Frankfurter Messe Ambiente 2018 – Trends und Themen – ein Ausflug als Denkanstoß

Ambiente 2018 - Blick aus dem Designpreis-Areal in der Galeria | Foto: Schnuppe von Gwinner

Nach Jahren der Abstinenz schaute ich mal wieder auf der internationalen Konsumgütermesse Ambiente  (9. bis 13. 02. 2018) in Frankfurt vorbei.

Die Niederlande mit ihrer lebendigen Designszene wurden als Gast angekündigt – lebendig war nur der Aufruhr der Medienvertreter in dem Bemühen ein Bild mit der eigens als Attraktion eingeflogenen Sylvie Meis zu erhaschen, wie sie munter plaudernd mit Detlef Braun, Geschäftsführer der Messe Frankfurt, an der niederländischen Präsentation vorbei schlendert. In den Regalen stand ganz hübscher Mainstream und leider keine der Überraschungen, die unsereiner von zeitgenössischem niederländischen Design gewohnt ist und erwartet. Selbst Sylvie war für mich keine Überraschung, da sie früher als Sylvie van der Vaart immer wieder in der craft2eu Ladengalerie in Hamburg auftauchte – aus ehrlichem Eigeninteresse und weil sie gleich um die Ecke wohnte.

Gleich gegenüber der niederländischen Sonderschau in der Galeria war die Trendschau aufgebaut, vom Stilbüro bora.herke.palmisano „erarbeitet“. Wenn man die theatralisch inszenierten Trendpräsentationen aus Paris kennt, könnte man sich eigentlich gleich gelangweilt abwenden. Hier in Frankfurt wurden all‘ die vielen, vielen – vielen Dinge in einer Dachlatten-Self-Made-Regalsystem-Umgebung nach den alles und nichts sagenden Themen wie „modest regenerations“, „colourful intentions“, „technological emotions“ und „opulent narrations“ einsortiert. Natürlich erfuhren diese Titel in den Prospekten noch eine wortreiche Politur, die Neugier und Erwartungen schürte. Aber die Realität zeigte die Beliebigkeit totaler Überfüllung um möglichst viele Firmen = Aussteller mit ihren Produkten zu berücksichtigen. Es kommen viele Besucher = Einzelhändler um sich auf der Trendschau zu orientieren und Anregungen zu holen. Ein bißchen anspruchsvolleren, aufregenderen Input dürften sie aber schon erwarten. Weniger, dafür präziser passende Exponate mit einem Mehr an Aussagekraft, möglicherweise sogar eingebettet in ein narratives Szenario, um den dargestellten Trend eindeutiger zu charakterisieren. Aber vermutlich weiß ja keiner mehr so wirklich wohin der Trend geht?

Ich suche ihn also auf eigene Faust in den Ausstellungshallen – zuerst in der Halle 11.0 weil es da erfahrungsgemäß frischwärts zugeht und viel junges Design geboten wird. Die gestalterischen Megatrends sind schnell identifiziert: Craft und Retro, Rosa, Betongrau und vielerlei Musterstrukturen. Ich vermute, dass nicht einmal die Manpower der gesamten Weltbevölkerung ausreichen würde um das alles „handcrafted“ und „handmade“ entstehen zu lassen, was auf der Messe behauptet so gefertigt zu sein!

Es gab eine Zeit, da leistete sich die Frankfurter Messe den Luxus einer exklusiven Halle für das Kunsthandwerk – nun ist dieses mit dem modernen Design eine kreative Partnerschaft eingegangen und zum Megatrend geworden. Und alle wollen auf der Party mitfeiern. Global! Das internationale Stelldichein ist wirklich beeindruckend – Skandinavier und Japaner ergehen sich in elegantem, feinen Purismus schöner Formen und erlesener Materialien, alle anderen geben ein Quäntchen mehr oder weniger Folklore dazu – auch nicht schlecht.

Zu den Top-Themen gehört auch das Bemühen ungezählter Anbieter, üppige Natur, Salat- und Kräuteranpflanzungen selbst ins Haus des letzten gießmüden Zeitgenossen zu holen. Der Einfallsreichtum zu diesem Thema ist unglaublich – genauso wie das überbordende Angebot an Grill-Varianten. Ab Handtaschengröße bis unendlich – das archaische Angrillen im Zeitalter von intelligenten Highttech-Küchen ist der Hype. Wohlmöglich möchte Mensch einfach mal wieder selber machen und erleben?! Auch das überwältigende Angebot an unterschiedlichsten LederSchürzen und Holzbrettern aller Stärken und Größen lässt darauf schliessen. Das alles geht am besten bei schöner, lauter, voll-soundiger Musik! Die hat sich in soft-eckigen Kleinmöbeln und accessoiregroßen Rumsteherchen versteckt, deren Tonqualität wirklich allen Respekt verlangt. Ich bin schon sehr gespannt, was sich davon bis zum kommenden Sommer auf unsere Balkone, in unsere Gärten und Parks durchgeschlagen haben wird. Alle Sinne werden involviert und die Menschen kokelnd und hüftenschwingend für ein paar Stunden in die große Pause aus der digitalen Blase entlassen. Das sind schöne Aussichten!

Zukunftsmusik spielte im Foyer der Halle 4.1 um die Frage zu beantworten, wie Produkte morgen ansprechend präsentiert werden. Welche Online-Anwendungen sind im stationären Handel Erfolg versprechend? Eine erlebnisorientierte Sonderpräsentation ermöglichte eine „Customer Journey”, in der digitale und analoge Maßnahmen intelligent verknüpft wurden. Ein wirklich spannendes Thema auf das diese Präsentation auch nur eine Antwort unter vielen sein konnte. Als Beispiel:

Stellt man den Rosenthal-Teller mit seinem Produktcode auf einen tischgroßen Touchscreen tauchen gleich seine virtuellen Produktvarianten darauf auf, mit denen man dann durch streichen und ziehen etwas hakelig Geschirrkombinationen testen kann. Spätestens über meinem Tisch zuhause werden keine Möven im blauen Himmel kreisen, wie im virtuellen Mood-Himmel an diesem „Point of Experience“. Und wie es ausschaut ein Glas einzuschenken muss ich mir auch nicht als Film angucken. Die digitale Bewegtbildwelt lenkt ganz schön ab von dem Ding um das es da geht und setzt voraus, daß man wahnsinnig viel über und um das Objekt der Begierde herum wissen will. Will man das wirklich? Und wenn, was? Mich nerven diese ganzen „Pseudo-Inhalte“ – am Ende sollen die Dinge individuell in ihrer Handhabung und Ästhetik funktionieren und zuverlässig das können was man von ihnen erwartet. Das ist ja – wie wir alle wissen – schon sehr viel verlangt!

Natürlich habe ich mir auch die „Talents“ angeschaut und mich gefreut, dass all diese jungen, angehenden Produktdesigner sich durch den geradezu überwältigenden Überfluss an Konsumgütern nicht bange machen lassen. Ein Projekt der Hochschule der Bildenden Künste Saar, das „glaslabor – digitale Konzeption von manufakturellen Prozessen“ schickte die Studierenden in die französischen Glashütte Meisenthal. Sie konfrontierten dort ihre am Computer entwickelten, zumeist flexiblen Formen und Werkzeuge mit der Praxis handwerklicher Produktion von Glas. Die Ergebnisse bezeugen den Einfallsreichtum und die kreative Power dieser jungen Leute, die das Potential des Zusammenwirkens von virtuellen und realen Optionen ausschöpften. Ihre Projektpräsentation gewann durch die direkte Nachbarschaft zu den Ständen der hochkarätigsten internationalen Glashersteller noch einmal mehr an Aussagekraft. Auch die Hochschule Kassel zeigte mit der kasselcollection“ Studienarbeiten, selbstgewählte Aufgaben und Produkte, anspielungsreich und „kommentiert“ durch die Dokumentation der Entwicklungsprozesse.

Ambiente 2018
Objekt Barbara Cimzar – Talents Ambiente 2018 Foto: Messe Frankfurt GmbH / Pietro Sutera

Grundsätzlich schürften die Talents fast alle ihr Gold im Geist des „back to the roots“. Die Neuinterpretationen traditioneller Materialien und Techniken erschliessen altes Wissen und weisen ihm einen neuen Platz in unserer Moderne zu. „Kann das in den Geschirrspüler?“ wäre in diesem Zusammenhang eine geradezu ketzerische Frage, denn gerade die Fürsorge und Wertschätzung des Materials und des Produktes gehören oft zum Konzept – als bewusster Gegenentwurf zu unserer Schnelllebigkeit. Barbara Cimzar erfand z.B. neues und gleichzeitig bewährtes Küchengerät in gediegener Ästhetik. Den Messingtopf nach der Herstellung von Eisschnee (wird viel schneller steif als in einem normalen Topf!) liebevoll zu putzen wird selbstverständlich Teil des Procedere? Ich mach mal ein Fragezeichen, aber mir gefällt der Gedanke.

Wunderschöne, aus dem Umgang mit den Materialien heraus gewachsene Produktideen können überzeugen, wie diese Beispiele zeigen. Daniel van Dijck kombiniert großzügige Keramik- und Porzellanplatten und Gefässe die sich formal gleichen aber deren kontrastierende Oberflächen haptisch und optisch reizvoll interagieren – und eine verblüffende Entstehungsgeschichte haben. Antrei Hartikeinen kreiert Holzlandschaften, die das Geniessen und/oder Präsentieren von diversen Spezialitäten zum besonderen Erlebnis werden lassen. Die Vielseitigkeit von Birkenfurnier wird von Anastasiya Koshcheeva seit einigen Jahren immer wieder neu, überraschend und überzeugend unter Beweis gestellt. Ehrwürdige Designklassiker einfach mit Kristallen bis zur Unkenntlichkeit überwuchern zu lassen zeugt von der unerschütterlichen Selbsteinschätzung eines innovativen Designers, in diesem speziellen Fall Isaac Montés – einer dieser unerschrockenen jungen Niederländer, denen ich gerne schon viel früher begegnet wäre. Da weht der Zeitgeist, in dem eine gute Produktidee ohne eine Prise Humor und/oder Hintersinn wenig Chancen hat sich durchzusetzen.

Meine Brille, durch die ich schaue, ist offensichtlich keine Konsumentenbrille. Sie ist auch nicht rosa. Ich gehe über diese Konsumgütermesse und frage mich zum zig’sten Mal, wer das alles braucht? Wie kann man diesen Überfluss sinnvoll eindämmen und verteilen? Mit dieser Frage stehe ich nicht allein. Aber diese Frage greift zu kurz, auch wenn Phänomene wie das Siechtum des lokalen Einzelhandels oder die prosperierende Idee der digitalen Tauschgesellschaft uns beschäftigen.

Wir Menschen sind Jäger und Sammler und extrem kreative dazu – das muss gelebt werden dürfen, aber zeitgemäß, ohne unseren blauen Planeten, den wir als Leihgabe nachfolgender Genrationen beleben, in den sicheren Exodus zu führen. Eine der weltgrößten Konsumgütermessen, die so stolz auf ihre internationale Bedeutung ist und sicher allergrößtes Interesse hat, diese Bedeutung nicht zu verlieren, sollte sich dieser Fragen mit aller Ernsthaftigkeit und Kreativität annehmen und nicht nur hier und da Feigenblätter verstreuen. So verschiebt z.B. der Megatrend Neo-Ökologie die Koordinaten unseres Wirtschaftssystems in Richtung einer neuen Business-Moral, die Märkte und Konsumverhalten radikal verändert. Wachstum wird künftig als eine neue Mischung bestehend aus Ökonomie, Ökologie und gesellschaftlichem Engagement verstanden. Wie könnte die konkrete Perspektive der Konsumgüterindustrie und Wirtschaft aussehen? Das wäre nicht nur ein Thema für Trendschauen! Aber auch!

© Schnuppe von Gwinner 

Die Ambiente kündigt für 2019 eine neue Struktur an: „Die Halle 12 ist die Antwort der Messe Frankfurt auf die Herausforderungen der Zukunft. In ihr kristallisiert sich der Anspruch an das Neue, das Nachhaltige, an das, was es braucht, die Welt von heute vorzubereiten auf das Morgen. Mit der Belegung der Halle 12 ab der Ambiente 2019 und einer Neustrukturierung quer über die gesamte Veranstaltung macht sich die Weltleitmesse fit für die nächsten Jahre.“

 

 

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