Kleckern und klotzen – Misha Kahn und der letzte Schrei: eine kleine Betrachtung

Misha Kahn - Galerie Friedman Benda - Nomad Monaco 2018

Das Raumschiff sieht aus, als hätte es sich in Stroh gewälzt bevor es seinen Job als Wohnzimmerschrank antritt. Andere amorphe Formen aus Blech wirken wie aufgepustete Unterwasserboote und sind mit üppigen Glassteinen verziert – sie sollten, nach der Vorstellung des jungen amerikanischen Künstlers Misha Kahn, nicht nur in Ali Babas guter Stube als Schrank funktionieren.

Auf der Messe Nomad Monaco präsentiert die Galerie Friedman Benda Misha Kahns genial zusammengeschweißten, gegossenen, geklebten Materialschlachten für den gehobenen Wohnbedarf als limitierte Möbelunikate erstmals in Europa. Solange der Tisch noch aus Trash besteht, der durch dicke Schichten Acrylfarbe zusammengehalten wird, mag er vage den Ansprüchen von fantasievollem Recycling genügen. Aus Kunststoffen und gefärbtem Beton gegossene Hocker und Stühle markieren fröhlich bunte Unbeschwertheit und lassen sich doch nur mühsam von zwei bis drei starken Männern bei Seite rücken.

Die Karriere des Misha Kahn als New Yorker Shooting Star ist noch jung – seit ca. einem Jahr wird er in der Designszene gefeiert und hofiert. Ein Kritiker bemerkte, dass er sich umringt von dessen Objekten wie Alice in Wonderland auf einen LSD Trip fühlen würde. Misha Kahns anarchistischer und intuitiver Umgang mit Formen, Techniken und Materialien lässt den anspruchsvoll designgeschulten und zu minimalistischem Credo erzogenen Europäer eher ratlos zurück. Da trifft sich die Bastlerseele mit „anything goes“:  ein gegen jede Kritik immuner Selbermacher-Gusto erprobt sich an vergleichsweise leicht zu beherrschenden Techniken, schweißt flexible Bleche zusammen, kleckst mit farbigem Glas, spritzt mit Kunststoff, gießt mit Beton und schöpft aus allen Farb- und Fantasie-Töpfen.

Zuerst war auch ich sehr erschrocken. Doch inzwischen freue ich mich über dieses furiose Kitsch&Chaos Talent aus den USA. Vielleicht braucht es genau dieses Übermaß an Fantasie, diesen Überdruss an dem zwanghaft herbeigeredetem Raffinement unikater Designobjekte in dieser völlig überkandidelten Designkultur, die eigentlich nur einer Szene dient die ihren ökonomischen Reichtum, aber wahrhaftig nicht ihren Geschmack zu feiern vermag, weil sie keinen hat. Mangelnde Geduld und Bildung sind das eine und die Toleranz gegenüber einer grenzenlos agierende Unerschrockenheit im Kulturbetrieb die eher dem Event als dem Inhalt dient. Nur wer es richtig krachen lässt wird von den Celebrities und ihren Gefolgschaften erhört.

Hätten sie diese Geduld und Bildung würden sie sich als Connaisseure in den wenigen verbliebenen Werkstätten und Studios für ehrliche, meisterhafte Handwerkskunst treffen und gemeinsame Sache machen. sie würden einen wahren Kulturschatz pflegen, in dem sich tiefgründige Materialkenntnis, eine von ästhetischem Denken geleitete Gestaltungskunst und meisterhafte handwerkliche Expertise zusammen findet. Sie würden die Zukunft mit nachhaltiger, kreativer Wertschöpfung bereichern. Aber wie soll man, wenn man keine Ahnung hat? Nur genug Geld um es auszugeben für das was fashionnable ist und von dem einem die Galeristen und Medien sagen, dass es der allerletzte Schrei – sei! Damit haben sie allerdings recht.

Mit der Auszeichnung der Keramikkünstlerin Jennifer Lee mit dem LOEWE Craft Prize am 03.Mai 2018 feiert die kluge und mutige Jury dieses Werk für seine Klassik, für seine Bedeutsamkeit mit der es die gesamte Ausstellung der Nominierten erdet, und für seine Zeitlosigkeit. Und sie hat sich damit wahrhaftig die leiseste Flüsterin der ganzen Schau heraus gepickt, aufmerksam und klug. Nun muss man hoffen, dass das wahrgenommen und nicht übehört wird!

Auch die  avisierte Schau HOMO FABER in Venedig (14. bis 30. September 2018) scheint, nach allem was man hört, das Potential zu haben diese berührenden Qualitäten einer gewachsenen und zukuftsweisen Handwerks- und Designkultur ins Rampenlicht zu heben. Ich werde nachschauen.

© Schnuppe von Gwinner