HOMO FABER – crafting a more human future: Fondazione Giorgio Cini, Venedig vom 14. bis 30.09.2018 – ein Bericht (2.Teil)

Best Of Europe. Sala degli Arazzi. Fondazione Giorgio Cini, Venice Photo : Fred Merz © Michelangelo Foundation

Das überwältigende Angebot HOMO FABERs zwingt mich eine Auswahl zu treffen. Doch  ich empfehle auf jeden Fall die Homepage HOMO FABER und – bei Interesse – die Suche nach eventuell kontroversen Einschätzungen im World Wide Web. Gerne können natürlich auch andere HOMO FABER Besucher ihre Erfahrungen und Eindrücke in den Kommentaren dieses Blogs veröffentlichen.

Fondation Bettencourt-Schueller

HOMO FABER Bettencourt03
Artworks by the laureates of the Prix Liliane Bettencourt „pour l’intelligence de la main“ displayed within walls in raw earth made by Amàco, scenography by Ramy Fischler, RF Studio. Photo : Alessandra Chemollon© Michelangelo Foundation

Als Beispielhaft empfinde ich, wie schon oft beschrieben, das Engagement der französischen Alteliers d’Art  de France wenn es um die Wertschätzung von Handwerkskunst und den zeitgenössischen Entwicklungen auf diesem Gebiet geht. Die mächtige und rührige Fondation Bettencourt-Schueller ist eine ebensolche segensreiche Einrichtung. Sie verleiht in Frankreich alljährlich die kostbare Auszeichnung „Liliane Bettencourt pour l’intelligence de la Main“ und beeindruckt in Venedig mit einer sensiblen Präsentation ihrer Preisträger aus den vergangenen Jahren, denen hier aller Respekt als ausserordentliche Gestalter UND Handwerker gezollt wird.

Singular Talents“

HOMO_FABER_FILM_6983klein
Filmstill aus dem Film über Automata-bauer Francois Junod

In einem technisch interessant gestalteten Kino-Raum stellen zwölf Dokumentarfilme ausgewählte Handwerker alsSingular Talents“ vor. Ihre Besonderheit, ihre Berufung und ihr regionaler wie traditioneller Kontext wird sehr einfühlsam anschaulich gemacht. Es fällt auf, dass alle vorgestellten Protagonisten in einem Handwerks- oder sonst kreativen Umfeld aufwuchsen. Die Filme sind alle OmU und der Klang der Sprachen sorgt, neben der differenzierten Bildsprache, für große Authentizität, gleich ob z.B. der Automata-Bauer Francois Junod inmitten seiner kreisenden und schnurrende Maschinenwesen Details erklärt, Ingunn Undrum und Sarah Sjogren uns staunend beim Seile „reepen“ zuschauen lassen oder der Grieche Konstantinos Vogiatzakis stolz auf einem prächtigen, selbstgefertigten Sattel auf seinem Esel in den Sonnenuntergang reitet. Schon der erste Film macht süchtig und man könnte für den Rest des Tages in den Fauteuils versinken, um alle Filme und noch viel mehr davon zu sehen und zu spüren, was für ein geerdetes, kreatives und sinnvolles Leben diese Menschen führen. wie sagt man? GROSSES KINO!

Century of Shapes

Die Vase als Objekt, gleichermaßen dekorativ wie nützlich, in allen Epochen und in jeder Kultur omnipräsent, ist eine wunderschöne und eloquente Geschichtenerzählerin.  Das Team des mailänder Triennal Design Museums hat Protagonisten aus hundert Jahren Vasenherstellung versammelt: eine Dokumentation von Techniken, Dekorationen, Materialien, die der Leere eine Form geben und damit die Evolution von Ideen und  Möglichkeiten offenbaren. Century of Shapes benannte man das chronologische Defilee der Gefässe in der ehrwürdigen Bibliotheca del Longhena der Fondazione. Doch das grandiose historische Setting, das schon im Vorfeld so sehr als DER Ort für diese Präsentation gepriesen wurde, muss in Wahrheit hinter einer banalen weißen Metallkonstruktion zurücktreten, auf der die „ikonischen Vasen“ sich, in gleissendes Licht getaucht, eher gelangweilt aufreihen. Und das nebenbei so geschickt, dass die undokumentierten 30ger bis 60ger Jahre wohl nur von wenigen Besuchern vermisst werden, zumal der rote Faden in der Auswahl der Exponate auch nicht wirklich nachvollziehbar ist.

Best of Europe

Im  Katalog wird die Ausstellung „Best of Europe“ als das Herzstück von HOMO FABER bezeichnet. Tradition wird dort als lebendiges, atmendes, sich bewegendes Ding beschrieben. Ebenso wie das Handwerk. Materialien und Techniken strahlen auf geheimnisvolle Weise die DNA und die Wurzeln ihres Ursprungs aus und die Handwerkskünstler bewegen dieses Wunder durch die Zeit. Der Kurator Jean Blanchaert  sei mit einer unkonventionellen Vision durch Europa gereist um die aufregendsten Beispiele zeitgenössischen Kunsthandwerks für „Best of Europe“ zu entdecken. Sein Prinzip der Auswahl bleibt jedoch absolut undurchschaubar und scheint eher dem Zufall  oder dem Hörensagen evtl. und auch der Präferenz für’s Laute, Pompöse, Wuchernde viel zu verdanken.

Heraus gekommen ist eine geradezu monströse Ansammlung von Objekten aus den Werkstätten und Studios von 150 verschiedenen europäischen angewandten Künstlern. Jedes Stück ein Meisterwerk mit konzeptionellem Anspruch in Gestaltung und Form, sowie in technisch brillanter Umsetzung. Autorendesign – Unikate an der sensiblen Schnittstelle zwischen Kunst und Handwerk. Meistens begegnen einem diese Objekte in Gallerien, auf Fachmessen wie der Collect/ London, Révélations/Paris oder SOFA/Chicago/New York, in privaten und öffentlichen Sammlungen und in musealem Zusammenhang. Die Aura der Exponate, die Sinnhaftigkeit ihres Ausdrucks, ihr konzeptioneller Kontext und ihre narrative Kraft darf sich dort – meistens zumindest – entfalten und wird für den Betrachter lesbar.

In der „sala degli arazzi„, dem 500  weiten und 12 Meter hohen Gobelinsaal der Cini-Stiftung, setzte der Architekt Stefano Boeri mit seinem Team Blanchaerts Fundstücke in einer ausgreifenden Installation in Szene, holte sie mit viel Licht aus dem geheimnisvollen Dunkel und multiplizierte das chaotische Durcheinander mit einen wandbreiten Spiegel am Ende des Raumes. Wohlwollend könnte man darin das Prinzip der „Wunderkammern“ erkennen? Die beteiligten Künstler, die zur Ausstellungs-eröffnung angereist waren, sollen sich überwiegend entsetzt geäussert haben, weil sie ihre Arbeiten wie auf einem Flohmarkt in einem munter assoziativen Drunter und Drüber präsentiert sahen. Stefano Boeri möchte seine Regalkonstruktion jedoch als Metapher eines mäandernden Flusses verstanden wissen, der die Objekte auf  7  Ebenen durch den Raum trägt: hunderte von Unikaten, das Kleinste 2 cm hoch, das Höchste eine 3 Meter hohe Blumeninstallation. Jean Blanchaert interpretiert diese Installation als wunderbare Seele Europas, herausragende Werke von Künstlern unterschiedlicher Nationalitäten, Ethnien und Glaubenswelten friedlich nebeneinander arrangiert, wie bei den Olympischen Spielen.

Mein Eindruck ist jedoch, dass Kurator und Architekt die zweifellos herausfordernde Aufgabe einer Inszenierung der „Best of Europe“  ihrer eigenen kreativen Selbstdarstellung untergeordnet haben, sodass dieses Riesentheater daraus wurde. Panache, Kostbarkeit, Exklusivität, Luxus  – diese Losung hängt in der Luft von HOMO FABER wie der Duft von Aquaflor Firenze. Das Prinzip „viel hilft viel“ verursacht aber eine einzige Überforderung. Der Besucher wird von dem Gesamteindruck geradezu erschlagen wenn er den Saale betritt . Er tastet sich dann vorsichtig voran, erst Stück für Stück, dann hier mal da, wie ein taumelnder Schmetterling von Blüte zu Blüte, und in der Tiefe des Saals kommen nur noch die Wenigsten an – zumal auf der Hälfte des Raumes eine Tür aus dem Dunkel ins Freie, in die einladend sonnigen Grünanlagen der Fondazione führt.

Viele gute Bekannte sind in dieser Schau der 150 angeblich Besten zu sehen: Italien herausragend, mit für mich vielen Neuigkeiten, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Belgien und Norwegen renommiert und eindrucksvoll vertreten. Deutsches Kunsthandwerk wurde durch die Objekte der Leipziger Porzellangestalterin Claudia Biehne, dem Drechsler und LOEWE Preisträger 2017 Ernst Gamperl, der renommierten Glaskünstler Gabriele Küstner und Michael Behrens, und der für ihre fragilen Polypropylen-Objekte bekannten Künstlerin und Kostümbildnerin Marlies von Soden repräsentiert. Dänemark, Schweden, Finnland? Spanien, Griechenland? Der osteuropäische Raum? Fehlanzeige! Aber vielleicht können diese sich auch glücklich schätzen in diesem Durcheinander unberücksichtigt geblieben zu sein.
Eine vertane Chance die stilistische Vielfalt europäischer Handwerks- und Objektkunst darzustellen? Ihrer Aktualität und Innovationskraft nachzuspüren? Echtes Interesse für die viel bemühte „story behind“ zu wecken, ohne die heute kein Designer mehr auf den Platz geht? In den Köpfen des teilweise hochkarätigen Publikums den Funken des Begehrens zu entzünden?

Ich befürchte, dass dies, trotz aller Beteuerungen „Best of Europe“ sei das Herz von HOMO FABER ,  überhaupt nicht im Interesse der Veranstalter lag. Da wo das Handwerk als versierte, hingebungsvolle Handwerkskunst dienenden Charakter hat leuchten die Augen der Luxusindustrie.  Individuelles Kunsthandwerk, mit dem Anspruch Gestaltung und Ausführung im Sinne einer umfassenden Autorenschaft zu realisieren, könnte bestenfalls ihrer Inspiration dienen – und tut das bestimmt auch. Doch dem Publikum durch eine didaktisch und ästhetisch differenzierte Präsentation spektakulärer Unikate schmackhaft zu machen?

„Discovery and Rediscovery“

Das Herz von HOMO FABER schlägt eindeutig, kräftig pulsierend, in den allgegenwärtigen Schauwerkstätten und vor allem im Areal „Discovery and Rediscovery“.  Dort hin hatten 20 Luxus-Brands ihre Meister persönlich nach Venedig geschickt  um den Besuchern von HOMO FABER zu erklären und zu zeigen, mit welchem Aufwand ein Sattel von Hermès entsteht, oder die goldenen Schreibfedern von Montblanc, oder das Mystery Set von Van Cleef & Arpels, oder die Uhren von Jaeger-LeCoultre usw. usw. – Hier gab es nette und informative Gespräche, freundliches aufeinander Zugehen, grosses Interesse und große Bereitschaft Wissen zu teilen. Eine herrliche Atmosphäre!

Ist HOMO FABER eine schöne Illusion, das Ergebnis einer besonders feinsinnigen Marketingstrategie? Die zeitgenössische Relevanz des Handwerks hat in Wahrheit vor allem eine ökonomische Dimension. Die natürliche Limitierung ihrer Ressourcen – Knowhow und Talent, Geschicklichkeit und Experimentierfreude haben nur wenige. Die unbedingte Nähe zu Kultur, Tradition, Stil und Ästhetik liefern einzigartige Werte, die zu kommunizieren und verteidigen sich lohnt. Nicht umsonst besinnen sich heute gerade große Marken auf ihre Anfänge als Manufaktur und schöpfen diese Historie mit allen werblichen Mitteln aus.

Der Zeitgenosse Kunsthandwerker (natürlich sind damit auch die Kunsthandwerkerinnen gemeint!), der wohlmöglich als herausragender Experte seit Jahrzehnten unbeirrt seiner Berufung folgt, fragt sich warum es ihm dennoch nur schwer gelingen will erfolgreich auf dieser aktuellem „craft Welle“ mit zu surfen. Warum die letzten Galerien schliessen, seine Sammler nach und nach in Rente gehen, die Jüngeren nur immer wissen möchten wie’s geht ohne das Ergebnis – sein Werk – erwerben zu wollen und auch die Medien nur das schöne Bild der pitturesken Werkstatt und ein sorgfältig inszeniertes Stilleben zeigen. Man möchte meinen, nichts sei authentischer als das von der Hand eines namhaften Kunsthandwerkers geschaffene Unikat? Das zu erkennen braucht Kennerschaft und Expertise – aber wer hat die heute noch?

Wahrer Luxus spiegelt sich für jeden erkennbar in den Premiummarken, LOEWE, Hermès, Richemont, Cartier,… und wie sie alle heissen. Sie erheben Projekte wie HOMO FABER zum Manifest einer neuen Kultur des europäischen Know-hows, und schaffen damit wirtschaftliche und soziale Werte. Auch zur Blütezeit Venedigs herrschte ganz gewiss eben dieser Geist. Die prächtigen Paläste wurden nicht gebaut und ausgestattet um den Handwerkern altruistisch zu Lohn und Brot zu verhelfen und sich allein an ihrer Kunst zu erfreuen sondern als Demonstration von Macht und Reichtum – mit sehr willkommenen ökonomischen, sozialen und kulturellen Effekten.

HOMO FABER lenkt die Blicke heute mit allem Nachdruck auf die europäische Handwerkskultur, auf ihre Traditionen und auf ihre innovative Kraft eine menschlichere Zukunft zu gestalten. Davon können ALLE, gleich ob es der Kristallglasgraveur bei J&L Lobmeyr, der Keramikkünstler Matthew Chambers oder jeder andere Kunst und Handwerker, dessen Talent, Können und Werk dieses Mal keine direkte Berücksichtigung von HOMO FABER erfuhr, nur profitieren: dass die Begeisterung und Wertschätzung der Menschen für das Handwerk generell wieder inspiriert und belebt wird.

© Schnuppe von Gwinner

https://www.homofaberevent.com

HOMO_FABER_Plakat_©SchnuppevGwinner_6956