Der edle Akt. Porzellan und Erotik: Fürstenberg vom 23.05. bis 20.12.2026

Detail Gustav Oppel (1891-1978), „Triton“ und „Najade“, um 1920, Porzellanmanufaktur Aelteste Volkstedt, Leihgabe: Privatbesitz | Foto: C.Warneke

Nackte Körper, zärtliche Umarmungen, provokante Posen: Die europäische Porzellankunst ist voll von erotischen Motiven und Botschaften – und manchmal scheint das Material selbst zu flirten. Die  Sonderausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ im Museum Schloss Fürstenberg lädt dazu ein, genauer hinzuschauen.

Der edle Akt | Foto: C.Warneke

Seit dem Rokoko sind Erotik, Sexualität und Geschlechterbilder feste Bestandteile der europäischen Porzellankunst. Mal zart angedeutet, mal überraschend deutlich zeigen Figuren und Dekore, wie sehr Lust, Begehren und gesellschaftliche Normen miteinander verwoben waren. Häufig versteckten sich erotische Motive hinter mythologischen Szenen, allegorischen Figuren oder höfischen Liebespaaren – und waren dennoch klar lesbar für ein eingeweihtes Publikum. Porzellan bot dabei einen besonderen Spielraum: Serien antiker Götter erlaubten das Zeigen nackter Körper, Darstellungen galanter Paare feierten das Ideal der höfischen Liebe, während Schäferszenen diese romantisch verklärten. Beliebt waren auch Theaterfiguren der Commedia dell’arte, die mit Humor und Überzeichnung bewusst gegen höfische Regeln verstießen und Lust als Spiel inszenierten.

Gustav Oppel (1891-1978), „Triton“
und „Najade“, um 1920,
Porzellanmanufaktur Aelteste
Volkstedt, Leihgabe: Privatbesitz | Foto: C.Warneke

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts änderte sich der Blick. Aufklärung und Klassizismus verdrängten die als frivol empfundenen Liebesmotive. An die Stelle galanter Szenen traten strengere Schönheitsideale nach antikem Vorbild. Porzellan verlor in den Augen vieler Kritiker seinen künstlerischen Anspruch und damit auch seine erotische Offenheit. Der Blick auf das 18. Jahrhundert als „galantes Zeitalter“ entstand erst später, als Porzellan im 19. Jahrhundert verstärkt kunsthistorisch erforscht wurde. Die sinnliche, verspielte Formsprache des Rokoko galt nun als besonders passend für das Material Porzellan und prägte nachhaltig das Bild dieser Epoche. Diese Neubewertung beeinflusste nicht nur die Wahrnehmung des Publikums, sondern auch die Programme der Porzellanmanufakturen. Historische Motive wurden aufgegriffen, weiterentwickelt und mit zeitgenössischen Strömungen wie Jugendstil und Symbolismus verbunden. So blieb die Bildwelt des Rokoko präsent – immer wieder neu interpretiert und bis ins 20. Jahrhundert hinein lebendig.

Jean (Jacques) Desoches
(Lebensdaten unbekannt), „Dame
und Chapeau, sitzend“ oder
„Liebespaar“, 1771,
Porzellanmanufaktur Fürstenberg,
Leihgabe: Museum August Kestner,
Hannover | Foto: C.Warneke

Die Ausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ zeigt in vier Ausstellungsbereichen diese Entwicklung ebenso wie die überraschende Vielfalt erotischer Ausdrucksformen im Porzellan: zwischen Andeutung und Provokation, Sinnlichkeit und gesellschaftlicher Konvention.

Körperbilder in der Alten Kapelle

Neapolitanischer Fischerjunge
(nach Carl Gustaf Qvarnström), um
1900, Porzellanmanufaktur
Gustafsberg (Schweden),
Leihgabe: Privatbesitz | Foto: C.Warneke

Hier lässt sich verfolgen, wie vom 18. Jahrhundert bis heute der menschliche Körper dargestellt wurde und wird. Die Schönheitsideale jeder Epoche lassen sich dabei ebenso ablesen wie die Vorstellungen von geschlechtlichen Identitäten und damit verbundenen Rollenerwartungen. Bis zum späten 20. Jahrhundert hinaus dominieren dabei die Darstellungen von idealisierten Körpern weißer Menschen aus einer binären, heteronormativen Perspektive. Dieser Ausstellungsteil lädt dazu ein, heutige und auch eigene Körperbilder zu hinterfragen.

Facetten von Lust und Liebe im Gerverot-Saal

Zarte Verliebtheit, inbrünstige Liebe, wilde Ekstase, rasende Lust, todtraurige Sehnsucht – das Begehren kennt eine Vielzahl von Gefühlsregungen. Zwischen Liebesglück und Liebesleid schwankt das Pendel der Lust als zutiefst menschlicher Eigenschaft. In der Vergangenheit bestimmte wiederum der heteronormative und vorrangig männliche Blick die Kunstproduktion. Mit Werken der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit wird die Vielfalt der Lust gefeiert.

Porzelina® (Alina Eynck), Sextoys, 2025 Leihgabe: Alina Eynck | Foto: C.Warneke

Materialerotik im Foyer vor der Besucherwerkstatt

Das Wort „Porzellan“ weckt viele Assoziationen – auch mit erotischem Bezug: die „Porzellanhaut“ beschreibt ein Schönheitsideal, als „Porzellanpuppe“ wird ein bestimmter Frauentyp analogisiert. Und warum gilt Porzellan oft sogar als „weibliches“ Material? Doch es geht auch um den praktischen erotischen Gebrauch, wenn daraus Sextoys gefertigt werden.

Sammellust in der Besucherwerkstatt

Das Sammeln lässt sich hocherotisch deuten: die lustvolle Jagd nach einem Objekt der Begierde, die Glücksgefühle beim erfolgreichen Erwerb. Für Siegmund Freud war das Sammeln ohnehin nur eine
Kompensation unerfüllter sexueller Wünsche. In diesem Ausstellungsbereich werden drei historische Sammlerpersönlichkeiten vorgestellt: August der Starke, Madame de Pompadour und Rudolf
Just, für die der Besitz von Porzellan ganz unterschiedliche, aber immer auch eine lustvolle Bedeutung hatte. Außerdem gibt es mit der Inszenierung einer kompletten Privatsammlung einen Blick „inside the
head of a collector“ auf der Grundlage neuer US-amerikanischer Forschung in der Neuropsychologie.

Simon Feilner (1726-1798), „zwey
Verliebte, sitzend“ oder
„Liebespaar“, 1758,
Porzellanmanufaktur Fürstenberg,
Leihgabe: Privatbesitz | Foto: C.Warneke

>Begleitet wird die Schau von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Aufführungen, Lesungen, Konzerten, einem queeren Poetry Slam und weiteren Formaten. Damit steht die gesamte Museumssaison 2026 im Zeichen der Ausstellung und eröffnet immer wieder neue, spannende Perspektiven auf das Thema.

MUSEUM SCHLOSS FÜRSTENBERG
Meinbrexener Straße 2
37699 Fürstenberg

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag sowie Feiertage von 10 – 17 Uhr

> Flyer „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ hier herunterladen.