Was macht eigentlich … Margit Jäschke?

2017-01-13 008

Im künstlerischen Werk von Margit Jäschke berührt ihre sehr spezielle Art und Weise eine Idee – einen Gedankenblitz, eine Entdeckung, ein Fundstück – behutsam assoziativ aufzugreifen, abzuwägen und mit geradezu liebevoller Wertschätzung in ihren eigenen künstlerischen Kosmos aufzunehmen. Als einzigartige Kostbarkeit, gleich ob Schmuckstück, Zeichnung, Assamblage, reflektiert es nun den wundervollen Augenblick ihrer Inspiration, der als initiales Momentum Geschichte und Kreation auslöste. Als aufmerksame Beobachterin öffnet sie sich Themen und Materialien gleichermaßen spielerisch und voller Ernst. Sie überrascht und fasziniert ihr Publikum mit ihrer eigenwilligen Poesie der Dinge. Wie professionell und hart erarbeitet diese magische Leichtigkeit ihrer Kunst ist, verdeutlichen Margit Jäschkes Antworten auf meine Fragen.

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Margit Jäschke, Installation -„Über das Sehen herrscht Verwirrung“ / Objekte , Broschen 2019

Bei Prof. Renate Heintze und Prof. Dorothea Prühl studierte Margit Jäschke von 1983 – 1991 im Fachereich Schmuck an der Burg Giebichenstein – Hochschule für Kunst und Design Halle, dem sie von 1992 bis 2001 weiterhin als Assistenz angehörte. Seither ist sie freie Künstlerin und bewegt sich, vielfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet, mit großer Reputation auf interationalem Parkett. In wichtigen Einzel- und Gruppen-Ausstellungen im In- und Ausland erobern ihre Werke die Zustimmung von Publikum, Sammlern und Kuratoren. Die Liste der öffentlichen und privaten Sammlungen, die ihre Schätze bewahren ist eindrucksvoll.

Welche Projekte haben Dich bis zum Shutdown beschäftigt?

Facetten-Reich_Plakat„Mit dem Shutdown gab es bei mir einen harten cut. Zuerst wurde die IHM in München abgesagt.
Die Ausstellung „FACETTEN-REICH“ zusammen mit Georg Dobler in der Galerie Isabella Hund München wurde einen Tag nach der Eröffnung geschlossen.
Die hochkarätige Ausstellung „STEINE der letzte Schliff“ in der Galerie Handwerk München ebenfalls.
Auf diese Projekte haben ich mich über ein halbes Jahr vorbereitet. Alle Treffen mit meinen Galeristen und Sammlern in München fielen ins Wasser. Die Galerie Loupe aus den USA konnte mir Arbeiten meiner Ausstellung im letzten April nicht nach München bringen, schickte sie dann kurzfristig. Dieses Paket mit wichtigen Stücken ist nun, in den Corona Wirren verschwunden.

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Margit Jäschke, Brosche 2019 Kunststoff, Silber feinvergoldet

Ich hatte mich mit einem guten Konzept für ein dreimonatiges Stipendium für die
Villa Aurora in Los Angeles in dem Zeitraum Juli – September beworben – nun ist alles gecancelt.
Die Arbeiten für eine große Ausstellung in der Galerie Mazlo in Paris  habe ich noch rechtzeitig fertigstellen können. Ob die Eröffnung im September stattfindet – ich habe momentan meine Zweifel.
Ein wichtiger Ankauf mehrerer Arbeiten für ein Museum, in dem ich ein einjähriges Projekt durch die Kunststiftung Sachsen-Anhalt realisierte, liegt auf Eis.
Eine Sammlerin aus den USA hat Interesse an einer großen Arbeit von mir, möchte aber erst, dass sich ihre Aktien wieder erholen…..
Und lust but not least habe ich seit letzten September 7 Tage die Woche gearbeitet, überlegt ob ich mir eine Assistentin leisten kann, da alles zu viel wurde und kaum noch alleine zu schaffen war. Dieses abrupte zusammen fallen aller Karten hat mich ganz schön aus der Bahn geworfen.“

Gibt es neue Entwürfe, die Du auf einer geplanten Messe/Ausstelung gerne vorgestellt hättest?

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Atelier Ansicht

„Unglücklicher Weise war ich gerade nicht in einem laufenden Arbeitsprozess, sondern nach einer langen intensiven Arbeitsphase in München angelangt, als die Schulen und unsere Ausstellungen geschlossen wurden, . Deshalb ist es momentan extrem schwierig Neues anzugehen.
Als Künstlerin ist man es gewohnt, dass viele Projekte klappen, viele aber auch nicht. Man schiebt zehn Dinge an und vielleicht drei realisieren sich. Man arbeitet oft mit einem hohen Druck und vereint das, was in anderen Bereichen mehrere Berufe abdecken.

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Atelier Ansicht

Künstlerin in Idee und Umsetzung, PR Arbeit, Akquise und die kaufmännische Seite muss auch bedient werden. Ich will damit sagen, man kippt nicht gleich bei dem ersten Windzug um. Wenn aber so viele Projekte und Anstrengungen abrupt ins Leere laufen, bekommt das Schiff dann doch eine Schieflage. Die Kreativität ist dann plötzlich ein zartes Pflänzchen und man merkt, dass man nicht in einem luftleeren Raum arbeitet.

Als Künstlerin arbeitet man nicht nach Auftrag, aber in einem Gerüst von Ausstellungen und Projekten. Fällt dies weg muss man sich neu justieren und die Sinnfrage stellt sich ein. Schmuck, sich schmücken hat auch immer etwas mit Lebensfreude zu tun. Ich glaube nicht, dass Menschen momentan Schmuck kaufen möchten wenn sie eine Maske im Gesicht haben.“

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Atelier Ansicht

Wie gehst Du nun mit der „geschenkten“ Zeit um?

„Ich habe mein Atelier angefangen gründlich aufzuräumen, meine Steuererklärung
gemacht und nun endlich wieder angefangen zu arbeiten. Zur Zeit male ich, versuche ganz neue Dinge zu denken. Die Früchte dieser merkwürdigen verlangsamten Zeit, nach der wir uns so oft gesehnt haben, werde ich sicher erst später ernten können. Das der Text zu dieser Frage der kürzeste ist , zeigt wie ungeübt dieses Terrain ist und dass Inhalt und Form zusammen gehören…“

Welche Themen beschäftigen Deine Kreativität?
Siehst Du eine Chance in dieser Krise?

„Wie stark wir und die Welt vernetzt sind, wie ein Rädchen in das andere greift – nie habe ich es mehr begriffen als in der jetzigen Zeit. Dazu arbeite ich gerade etwas.
Tief beschäftigt hat mich der Film: Stephan Hawkings – Visionen eines Genies
Was schwarze Löcher sind habe ich nie begriffen. Der Film hat es mir verständlich gemacht und mit großer Wucht traf mich auch der Grund dafür – Wissen und Verstehen in seiner Tiefe und auch bei komplizierten Sachverhalten ist eigentlich nur im großen Kontext möglich. Das mittelalterliche Tafelbild solitär betrachtet ist nur der halbe Genuss, dies war mir schon im Studium klar.

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Margit Jäschke, Entwürfe „Vernetzt“ 2020

Nachdem Hawkins das Universum, die Entstehung der Sterne, der Erde erklärte habe ich nun eine Ahnung was ein schwarzes Loch ist und die Corona Krise ist nur eine winzige Episode in der Geschichte der Erde – wozu sie uns hinführen wird, dies wissen wir noch nicht.

Eine Chance in der Krise sehe ich leider nicht, sie wird uns danach mit aller Wucht wieder auf die ungelösten Probleme zurück werfen. Wenn das System der Fehler ist, wie kann man dann Probleme in ihm lösen. Mein Traum, nachdem ein jeder Einzelne die Welt verändern kann speichere ich in den Bereich der Utopien ab – leider.
Für mich und meine Arbeit bietet die Krise ein Innehalten, eine Auszeit wie ich sie nur noch in außergewöhnlichen Situationen wie z.B. bei Artist in residence Programmen erlebt habe, das ist ein Geschenk.3

So sind wir mit all den Gegebenheiten wieder auf unser kleines Leben zurückgeworfen – diesem eine Sinn zu geben, glücklich zu leben und es auszufüllen seh ich als meine Aufgabe.“

Text © Schnuppe von Gwinner / Margit Jäschke

3SAT Kulturzeit vom 22.Mai 2020 – letzter Beitrag – Margit Jäschke zu diesen Fragen  in bewegten Bildern!

Margit Jäschke
bildende Künstlerin
Rathenauplatz 4
06114 Halle (Saale)
[email protected]
http://www.margit-jaeschke.de

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Margit Jäschke, Arbeitsstadium „Vernetzt“ Mischtechnik auf Papier 2020