. Auf’s Ganze gesehen ökonomisch unerheblich, dafür umso mehr Idealismus und Leidenschaft. An solch‘ einem Ort kommt einem niemals die Frage in den Sinn, ob denn das Buch nun überflüssig wird. Das Buch als Objekt, in seiner Gestaltung und Aufmachung die individuelle, buchkünstlerische Interpretation des Inhaltes veranschaulichend, ist über jeden Zweifel erhaben. Hier zählt das Gesamtkonzept, von der Auswahl des Textes, des Papieres, der Drucktechnik, der Farben, der Papiere, des Illustrationsstils, des Einbandes, etc. – alles, alles, alles ist relevant und spielt zusammen.

Gleich um die Ecke, die Hochschulpräsentationen mit einer Fülle an herrlichen Bilderbüchern –  nicht nur für Kinder. Faszinierende Geschichten, Interpretationen – Anrührendes, Erschreckendes, Innovatives, Klassisches .So viel geballte Fantasie und Talent, das einem auch hier nicht um die Zukunft des Buches bange wird. Doch ich denke, solange es von seinen Initiatoren und Machern als Gesamtkunstwerk geplant wird, in dem Inhalt, Material, Stil und Form unabdingbar zusammenklingen, ist ein Buch ein Buch und weder als Ganzes noch in Teilen ersetzbar.

Umso spannender die Diskussion im kulturpolitischen Forum des WDR, die ich am Nachmittag verfolgte: Dichtung digital. Über die Literatur von morgen: E-Book-First, E-Book-Only: Welche Auswirkungen hat digitales Publizieren für unsere Buchkultur? Ganz klar – vorausgesetzt ist hier, dass das Buch nun mehr nur noch Medium, Träger von Inhalten, von Text wäre. Damit ist auch seine Daseinsberechtigung in Gefahr, denn solange der Inhalt „rüber“ kommt ist es relativ egal, wie. Naja, das „wie“ hat natürlich auch Einfluss auf den Inhalt.

Die Runde diskutierte präzise und unterhaltsam – wenn auch mit offenem Ergebnis. Aber das liegt in der Natur der Sache, denn wir bewegen uns in einer total hybriden Welt – wie auch im Feld des Designs, in unserem gesamten Lebensumfeld. Wir wissen nur, dass wir für das Buch, oder für das was es ersetzen wird, andere Strukturen brauchen ( u.a. Urheberschutz, Archivierung, Monetarisierung betreffend), die heute noch nicht entwickelt sind. Das E-Book ist genauso wie das Buch Teil einer Übergangskultur, in einem dauernden Verwandlungsprozess gefangen, der von den Akteuren als große Zumutung begriffen wird. Es diskutierten:

Die Autorin Elke Heinemann, auf deren Feature in sieben Kapiteln Bye Bye Book – Dichtung im digitalen Zeitalter im WDR/NDR/BR am 16.04.15 um  20.03 Uhr hier hingewiesen werden soll.

Der Autor Thomas Hettche, dessen Ausführungen Literatur und Freiheit, Literatur und Unendlichkeit, Literatur und Moral (alle für den WDR) in diesem Zusammenhang viel Erhellendes beitragen – und danach sollten Sie die Pfaueninsel, seinen jüngsten Roman „die Pfaueninsel“ lesen und Literatur im klassischen Sinn geniessen!

Der Kulturwissenschaftler Stephan Porombka, dessen Homepage/Blog „usw usf“ eine Fülle an weiterführenden Gedanken und Links zum Thema bietet.

Die Autorin und Herausgeberin Nikola Richter deren Internetseite „mikrotext. short digital reading“ schon einen Schritt in die literarische Zukunft voraus ist – was derzeit noch von den meisten Protagonisten des Literaturzirkus‘ eher ungläubig bestaunt wird: darf das sein?

Nachhören kann man die ganze Aufzeichnung der Podiumsdiskussion vom 12.03.15 auf der Leipziger Buchmesse mit Elke Heinemann, Thomas Hettche, Stephan Porombka und Nikola Richter, moderiert von Manuela Reichart, auf WDR 3, 15.03.15, 19.05 Uhr

Ich bummelte noch stundenlang über die Messe und staunte nicht schlecht über die unendlich vielen schönen und weniger schönen Bücherfluten; wie die Verlage sich notgedrungen nach der Decke des Publikumsgeschmacks strecken; … und im Autorenforum ein „Verlags-Fachmann“, der  ein großes Auditorium von möchte-gern-Autoren vor den angeblich so unseriösen Machenschaften der „Self publishing“ und „Book on demand“ Vertreter warnte. Augenschein und  Nachfrage ergab, dass es zahlreiche ganz seriös wirkende Anbieter gibt und dieses Konzept durchaus seine Daseinsberechtigung hat. Die Debatte um’s Buch hat ihren kulturpolitischen Höhepunkt bestimmt noch nicht erreicht. Es bleibt spannend und das einzig Beständige bleibt – wie immer – der Wandel.

Inmitten einer Gruppe zerzauster Manga-Fans trat  ich meine Heimreise von einem aufregenden Tag auf der Leipziger Buchmesse an, deren Besuch bis einschliesslich Sonntag den 15.März 2015 für jederman möglich ist – sehr zu empfehlen!

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