Was macht eigentlich … Jule Claudia Mahn?

Jule Claudia Mahn | Foto: Schnuppe von Gwinner

Die Buchgestalterin Jule Claudia Mahn sammelt Andenken und Abenteur, individuelle Biografien und Orte um sie auf ihre eigene, einfühlsame Art neu zu interpretieren und zu komponieren, ein Buch daraus zu machen. Texte, Bilder, Material und Gestaltung  gehen darin völlig ineinander auf, bedingen einander und bilden eine untrennbare Symbiose von Medium und Inhalt. Ihre sensible Wertschätzung und Auswahl der betrachteten Phänomene findet ihren Ausdruck in Büchern, deren Kosmos uns Betrachtern – ich möchte sagen : Geniessern – den Zauber und Reichtum ihrer Fantasie und Kreativität nahe bringt.

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Atelier-Foto: Jule Claudia Mahn

Sie sagt selbst über ihre Bücher der Reihe „Verwandte Objekte“
Ich stelle mir unsere Biographie wie die gewachsene Struktur eines Dorfes vor. Vom Zentrum aus führen Wege in alle Richtungen, da wird Neues neben Altem gebaut und die Zugezogenen richten sich neben jenen ein, die schon immer dagewesen sind. Unsere Erinnerungen sind Erlebnisse, die haften geblieben sind, uns dann und wann zufällig in die Hände fallen und uns Zeit erfahrbar machen lässt.
Mich interessiert die Lebensgeschichte von Menschen und Orten. Ich frage, höre zu, finde, sammle und untersuche so Herkunft undWandel, Brüche und Zusammenhalt. Meine Bücher dienen der Aufbewahrung und Neuordnung. Wir können auf unterschiedlichen Ebenen lesen. Und beim Blättern vergeht die Zeit.

… sei herzlich gegrüßt und hab Dank für Deine wunderbare Idee mit dem Blog. Den finde ich toll und ja, sehr gerne bekommst Du Material von mir. So komisch das klingt, aber ich habe gerade etwas Zeitdruck und muss noch  eine paar Dinge geregelt bekommen. Denn …

… und da bin ich auch schon bei Deinen Fragen:

Welche Projekte haben Dich bis zum Shutdown beschäftigt?

Über die Jahre hat sich bei mir ein Rhythmus ergeben: In den geraden Jahren arbeite ich an meinen neuen Buchprojekten, in den ungeraden bin ich unterwegs, um an den unterschiedlichsten Orten meine Bücher vorzustellen. Im vergangenen Jahr 2019 war ich auf den wichtigsten Messen für meinen Bereich, der Leipziger Buchmesse und der Codex in Richmond/Kalifornien (USA), mit meiner Buchreihe „Verwandte Objekte“ vertreten.. Neben Privatsammlern und Vertretern von Museen, Bibliotheken und Universitäten mit Künstlerbuch-Sammlungen, lerne ich auf diesen Messen auch immer neue Kollegen kennen. Unsere Szene ist sehr überschaubar, die Künstler leben verstreut auf der ganzen Welt – wie wunderbar, dass es diese bereichernde Möglichkeit gibt, Menschen und ihre Arbeiten kennenzulernen.

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Atelier-Foto: Jule Claudia Mahn

Neben Projekten, wie Auflagen fertig stellen, Buchprojekte anderer Künstler binden und neue Ideen entwickeln, gab es in der zweiten Jahreshälfte 2019 auch zwei schöne Ausstellungen, in denen ich meine neusten Bücher zeigen konnte:

»Synesthesia : The Space Between« Datz Museum of Art, Gwangju, Gyeonggi-do, Südkorea

»Verwandte Objekte. Eine Künstlerbuchreihe von Jule Claudia Mahn« sind in der Neuerwerbungsvitrine im Foyer der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Weimar ausgestellt und kann man dort betrachten, wenn wieder geöffnet ist.

Im Oktober hatte ich ein einmonatiges Stipendium in der Fyns Grafiske Værksted in Odense/Dänemark. Es war ein wunderbares Austauschstipendium, initiiert vom Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop. Dort habe ich mit meinem neuen Buch begonnen: Konzept entwickeln, zeichnen und Linolschnitte anfertigen, auf ausgedehnten Spaziergängen Gedanken sammeln und Notizbücher füllen.

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Druckwerkstatt carpe plumbum | Foto: Jule Claudia Mahn

Zurück in Deutschland habe ich in der Druckwerkstatt carpe plumbum von Thomas Siemon (Spinnerei) den ersten Teil des Buches gedruckt. So ein Buchprojekt teilt sich in viele kleine Abschnitte auf, die man schieben kann und/oder die aufeinander aufbauen. Es gibt keinen Plan, den man abarbeitet.

Probleme tauchen an Stellen auf, die man nie vermutet hätte – man muss immer flexibel bleiben. Warten ist übrigens auch hier ein guter Problemlöser! Im März habe ich den Text geschrieben. Das war das Beste, was mir in dieser Situation passieren konnte. Beim Schreiben ziehe ich mich ganz selbstverständlich zurück in eine Gedankenwelt, die mit der Welt da draußen nichts zu tun hat. Das Abtauchen hat etwas tröstendes. Ich fühle mich dem Lauf der Dinge nicht ausgeliefert.

Für mich sind die Messen 2021 – im ungeraden Jahr – das große Ziel. Und hoffentlich werden sie stattfinden.

Wie gehst Du nun mit der „geschenkten“ Zeit um?

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Atelier-Foto: Jule Claudia Mahn

Ehrlich gesagt, hat sich da nicht viel verändert. Ich habe schon immer alleine und phasenweise sehr zurückgezogen an meinen Büchern gearbeitet. Ich bin es gewohnt, mir meinen Arbeitstag selbst zu strukturieren und die Wochen und Monate zu planen. Solange ich noch in meine Werkstatt radeln darf, ist diese Zeit gut zu ertragen.

Welche Themen beschäftigen Deine Kreativität?

Meine Bücher kreisen um das Thema Erinnerung. Was berichten mir Menschen aus ihrem Leben, wie reflektieren sie ihre persönliche Haltung und Entscheidungen, die immer auch in Abhängigkeit der jeweiligen Zeit und ihren Bedingungen getroffen wurden? In meinem neuen Buch geht es um das Vergessen, ohne das erinnern nicht möglich ist.

Siehst Du eine Chance in dieser Krise?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Für mich persönlich? Nun, vielleicht geht im Strudel der Veränderungen auch mein Bereich unter. Ich führe mit meinen Büchern ja ein absolutes Nischendasein. Wer weiß, wie einschneidend diese Zeit für die wirtschaftliche Entwicklungen sein wird. Ich habe mich schon bei dem Gedanken erwischt, dass ich vielleicht gerade an meinem letzten großen  Buchprojekt arbeite – und ich habe dabei kein Herzrasen bekommen.

Und für uns alle? Nun, wir waren und sind perfekt darin, jede freie Minute mit Dingen und Unternehmungen anzufüllen. Es schien kein Ziel zu weit und keine Aktivität zu krass zu sein. Mit der Krise verbinde ich die Hoffnung, dass wir uns der Besinnungslosigkeit bewusst werden, in der wir uns befunden haben.

© Schnuppe von Gwinner / Jule Claudia Mahn

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Verwandte Objekte ::: Bücher von Jule Claudia Mahn

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Atelier ::: Tapetenwerk | Haus A | Lützner Straße 91 | 04177 Leipzig

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Jule Claudia Mahn „bergen“ | Text von Jule Claudia Mahn | Buchdruck von Photopolymerklischees auf Büttenpapier | Handoffset auf Munken Lynx | Experimenteller Einband mit offener Heftung. Schuber | 34 × 21 cm. 44 Seiten | Auflage von 16 Exemplaren | Leipzig, 2016.

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