Schmuckes München 2018: eine Nachlese

Bewunderung für Attai Chen in "The Perfect Skin", Kunstpavillon Sophienstrasse | Foto: Schnuppe von Gwinner

So gut wie nie habe ich in den vergangenen Jahrzehnten die Münchner Schmuckschau im Rahmen der IHM ausgelassen – da ist also schon einiges an meinen laienhaften Augen vorbei gezogen, mit Staunen, mit Entsetzen, mit Bewunderung und häufig auch viele Fragen zurück lassend. Alle Jahre wieder. Aus dem Ereignis während der IHM – Internationale Handwerksmesse München – ist inzwischen die „Schmuck in München“ oder „Munich Jewellery Week“ geworden, mit 100+ Events und Präsentationen die sich eine Woche lang über das ganze Stadtgebiet verteilen, in Museen, in Galerien, in Ladengeschäften, in Hinterhäusern und sogar tief unten in den Kellern. Man wird quasi in einer ausserordentlichen Schnitzeljagd, kreuz und quer durch die Bayerische Hauptstadt, durch das inzwischen wohl weltgrößte Happening zeitgenössischen Avantgarde-Schmucks getrieben. Hier kommt eine kleine Auswahl aus meinem persönlichen „Beutezug“:

 

Einerseits präsentieren sich viele Studierende der internationalen Schmuck-Hochschulen und andererseits auch die bewunderten Köpfe der Szene mit ihren Schmuckideen. Natürlich auch alles mögliche dazwischen. Die originellen Inszenierungen sind oft nicht minder spektakulär wie die Exponate. Manchmal macht’s einfach die schräge Kombination der Gastgeber-Location mit den Schmuckstücken. Wie z.B. das Gastspiel „Shelf Aware“ von 39 Studenten und Dozenten des Central Saint Martins BA Jewellery Design Course aus London beim Regalsystem-Anbieter Vitsoe606  in der Türkenstrasse. Durch schräge Originalität getoppt wurde diese Schau aber hundert Meter weiter im Schuhladen Trippen. Hier hatten die Masterstudenten der Royal Academy of Fine Arts aus Antwerpen sich an traditionellen Nikolausriten inspiriert und ihre Schmuckobjekte zwischen und in den Schuhen versteckt. Die Stimmung war entsprechend aufgeregt und lustig, während zwischen den Regalen eher interessierte Konzentration und das Fachgespräch überwog.

 

Tief in Farbe tauchten sich Jiro Kamata und Noon Passama mit ihrem Schmuck, nannten das Ganze „Battle of Magenta“ und meinten damit nicht die berühmte Schlacht im italienischen Unabhägigkeitskrieg 1859 . Die großen Schaufenster eines Eckraumes filterten das Tageslicht durch ganzflächige Magenta-Farbfolien. Die Schmuckpräsentation an der Wand wurde von dem blauen Licht aus Leuchtstoffröhren eingerahmt. Die faszinierend transparent-filigrane Lichtwirkung auf den spiegelnden Schmuckstücken aus Silber und Perlmutt war sensationell. Beide Künstler waren auch mit ähnlichen Objekten auf der Messe vertreten – ohne „Battle of Magenta“ konnte der Eindruck dort nur enttäuschen.

Bildschirmfoto 2018-03-14 um 10.59.18

Eine Gruppe von 15 Schmuckkünstlern um Ramon Puig Cuyas und Silvia Walz schenkten fünf zerstörten Gegenständen ein neues Leben. Eine verführerisch glänzende, vergoldete Kanne, eine hölzerne Gliederpuppe, eine schwere, geschliffene Kristallvase, eine folkloristischer schwarz-irdener Teetopf und eine französische Karte vom „neuen“ Polen wurden zu Joyas Sensacionales 2018. Das Defilee der unterhaltsam variantenreichen Neuschöpfungen entfaltete sich im Kellergewölbe eines Mehrfamilienhauses in der Adalbertstrasse.

IMG_3184
Flora Vagi, Armschmuck Foto: Schnuppe von Gwinner

Auch für die minimalistische Schau „Quiet Temptations“ der atemberaubendenn Objekte von Flora Vagi aus Budapest mußte man durch Hinterhöfe und um viele Ecken gehen. Umzingelt von der üppigen Raumausstattung der Windfall GmbH konterte sie dem Farben frohen Wandschmuck und glitzernden Kristallglaslüstern mit einem gradlinigen Arrangement ihrer skulpturalen Schmuckstücke mit pudrig diffusen Oberflächen in subtiler Farbigkeit.

 

„Intersection“ – eine Ausstellung neuester Arbeiten von Svenja John wird in der Galerie Biró, Zieblandstrasse 19 noch bis zum 14. April 018 gezeigt. Die ebenfalls ausgestellten Zeichnungen dokumentieren Wege der Inspiration und Konstruktion zu diesen technoid anmutenden Rorschacht-Gebilden: US amerikanische Highway Kreuzungen, oft als „Spaghetti Junction“ bezeichnete Strassenführungen. Immer wieder fasziniert Svenja Johns trickreiches Spiel mit farbigen Kunststofffolien, das eine einzigartige Symbiose von Kunst, technischer Perfektion und Handarbeit erreicht.

 

„Were else“ fragten sich die wohl eher als Installationskünstlerin zu bezeichnende US Amerikanerin Carolanne Patterson mit Bettina Dittlmann und Michael Jank. Der Schmuck spielte in diesem Ambiente eher eine Nebenrolle auch wenn er – die Attraktion der von einem starken Magneten aufgesogenen Eisenspänestrukturen feiernd – sogar gefährlich werden konnte. Den Besuch dieser kleinen Schau würde ich mal mit einem Besuch in einem 3D Bilderbuch beschreiben wollen, in dem ungezählte Details um Aufmerksamkeit wetteiferten. Entlassen mit reizüberfluteten Kribbeln im Hirn ahne ich, dass ich doch nicht alles gewürdigt hatte obwohl ich bestimmt eine talentierte Entdeckerin bin.

 

Diesem Eindruck diametral entgegen stand der Besuch der gemeinsamen Ausstellung des Silberschmiedes Rudolf Bott und des Industriedesigners Herbert Schultes in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, deren Mitglied sie beide sind. Man kann diese noch bis zum bis 29. März 2018 besuchen. Als ich dort, über weitläufige und imposante Treppen emporsteigend, ankam waren alle klugen, einführenden Worte verhallt, der Vortrag von Thomas Schriefers verklungen, der Laudator Jakob Steinbrenner verstummt und auch das Gespräch von Nils Holger Moormann mit Rudolf Bott und Herbert Schultes hatte ich verpasst. Ich war da ganz allein. In diesem weitläufigen, prächtigen, erhabenen Saal mit einem herrlichen Blick über die Dächer von München und zwei gelangweilt an ihren Smartphones herum gnibbelnden Aufsehern.

Tiefe Stille. Raum. Zwei Podeste darin. Darauf jeweils zwei Werke von Rudolf Bott geschützt von transparenten Glasstürzen. Zwei zusammen gesetzt aus matt schimmernden, Licht reflektierenden Silberflächen. Akribisch perfekt montiert zu geometrischen Körpern. Die sich gegenseitig tragen. Gegenüber stehen. In Leichtigkeit den ganzen Raum überblickend. Sehr präsent. Zwei massive, gewichtige, geschmiedete Eisengefässe unterschiedlicher Höhe hocken auf dem anderen Podest. Dunkel. Archaisch. Die ganze Kraft und Energie, die es brauchte sie in diese Form zu bringen, spricht aus ihnen. Die matte Oberfläche der schwarzen Schmiedehaut saugt den Raum auf.

An den Wänden hängen großformatige, völlig emotionslose Produktfotos: weiße Gummistiefel, Gläser, eine Optima 1535 (steht drauf), eine Küche, Tischlampe und ein Zahnarzt Behandlungsstuhl. In egalisierter Größe. D.h. größer oder kleiner als das Original. Statisch. Ihrer Funktionalität scheint durch diese Darstellung neutralisiert.

Was mögen die Laudatoren und Erklärer, die Fachleute zu alledem gesagt haben? Zu dieser Konfrontation?

Mir fällt dazu nur eines ein. Ganz subjektiv.

Die Werke von Rudolf Bott sprechen vom Leben. Von den Menschen. Was menschenmöglich ist. Die Auseinandersetzung und Beherrschung der Materie. Technische Perfektion. Nachdenken über Formen und Proportionen. Über das Dasein auf dieser Welt. Der handwerklich gestaltende Philosoph spricht zu uns.

Herbert Schultes Dinge sind Antworten auf den Alltag. Auf menschliche Bedürfnisse und Handlungen. Ihre intelligente Funktionalität wird durch das Benutzen erweckt. Die Menschen konnten einmal ohne alle diese Dinge leben. Aber mit diesen Dingen lebt es sich – besser? interessanter? … ich will unsere zivilisatorischen Segnungen nicht allzu sehr in Frage stellen. Licht zum lesen, trockene Füße bei Dreckwetter und eine angenehme Position des Ausgeliefertseins beim Zahnarzt ist OK. Und Fotografieren hat eine eigene, unbestreitbare Qualität. Diese Dinge sprechen vom anderen Ende her.

Der Dialog beider Positionen wird hier, in der Stille der Akademie, wahrnehmbar.

 

Helen Britton und Felix Lindner laden in der BKV Galerie noch bis zum 14.04. 2018 dazu ein, sie auf ihrer Sentimental Journey zu begleiten. Die Geschichte einer Freundschaft illustrierend. Wirklich krass unterschiedliche Positionen vertretend. Helen Britton, schwirrt als kreative Sammlerin, als Zauberin durch diese Welt und lenkt unsere überraschten Blicke auf das Funkeln der Glaskugelsplitter, eingeschlossen in massivem Beton. Auf geheimnisvolles Glitzern und die Würde gealterten Materials. Auf erzählfreudige Werkstoff- und Objekt-Kontraste, deren Botschaften nicht nur angenehme Assoziationen wecken. Felix Lindner begleitete sie: seine scharfkantig verzogenen geometrischen Objekte grätschen etwas unvermittelt in die narrative Gesamtkomposition der Ausstellung mit Bildern, Objekten und Schmuckstücken von Helen Britton. Zwei Welten die sich begegnen und einander verstärken.

Die Perlenkette der kleinen und großen Events hätte endlos weiter aufgefädelt werden können. Doch die Zeit reicht nicht und die Beine machen schlapp. So bleibt – wie in jedem Jahr – das Bedauern darüber wohlmöglich Wichtiges verpasst zu haben. Doch es überwiegt die nachhaltige Freude über das Gesehene und Erlebte – gerade so, wie es sich geplant oder zufällig ergeben hat.

© Schnuppe von Gwinner

Bis zum 29. März 2018 läuft noch
die Ausstellung des Silberschmiedes Rudolf Bott und des Industriedesigners Herbert Schultes in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Max Josephs platz 3, München
Bis zum 14.04.2018 gibt es noch:
Sentimental Journey, Helen Britton& Felix Lindnerin der BKV Galerie, München Pacellistr.4

Advertisements