Was macht eigentlich … Antje Dienstbir?

Antje Dienstbir by Antje Dienstbir
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Antje Dienstbir

Die unbedingte Konsequenz der Löffelschmiedin Antje Dienstbir, die schon seit ihrer Ausbildung in den frühen 90er den Löffel thematisch – handwerklich – gestalterisch ins Zentrum ihres Schaffens gestellt hat, verlangt großen Respekt. Ihre Leidenschaft schürte Rudolf Bott indem er ihr den archaischen Prozess vermittelte, aus Stangen Löffel zu schmieden, die durch die Kraft und Führung des Hammerschlages Gestalt annehmen. Seither überzeugt sie ihr Publikum mit der stringenten Fortführung ihres Leitthemas, das sie in einer faszinierenden Vielfalt und schöpferischen Dichte vorantreibt. Sammler, Museen und Juroren wertvoller Preise zollten ihrem Werk durch ihre Ankäufe und Auszeichnungen allerhöchste Anerkennung. Umso überraschender zu hören, dass sie ihre gestalterischen Expeditionen nun auf das Gefäß ausdehnt – natürlich über den direkten Weg der Laffe. Lesen sie selbst!

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Atelier-Foto: Antje Dienstbir

Welche Projekte haben Dich bis zum Shutdown beschäftigt?
Aufbauend auf meine langjährige Auseinandersetzung mit der Form des Löffels habe ich seit September 2019 meinen Fokus auf die Eigenschaft der Laffe als Schale / Gefäß gelegt. Das Oval als Ausgangsform verdoppelt bzw. vervielfacht konkav und konvex ineinander greifend überschreitet es so seine angestammten Grenzen. In diesem Zusammenspiel erzeugen die Körper eine Spannung, die trotzdem in sich ruht. Aus einem Stück Tafelblech in die Dreidimensionalität getrieben und ziseliert, erzeugt der zeitaufwendige, handwerkliche Prozess eine individuelle Oberflächenstruktur, die den sinnlichen Eindruck der Form noch unterstützt.

01_Antje Dienstbir_Grassimesse_2019
Antje Dienstbir | präsentation GRASSIMESSE 2019

Gibt es neue Entwürfe, die Du auf einer geplanten Messe/Ausstellung gerne vorgestellt hättest?
Nachdem ich die ersten Arbeiten dieses Werkzyklus auf der Grassimesse 2019 in Leipzig und im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg gezeigt habe, sind weitere Arbeiten zu diesem Thema entstanden. Eigentlich der monochromen Eleganz des Silbers verschrieben, entdecke ich zurzeit bei meiner Arbeit mit Kupfer die Faszination der Farbe: die nötige Glühhitze und spätere Anlauftemperatur erzeugen wie aus dem Nichts ein materialbedingtes Farbspiel. Eine Auswahl der farbenprächtigen DoppelLaffen sollten eigentlich von der Galerie Rosemarie Jäger auf der IHM Mitte März gezeigt werden. Dazu ist es leider wegen der Corona-Krise nicht gekommen.

03_Antje Dienstir_DoppelLaffe_KupferWie gehst Du nun mit der „geschenkten“ Zeit um?
Wie man hier in Hessen sagt „alls weider“. Da ich eigentlich immer auftragsungebunden arbeite, ändert der Shutdown relativ wenig an meinen Werktagen. Generell arbeite ich sehr intensiv an den jeweiligen Objekten, aber wahrscheinlich gönne ich ihnen momentan noch mehr Zeit als sonst, da kein Ausstellungstermin ansteht.
Ende März hätten zwei Kolleg*innen und ich für 4 Tage in Avignon / Frankreich bei der Ausstellung RegArt zweier Partner-Kammern als Gast dabei sein sollen, diese Zeit wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschenk gewesen.

Welche Themen beschäftigen Deine Kreativität?

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Atelier-Foto: Antje Dienstbir

Ich muss gestehen, dass äußere Themen auf meine Kreativität kaum einen Einfluss haben oder wenn dann unbewusst. Meine Inspiration ziehe ich aus dem Schaffensprozess, Materialeigenschaften und -beschaffenheit. Das dreidimensionale Gestalten, der Dialog zwischen meinen Hände, verschiedenen Werkzeugen und einem Material untermauern meine Kreativität. Mein Thema ist „Form geben“

Siehst Du eine Chance in dieser Krise?
Auch ich persönlich umgebe mich sehr gerne mit schönen Dingen, mittlerweile habe ich schon eine Sammlung von Objekten, die ich von Kolleg*innen aus unterschiedlichen Gewerken erworben oder getauscht habe. An diesen erfreue ich mich jeden Tag und kann nur jedem empfehlen, sich mit Dingen zu umgeben, die langlebig inspirieren und nicht die Wegwerfmentalität bedienen.

Da ein Großteil der Bevölkerung gerade viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbringt, überprüfen sie vielleicht auch, mit welchen Dingen sie leben, was sie bereichert oder eben auch nicht. Womöglich steigert diese Situation das Interesse an individuell gefertigten Produkten, die über einen reinen Gebrauchswert hinausgehen, die Freude bereiten.
Eine Chance in der Krise ist vielleicht auch darin zu sehen, dass die Bevölkerung zum jetzigen Zeitpunkt merkt, wie bedeutsam das kulturelle Leben, die Kunst und die Kreativwirtschaft ist. Selten wurde so viel von Soloselbstständigen und Kleinstunternehmern gesprochen wie jetzt.
Bemerkenswert in diesen Tagen ist auch, wie sich Wertschätzungen verschieben: den Berufsgruppen wie Krankenschwestern und Pfleger wird applaudiert, Lebensmittelhändler und Verkäuferinnen bekommen Anerkennung, LKW-Fahrer und Erntehelfer werden wahrgenommen. Vielleicht hilft die Corona-Krise diesen Berufsgruppen auch eine dauerhafte, monetäre Wertschätzung zukommen zu lassen. Ich befürchte allerdings, dass die erzwungene momentane Entschleunigung, die Mitmenschlichkeit, das sich auf traditionelle Werte besinnen nur solange anhält, bis die Schotten wieder geöffnet werden.

© Schnuppe von Gwinner / Antje Dienstbir

Antje Dienstbir
Keramik & Löffel
Goebenstrasse 9 HH
65195 Wiesbaden
http://www.dienstbir.de/

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