Buchtipp: Edelstein/Kunst herausgegeben von Wilhelm Lindemann

Das dicke, grüne Buch über Edelstein/Kunst, das letzte „Produkt“ der verlegerischen Laufbahn von Dieter Zühlsdorff, wartete seit dem Sommer geduldig auf den Moment, der Zeit genug schenken würde es mit Muße zu geniessen. Um den Twist zu finden, der auch  aufgeschlossene Laien dazu verführen kann, es zu lesen und zu betrachten. Denn immerhin glaubt ja jeder von uns zu wissen, was ein geschliffener Edelstein ist – bleibt damit aber zumeist nur an der funkelnden Oberfläche hängen, eventuell noch an spekulativen Wertschätzungen.

Die Lektüre dieses Buches führt zu einem bereichernden Erkenntnissgewinn. Die passionierten Autoren bescheren uns ein Buch, das  fesselnd und klug die faszinierende Geschichte der Ikone des geschliffenen Edelsteins im Sinne einer abstrakten Idee der rationalistischen Universalwissenschaften beschreibt.

Mag. Paulus Rainer, Kurator der Kaiserlichen Schatzkammer Wien, verfasste einen, an Informationen dichten historischen Abriss über die Kunst des Edelsteinschnittes – von der Antike über die in diesem Kontext besonders bedeutsame Kunst der Renaissance und die erlesenen Preziosen der Kunstkammern des barocken Zeitalters. Er beschreibt die Relevanz mystisch- spiritueller  wie  auch naturwissenschaftlich- mineralogischer Aspekte und, zum Beispiel, die bedeutsame Zäsur für Steinschneider zu Beginn des 17.Jahrhunderts, als Johannes Kepler feststellte, dass Kristalle kein Zufallsprodukt sondern gesetzmäßig gewachsene Körper sind. Sich gegenseitig befruchtend wirkten Kunst und Technik, Natur und Wissenschaft zusammen.

Seine Ausführungen schliesst Paulus Rainer fragend: „Welche Aufgabe aber unsere Zeit an diese einst edle Verschmelzung künstlerischer und natürlicher Spielformen zu stellen vermag, was wir, die wir die Welt über Flüssigkristalle in unsere Kammern holen, umgekehrt auf die Fragen dieser Kunstform an uns erwidern – all dies mögen die Künstler unserer Zeit beantworten.“ Der reiche Katalog an Abbildungen historischer Beispiele, die diesen spannenden Aufsatz begleiten, speist sich aus dem Fundus des kunsthistorischen Museums in Wien.

Der Herausgeber und Autor Wilhelm Lindemann ist Kurator des Projektes „Schmuck – Denken“ der Stadt Idar-Oberstein und der Fachhochschule Trier, Studiengang „Edelstein- und Schmuckdesign“ Idar-Oberstein in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V. Hanau, dem Forum für Schmuck und Design e.V. Bonn und der ARNOLDSCHE Verlagsanstalt Stuttgart.

In seinem Essay  „Vom ikonischen Edelstein zum zeitgenössischen Kunstobjekt“ verfolgt er eine kunsttheoretische Intention, wobei der Edelstein als Material der Kunst im Fokus steht. Er wagt eine eindrucksvoll detaillierte Analyse der historischen Bedeutung des Symbols „Edelstein“ und bereitet damit die Basis für das Wagnis einer zeitgenössischen, ästhetischen Theorie anhand der Werke der Künstler Bernd Munsteiner, Bernhard Schobinger und Ute Eitzendörfer sowie weiteren zeitgenössischen Künstlern und Studierenden des Studiengangs „Edelstein- und Schmuckdesign“ Idar-Oberstein.

Gerade diese theoretische Betrachtung ist  – aus meiner Perspektive – das inhaltliche Zentrum des vorliegenden Buches. Wir erfahren etwas über die Bedeutung göttlicher Lichtmetaphorik im Mittelalter, die Entwicklung des Facettenschliffes zu Beginn der Neuzeit und die Rolle von Geometrie- und Proportionslehre. Die Schilderung des Zusammenhangs von Facettenschliff und Philosophie in Renaissance und Barock, das Miteinander zunehmend verfeinerter ästhetischer, symbolischer, philosophischer und technischer Gesichtspunkte als Nährboden für die Gestaltung und Rezeption geschliffener Edelsteine – und die Profanierung ihres symbolischen Gehalts zum „Kultus des Schönen,“ und damit zum reinen Ausdruck von Reichtum und Macht, gelingt dem Autor ebenso facettenreich und schillernd wie der Gegenstand seiner Untersuchung selbst es ist.

Die Wiederentdeckung des Edelsteines als Material künstlerischer Produktion findet, wie könnte es anders sein, in Idar-Oberstein statt und wird ausführlich anhand der o.g. Künstlerarbeiten beschrieben. „Konsequenterweise ist die erneute Auseinandersetzung mit dem Kristall als Material künstlerischer Produktion eng mit der Dekonstruktion des ikonischen Edelsteinschliffs verbunden. Die Abkehr vom tradierten Schliffkanon, und damit der Verzicht auf das sinnentleerte dekorative Symbol von Schönheit, mündet in einer neuen Edelsteinästhetik, die zum kristallinen Wesen vorzudringen sucht“ schreibt Wilhelm Lindemann und schildert und bebildert diesen Prozess umsichtig und wortreich im dritten Teil des Buches. Ausgehend vom sicheren Terrain seines Wirkungskreises eröffnet Wilhelm Lindemann einen beeindruckenden Kosmos von Aspekten, deren Relevanz für die Beschäftigung mit Edelsteinen auf inspirierende Art überzeugt.

Schliesslich kommt Regine Prange, Professorin am kunsthistorischen Institut der Goethe-Universität Frankfurt in zwei Aufsätzen zu Wort. Sie erklärt  warum zu Beginn des 20.Jhs der Kristall zu einem wichtigen Bildmotiv und bedeutsamen Kunstsymbol wurde, mit dessen Hilfe zur Abstraktion drängende Veränderungen, die sich im Kunstwerk vollzogen, wieder an Natur und Lebenswirklichkeit gebunden werden konnten. Ihr abschliessender Essay befasst sich mit dem Kristall als Symbol des widerständigen in der Kunst anhand des Werkes von Thomas Hirschhorn.

Für mich wären diese beiden Schlussbeiträge entbehrlich gewesen. Mich faszinierte eher die Nähe und Konzentration der informativ und anregend geschriebenen Texte über den Edelstein in seiner historisch-philosophisch-symbolisch-ästhetisch-naturwissenschaftlichen Dimension, die mein – in dieser Sache laienhaftes -Verständnis unbedingt geschärft haben und mein Sehen verändern werden: eine große Bereicherung!

Ein Buch, dessen inhaltlicher Wert es locker mit einem kostbaren Edelstein aufnehmen kann – ergänzend oder alternativ auch auf dem Gabentisch!

© Schnuppe von Gwinner

Wilhelm Lindemann (Hg.): Edelstein/Kunst, 352 Seiten, 24 x 30,5 cm, 316 Abb. in Farbe. Hardcover mit Schutzumschlag. Deutsch / Englisch. ISBN: 978-3-89790-465-1

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