HOMO FABER – crafting a more human future: Fondazione Giorgio Cini, Venedig vom 14. bis 30.09.2018 – ein Bericht (1.Teil)

Blick von der Fondatione Giorgio Cini zurück auf San Marco | Foto: Schnuppe von Gwinner

Eine Woche Venedig!
Jeden Morgen aufbrechen und eintauchen in die Zauberwelt der Lagunenstadt. Treppauf und Treppab. Über Brücken, große und kleine Plätze. Vorbei an großen und kleinen Kirchen. Hinein gehen, staunen und wundern, hinaus gehen ins Licht. Kreuz und quer durch die Gassen und Gässchen. Marmorfriese, Reliefs, bunte Ziegelwände, geschwungenes Schmiedeeisen, poliertes Messing und zumeist gütig drein blickende Heilige grüßen am Wegesrand.
Hier ein Maskenbauer, dort ein Drucker, da hinten ein Glasbläser, dort ein Klöpplerin, hier gleich ein Schuhmacher und weiter hinten ein Geigenbauer, ein Buntpapierer, eine Kostümschneiderin, ein Keramiker, ein Orafo: ein Goldschmied. Im Verborgenen, in den hintersten Winkeln – eine einzige Schatzsuche, bei der man nicht nur wunderschöne Dinge findet sondern auch Geschichten, Menschen, Zusammenhänge, Ideen.
Und immer wieder das Glitzern der Lagune, der Gischt spritzende Ritt mit dem Vaporetto nach Murano, Burano und Torcello … Entdeckunsreise an hitzig archaische Glasöfen, zu beschaulich stickenden Händen und zu den historischen Zeugen längst vergangener Handwerkskünste.
Homo Faber – der Mensch, der Schöpfer – hat seinen ständigen Wohnsitz in Venedig! Zutiefst bedroht durch den geizgeilen Massentourismus, der wie ein Tsunami alltäglich über die Serenissima hinweg spült. Wie lange hält er/sie noch stand?

Noch gibt es dieses Venedig.
Ich gebe zu, dass ich den Verlockungen der Veranstaltung „HOMO FABER – crafting a more human future“ gefolgt bin, um nachzuschauen ob dieser titelgebend formulierte Optimismus „eine menschlichere Zukunft gestalten“ in Bezug auf die Handwerkskunst überzeugen kann? Gerade an diesem Ort, an dem die Omnipräsenz menschlichen Schöpfergeistes so offensichtlich wie kaum an einem anderen Platz der Welt ist.

Organisiert von der internationalen, gemeinnützigen Michelangelo Foundation for Creativity and Craftmanship“  soll die Ausstellung HOMO FABER als Biennale (HOMO FABER 2 ist für 2020 geplant) Teil eines längerfristig angelegten Projektes zur Pflege und Förderung eines weltweiten Netzwerkes, einer kulturellen Bewegung zur Würdigung der Handwerkskünste sein. So wünschen es sich die Initiatoren, der südafrikanische Geschäftsmann Johann Rupert (Mitbegründer der MF und Präsident der Luxusgruppe Richemont ) sowie der italienische Unternehmer Franco Cologni (Präsident von Cartier International ) – seit 2002 Mitglied des Verwaltungsrats bei Richemont ) mit seiner Cologni Stiftung für die „Métiers d’Art“ , unterstützt durch die Bettencourt-Schueller-Stiftung sowie die Giorgio-Cini-Stiftung und das mailänder Triennale Design Museum. Was für eine Initiative!

Schon mit dieser Kurzbeschreibung des Woher wird das Wohin klar und deutlich:  Erlesene Handwerkskunst, die nur noch einige wenige in Vollendung beherrschen, ist der wahre Luxus und erscheint daher besonders begehrenswert. Dem traditionellem Handwerk soll durch die für HOMO FABER versammelten Kräfte zu mehr Wertschätzung und einem glanzvolleren Image verholfen werden. Der Wille zur kulturellen Traditionspflege und/oder Förderung schöpferischer Innovation basiert also auch auf den ökonomischem Interessen bedeutender Luxusmarken, die sich diese Initiative wirklich etwas kosten lassen. Damit ist erklärt warum z.B. schon am Marco Polo Flugafen die Reisenden von überdimensionalen HOMO FABER Bannern begrüßt werden, später auch in der Stadt, nicht zuletzt pallazzogroß direkt gegenüber von San Giorgio und dem Anleger des kostenlosen Shuttles. Kostenlos, alles kostenlos: der Besuch aller Ausstellungen, die Teilnahme an Workshops und Lektures. Nur akkreditieren muß sich jeder Besucher denn die Kontaktdaten, so haben wir alle inzwischen gelernt, sind wichtiger als irgendein Eintrittsgeld. Alle sollen kommen können – was für ein Luxus!

Und für die, die wirklich nicht kommen können gibt es jede Menge schöner Bilder, Filme und Beschreibungen im World Wide Web unter HOMO FABER – crafting a more human future und darüber hinaus…

„Tatsächlich gibt es in der Welt des Kunsthandwerks keine Barrieren: weder Generationen noch soziale oder geographische Herkunft,“ schreibt die Journalistin Laura Traldi für design@large: „Was zählt, ist das Talent, das „den Unterschied“ zwischen einem Objekt hervorbringt, das von irgendeiner Maschine geschaffen wurde, und einem, das mit Weisheit, Langsamkeit, Liebe von einem Menschen erzeugt wurde. Deshalb zählt der Preis in der Welt des Kunsthandwerks nicht. Das ist kein Snobismus. Aber der stolze Anspruch den Mehrwert menschlicher Arbeit angemessen zu honorieren.“ Und das kann man als Luxusmarke einfach überzeugender und effizienter durchsetzen als ein selbständig gestaltender und produzierender und sich selbst vermarktender Kunsthandwerker, der nur hoffen kann entdeckt und erkannt zu werden.

Während der Besetzung Venedigs durch die Franzosen (1805 bis 1814 ) wurde auch die von Palladio erbaute Kirche San Giorgio (1565-1610)  sowie das dazu gehörige Benediktinerkloster ausgeplündert und aufgelöst. Seit dieser Zeit verfielen die Klosterbauten, bis sie auf Initiative der Familie Cini restauriert und ab 1951 als Kultur- und Forschungszentrum genutzt wurde.  Das HOMO FABER Event bespielt mit 16 Themenbereichen 4000 Quadratmeter des eindrucksvollen Giorgio-Cini-Foundazione-Komplexes: verschiedene Galerien, ehemalige Klosterbereiche, die Bibliothek, den Anleger und Park, die zum (Wow!)Konferenzsaal umgebaute Gondel-Werkstatt Lo Squero und das ehemalige Gandini-Schwimmbad – also viele Bereiche die sonst nicht öffentlich zugänglich sind und die dem nun privilegierten Besucher traumhafte Ein- und vor allem auch Ausblicke gewähren.

HOMO FABER bietet eine Entdeckungsreise ins künstlerische Handwerk, eine Bühne für den unglaublichen Reichtum an menschlicher Kreativität, einen Einblick in den Dialog europäischer Kunsthandwerker und Designer. Die Kooperation von zwanzig europäischen Luxushäusern ermöglicht den Besuchern eine beispiellose Gelegenheit die unterschiedlichsten Handwerke und ihre Meister, seltene Techniken und aussergewöhnliche Fähigeiten kennen zu lernen.

HOMO FABER Young Amnbassadors
HOMO FABER Young Ambassadors | Fotos: Michelangelo Foundation

Dort, wo nicht die Akteure selbst ihr Schaffen erläutern, werden 100 Schürze tragende (Erkennungsteichen!) Young Ambassadors aus der Bildungsinitiative der Fondazione Giorgio Cini und der Michelangelo Foundation eingsetzt. Sie wurden aus 26 europäischen Bildungseinrichtungen ausgewählt, die zum Netzwerk der Michelangelo-Stiftung gehören. Inspiriert von Design und Handwerk, aus 15 verschiedenen Ländern und 20 Sprachen sprechend, teilen die Young Ambassadors in den Ausstellungsräumen von HOMO FABER ihr Wissen mit den Besuchern und stehen für engagierte Gespräche zur Verfügung. Als Kuratoren agierten Michele de Lucci (Creativity and Craftmanship), Judith Clark und Sam Collins (Fashion inside and Out) und Stefano Boeri (Best of Europe).

© Schnuppe von Gwinner

Viele Bilder auf: https://www.instagram.com/schnuppevongwinner/

Folge 2 am 23.09.2018

Hier kann man sich für den Besuch von HOMO FABER akkreditieren