Hella Jongerius – Woven Kosmos Tour: Berlin bis 15.08.2021 und überall & jederzeit

Als erfindungsreiche und geniale Designerin ist die Niederländerin Hella Jongerius vielen, auch über die Designszene hinaus, bekannt. Vor einigen Jahren zog Sie mit ihrem „Jongerius LAB“ nach Berlin und nun hat sie dieses vorübergehend in wundervoll großzügigen und hellen Räumen des Gropius-Baus etabliert. Work in progress – die Ausstellung mit dem Titel „Kosmos weben“ wird noch bis zum 15.August 2021 zu sehen sein und sie wird sich in diesem Zeitraum immer weiter prozesshaft verändern.

Ich selbst habe die Ausstellung vor einigen Tagen besucht und bin wirklich sehr beeindruckt über die Vielfalt und Dimensionen der Themen, die diese Präsentation so anschaulich behandelt. Durch die  Verknüpfung von Industrie und Handwerk, von traditionellem Wissen und Technologie gelingt es Hella Jongerius zentrale Fragen nach Produktion und Nachhaltigkeit, Gegenwart und Zukunft zu beleuchten. Designprozesse – Veränderungsprozesse – Verbindungen – Zusammenhänge werden sichtbar und nachvollziehbar. Die Besucher werden zur Interaktion aufgefordert und darüber hinaus auch durch die besondere Ästhetik der ausgestellten  Arbeiten von Hella Jongerius  beeindruckt. Diese sehr spezielle Verquickung von intellektueller, forschender und suchender Auseinandersetzung mit einer detaillreichen Schönheit des Zusammenspiels von Materialien, Formen, Licht und Technik hat – mich zumindest – nachhaltig beeindruckt. Die ebenso analytische wie visionäre Herangehensweise von Hella Jongerius eröffnet eine erfrischend andere Lesart und ein innovatives Verständnis für unsere kulturelle Tradition und Herkunft, die sie konzeptionell direkt in die Zukunft zu führen vermag.

Dieser Film beleuchtet sehr schön ihre Haltung – Hella Jongerius führt im Gespräch mit der Kuratorin durchdie Ausstellung. Die eigene Erfahrung eines Besuches wird er aber nicht ersetzen können.

Hier einige Beispiel-Projekte aus der Ausstellung – den vollständigen Ausstellungs-Guide gibt es unter diesem LINK

Cosmic Loom“ – in vielen Kulturen der Welt ist das Weben und Spinnen Sinnbild für das Schicksal und den Moment, an dem die Fäden des Lebens entstehen und abgeschnitten werden. In vielen Entstehungsgeschichten der Welt sind Himmel und Erde durch Garne verbunden, wie ein Netzwerk, das den Kosmos zusammenhält. In diesen Geschichten offenbart das Drehen der Spindel, wie das Kreisen des Mondes um die Welt und die Welt um die Sonne, die Geheimnisse der Zeit. Der Wechsel von Sonne und Mond am Himmel ist ein Bild für den Kreislauf von Leben und Tod. Im Zeitalter des Anthropozän weben nicht mehr nur die Sonne, Mond und Wetter, auch die Menschen bewegen die Spindeln und üben so Einfluss auf die Umwelt aus. Hella Jongerius beschäftigt sich in der Installation „Cosmic Loom“ mit der Idee, eine neue Textur für die Welt zu weben: ein Textil, das Geist und Materie verbindet. Die Fäden des Cosmic Loom verweisen auf die sieben Wochentage. Der Donnerstag und der Samstag und die damit verbundenen Planeten Jupiter und Saturn nehmen eine besonders wichtige Rolle in der Installation ein. Diese Tage, wie auch die verwendeten Fasern und Farben, wurden vor der Ausstellung zusammen mit Schamaninnen im Gropius Bau ausgesucht, deren Verständnis von astronomischen und spirituellen Kreisläufen der Zeit in diese Arbeit eingeflossen ist.

Für das Spinnen der Garne werden verschiedene Personen in die Ausstellung eingeladen, die jeweils an einem Tag in der Woche zu unregelmäßigen Zeiten spinnen. (Ausstellungstext – Foto:SvGwinner)

Frog Table“ – In vielen Zusammenhängen werden Frösche besondere Kräfte zugesprochen und sie werden mit unterschiedlichen Metamorphosen in Zusammenhang gebracht. Da sie unter der Erde überwintern und im Frühling wieder aktiv werden, sind Frösche in europäischen Märchen und Sagen oft Symbol für Neuanfang und für Fruchtbarkeit. Die Arbeit „Frog Table“ verbindet Gebrauchsgegenstand und Skulptur. Mit dieser Arbeit stellt Jongerius das zentrale Kriterium von Industriedesign – die Funktionalität – in Frage. Die Arbeit beleuchtet den rein praktischen Nutzen von Gebrauchsgegenständen und eröffnet eine Beziehung auf Augenhöhe zum Tier. Hella Jongerius denkt über die vermeintlichen Gegesatzpaare natürlich-künstlich und Mensch-Objekt und deren Beziehung zueinander nach. Denn in ihrem Verständnis sind Objekte grundlegend fü die menschliche Wahrnehmung, Identität und Sozialisierung. (Ausstellungstext – Foto:SvGwinner)

„Dancing a Yarn“ – Weben und Spinnen sind in ihrer jahrhundertalten Geschichte eng mit dem Zusammensein in der Gemeinschaft verbunden. Vor allem in der Industriealisierung wurden die langen Produktionszeiten von Textilien zusammen verbracht und im Miteiander soziale Strukturen gepflegt. Viele Hände arbeiten an einem einzelnen Produkt, in welches Geschichten und Gespräche einfließen. Dem gemeinschaftlichen handwerklichen Schaffen wird dabei oft ein heilendes Moment zugesprochen. „Dancing a Yarn“ entsteht täglich während der gesamten Ausstellungszeit. Es beinhaltet die Einladung an die Besucher, sich aktiv an der Herstellung zu beteiligen. Ähnlich wie beim Tanz um den Maibaum soll das Garn hier gemeinsam „ertanzt“ werden. Mit speziell für diese Ausstellung vom JongeriusLAB entwickelten Maschinen und Werkzeugen zum Flechten, entsteht ein faseriges Netzwerk. Die gemeinsam produzierten Seile werden zu Strickleitern heranwachsen, die in den Außenbereich des Gropius Baus hinauswachsen. Für Hella Jongerius gehören das Unfertige, Vorläufige und Mögliche zum künstlerischen Prozess, wodurch sie das allmähliche Entstehen einer Arbeit würdigt. … (Ausstellungstext – Foto:SvGwinner)

Space Loom #2 – Der Webstuhl ist ein archetypisches Beispiel für die erste Maschine. Während der industriellen Revolution ersetzten die Anfang des 19. Jhs entwickelten mechanischen Webstühle die Tätigkeit vieler Arber*innen und veränderten und beschleunigten so drastisch die Textilproduktion. In den letzten Jahrzehnten wurden industrielle Webstühle so effizient weiterentwickelt, dass sie praktisch keinen Raum mehr für die menschliche Interaktion mit der Maschine und damit für kreative Eingriffe lassen. „Space Loom #2“ wurde von Hella Jongerius entwickelt um dreidimensionales Weben zu untersuchen. Sie betrachtet die Maschine als ein Gerät, das keine Antworten gibt, sondern Fragen materialisiert. Im Arbeitsprozess entwickeln sich so Antworten auf Fragen, die die Experimentierenden noch garnicht im voraus stellen konnten. Die Installation erforscht, welche Möglichkeiten das Weben in Zukunft hat und stellt untere anderem Bausteine für die Serie „Pliable Architecture“ her. (Ausstellungstext – Foto:SvGwinner)

Mitarbeiter des JongeriusLab arbeiten täglich von 12 bis 18 Uhr an diesem Webstuhl.