Friedrich Becker Preis 2026: Hanau ab 10.05. bis 18.10.2026

Am 9. Mai 2026 wurde der mit 10.000 Euro dotierte Friedrich Becker Preis von der Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V. an Veronika Fabian verliehen. Im Rahmen der feierlichen Verleihung mit zahlreichen Gästen in der Wallonisch-Niederländischen Kirche in Hanau, sprachen Hartwig Rohde, Präsident der Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V., Dr. Maximilian Bieri, Bürgermeister der Stadt Hanau, und Malte Guttek, Leiter des Deutschen Goldschmiedehauses Hanau.

Friedrich Becker
Kinetischer Armschmuck Hommage à Chirico, 1988
Gelbgold, Brillanten, Diamanten
Foto: Michael Berger

Mit der diesjährigen Vergabe des Friedrich Becker Preises werden nicht nur das zehnte Jubiläum des Preises gefeiert, sondern auch die Lebendigkeit und Zukunftsfähigkeit von Schmuck, Gerät und Objekt gewürdigt. Aus diesem Anlass erschien ein Katalog, der nicht nur den aktuellen Wettbewerb vorstellt, sondern mit Texten von Beatriz Chadour-Sampson und Christianne Weber-Stöber und den Namensgeber und die Geschichte des Preises würdigen.

Veronika Fabian (*1979 in Kecskemét, Ungarn) lebt und arbeitet als Schmuckmacherin in Ungarn. Sie studierte Schmuckdesign am Central Saint Martins, University of the Arts, London und belegte an der Gerrit Rietveld Academy das „MASieraad Challenging Jewellery“ Master Programm in Amsterdam. Zuvor war sie für mehrere Jahre im Wirtschafts- und Finanzwesen tätig, eine Zeit, die ihren Blick auf Schmuck wesentlich prägt. Denn Fabian reflektiert mit ihren Arbeiten die Konsumkultur und die Bedeutungen alltäglicher Objekte im persönlichen Leben von Menschen. So werden der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, die Entstehung und der Zerfall von Wertzuschreibungen immer wieder Themen in ihren Arbeiten. Für Fabian fungiert Schmuck als eine Schnittstelle, an der sich Individuum und Gesellschaft kreuzen. Charakteristisch für ihre Arbeiten ist der experimentelle Umgang mit industriell gefertigten Ketten. Diese verändert sie durch Schmieden, Walzen und Löten. Es entstehen hochskalierte Formen, wie etwa Karabiner, Ösen, Federringe oder Kettenstränge. Außerdem verfremdet Fabian alltägliche Objekte, die mit Status und Identität assoziiert werden. Weinflaschen, Parfum-Flakons, Nagellack-Fläschchen oder Schallplatten werden zerlegt und bleiben in ihrem Ursprung lediglich erahnbar.

Veronika Fabian
Halsschmuck Spring ring XXXL / Clasp me firmly, hold me tight
2023
Messing, Stahl. Gelötete, planierte, gepresste Ketten, Foto: Veronika Fabian

Die Jury begründete ihre Entscheidung für die Arbeit „Spring ring XXXL / Clasp me firmly, hold me tight“ von Veronika Fabian wie folgt:

„Die ausgewählte Arbeit entfaltet Schmuckzitationen auf mehreren Ebenen. Ausgangspunkt ist der Federring, ursprünglich ein funktionaler Verschluss, der hier zum Halsreif vergrößert und damit zum tragenden Körper der Arbeit wird. Industriell gefertigte Ketten bilden das Ausgangsmaterial. In einem transformierenden Prozess werden sie zu einem feinwandigen Gefüge verdichtet, verlötet und gepresst. Aus der Linearität der einzelnen Ketten entsteht so eine neue, kompakte Form. Diese Verkettung von Formen und Zuschreibungen setzt sich auch auf der semantischen Ebene fort: Verschluss wird Schmuck, Serie wird Einzelstück, Funktion wird Zeichen. Durch diese materielle und symbolische Transformation werden mit der Arbeit Fragen nach den Normen und Konventionen des Schmucks gestellt. Ebenso nach Selbstbestimmung, Wert und Bedeutung innerhalb seiner funktionalen Codes.“

Jurierung
v.l.n.r.: Prof. Melanie Isverding, Paul Derrez, Dr. Christianna-Weber Stöber, Foto: David Arzt

Vom 9. Mai bis zum 18. Oktober 2026 ist die Ausstellung zum Friedrich Becker Preis 2026 im Deutschen Goldschmiedehaus Hanau zu sehen. Insgesamt wurden zum Wettbewerb 150 Bewerbungen aus Europa, Asien, Nordamerika und Australien eingereicht. Die Jury – Paul Derrez, Prof. Melanie Isverding und Dr. Christianne Weber-Stöber – hat daraus 48 Positionen von 49 Künstler*innen für die engere Auswahl nominiert, die präsentiert werden. In der Ausstellung zeigt sich handwerkliche Präzision und Raffinesse ebenso wie gestalterische Ausdruckskraft. Die Arbeiten stehen für einen lebendigen Dialog zwischen Handwerk, Gestaltung und Kunst – ein Spannungsfeld, das fasziniert und neue Perspektiven eröffnet. Darunter ist eine Arbeit des vietnamesisch-deutschen Schmuckmachers Sam Tho Duong, der bereits 2014 die Jury des Friedrich Becker Preises überzeugte. Seine Handschrift zeugt vom akribischen und aufwendigen Einsatz von Perlenstickerei. Mit dieser veredelt er in floraler Motivik alte Luftpolsterfolie – ein Körperschmuck entsteht, der Assoziationen zu einer Schlange zulässt. Beim Anhänger der US-Amerikanerin Corrina Goutos werden Kopfhörer und Keramikfiguren, die als wert- und funktionslos gelten, zentrales Material.

Corinna Goutos,
Halsschmuck EarBlossom
2024
Elektronikschrott, Kunststoff, Stahl, Aluminium, Porzellan
Foto: Volker Hobl

Ihre Arbeit beschäftigt sich mit der Wertigkeit von Lebenszyklen alltäglicher Objekte. Aktuell sind weitere Arbeiten von ihr in der Ausstellung „Spuren legen. Mit Materialität erzählen“ im Deutschen Goldschmiedehaus Hanau zu sehen.  Ebenso findet sich ein Halsschmuck des Norwegers Sigurd Brongers in der Ausstellung. Seine humorvolle Arbeit verbindet maschinelle und spielerische Aspekte. Die Flügel einer kleinen Turbine können durch einen Luftstrom in Bewegung versetzt werden.

Seit 1999 fördert die Gesellschaft für Goldschmiedekunst alle drei Jahre mit der Vergabe des Friedrich Becker Preises die internationale Vernetzung der zeitgenössischen Schmuck- und Geräteszene. Der Preis wurde von Hildegard Becker (1928–2018) in Erinnerung an ihren Mann Friedrich Becker (1922–1997), Goldschmied und Gestalter kinetischer Objekte, gestiftet. Die bisherigen acht Preisträger und eine Preisträgerin waren: Rudolf Bott (1999), Anette Walz (2002), Peter Bauhuis (2005), Robert Baines (2008), Alexander Vohswinkel (2011), Sam Tho Duong (2014), Michael Becker (2017), Junwon Jung (2020) und Norman Weber (2023).

Sigurd Bronger
Halsschmuck Turbine Necklace No. 5
2025
Verchromtes Messing, Stahl, Aluminium, Lack, Gummikordel
Foto: Sigurd Bronger

Parallel zur Ausstellung mit der prämierten Arbeit ist in der Foyervitrine des Deutschen Goldschmiedehauses Hanau vom 10. Mai bis zum 31. August 2026 ein erweiterter Einblick in das Werk der Preisträgerin Veronika Fabian zu gewinnen.

 

Deutsches Goldschmiedehaus Hanau / Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V.

Altstädter Markt 6, 63450 Hanau

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11:00 – 17:00 Uhr