1000 Tücher gegen das Vergessen: Berlin bis 25.06.2017

Detail aus dem Film "Rolle des Gedenkens" © Conny Kipfer / Renate Metzer-Breitenfellner

Glockenblumen und Lilien erblühen neben Astern, Fuchsien wechseln mit Veilchen und Kornblumen. Und immer wieder Rosen, Rosen in allen Farben und Schattierungen. Blätter schweben durchs Bild, ein paar Wolken, Sonne, Vögel – das alles scheint von einer unbekümmerten Lebenswelt zu erzählen. Der feine Batist, der das Meer an handgestickten Blüten und Blättern trägt, unterstreicht diese Leichtigkeit – wären da nicht in der Mitte der Taschentücher Lebensdaten, deren zweite Jahreszahl fast immer die gleiche ist: 1992, 1993, 1994 oder 1995. Daten, die von einem viel zu

kurzen, vor allem aber abrupt beendeten Leben zeugen. Der häufige Zusatz Srebrenica, Kotor Varoš, Bratunac o.ä. verweist auf die Schauplätze der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Die etwa 1000 Taschentücher der „Rolle des Gedenkens“ erinnern an die getöteten Menschen dieser blutigen Konflikte in den 1990er-Jahren.

Im Berliner Verein südost Europa Kultur e.V. fanden viele kriegstraumatisierte Menschen aus dem Westbalkan Zuflucht. Dort erhielten sie psychologische Hilfe, die auch in künstlerischen Ausdrucksformen Gestalt annahm. In diesem Rahmen entwickelte die Schweizer Künstlerin Anna S. Brägger das Konzept des textilen Kunstwerks. Frauen bestickten in Erinnerung an ihre getöteten Angehörigen, Freunde und Nachbarn Stofftaschentücher mit den jeweiligen Namen und Lebensdaten und schmückten sie mit ihren Lieblingsblumen aus. Oft war das die einzige Möglichkeit, dem Tod ein sichtbares Zeichen des Gedenkens zu geben, denn viele Tote wurden bis heute weder gefunden noch identifiziert.

Anna S. Brägger fügte die bestickten Taschentücher zu großen Stoffbahnen zusammen und schuf damit ein bewegliches Denkmal. Es misst derzeit 47 Meter und wird weiter wachsen, auch im Rahmen der Präsentation im MEK. Das MEK zeigt die „Rolle“ gemeinsam mit der STIFTUNG ÜBERBRÜCKEN, hervorgegangen aus südost Europa Kultur e.V. Damit setzt das MEK seine langjährige Tradition der Zusammenarbeit mit verschiedenen Communities fort.

In der Ausstellung geben Audio-Stationen den stickenden Frauen eine zusätzliche Stimme: Sie erzählen von ihren schmerzlichen Erinnerungen und der emotional belastenden Arbeit an den Taschentüchern. Sie erzählen aber auch von der gegenseitigen Unterstützung und dem inneren Frieden, den sie bei der gemeinsamen Arbeit erfahren haben.

Museum Europäischer Kulturen (MEK)
Arnimallee 25, 14195 Berlin-Dahlem
Öffnungszeiten: Di – Fr 10 – 17 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr

Am 18. und 19. April 2017 ab 14 Uhr bist Du herzlich eingeladen, gemeinsam mit der Künstlerin Ornamente auf weitere Taschentücher zu sticken. Lass dich inspirieren von den gestickten Tüchern der Rolle des Gedenkens oder entwerfe neue Motive.

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