Apokryphen – Ricarda Roggan: Eigen+art Galerie Leipzig bis 20.06.2015

Um den ganzen Raum läuft in Nasenhöhe eine milimetergenau gehängte Parade weißer Rahmen mit schwarz-weißen Objektfotos – in der Mitte eine Bank mit diversem Lesestoff, aus dem wir lernen dürfen, was Apokryphen sind und was es sonst noch alles auf sich hat mit dieser Fotoparade. Sozusagen in Buchhaltermanier hat Ricarda Roggan Objekte in elegant farblosem Grau gestochen scharf dokumentiert. Jedes Ding liegt am gleichen Platz, auf einem Sims unter identischer Beleuchtung. Manches scheint auf seinem eigenen Schatten zu schweben. Natürlich stellt sich nach einer Weile der Betrachtung die Frage, welches Auswahlkriterium zu dieser Ansammlung eindeutig benutzter, praktischer oder dekorative kleiner Artefakte geführt hat. Ich habe mir erstmal alle ganz genau angeschaut.

In den letzten Monaten gab es die inspirierende Ausstellung „vom Wesen der Dinge“ im Grassimuseum für Völkerkunde (Leipzig), die nicht nur mir den ethnologischen Blick auf Objekte näher gebracht hat – und wie hilfreich der ist – und wie verquast und absurd dagegen  oft das ambitionierte Formulieren der Kunstwissenschaft, in dem intellektuellen Versuch Dinge nicht zu erklären, sondern wichtig zu reden, Bedutung zu kreieren.

Hier bei Ricarda Roggan also der fotografische Versuch. Ein rein dokumentarischer Ansatz. Um Objektivität bemüht. Jedes Objekt hat absolut die gleiche Chance, ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Man freut sich an kleinen Details, der Eleganz eines Brillengestells, einer bezaubernden Handarbeit und fragt sich manchmal, zu was das Ding jetzt gut sei. Die Objekte sprechen ganz für sich und werfen jede Menge Fragen auf. Nach dem Abschluss meiner Runde trage ich diese zu der Bank in der Mitte des Raumes und greife zu den ausgelegten Texten.

In ihrer neuen Serie der Apokryphen nimmt Ricarda Roggan Gegenstände und archivierte Hinterlassenschaften bekannter Persönlichkeiten, Philosophen, Literaten und Komponisten in den Fokus. Der Bleistift von Kurt Tucholsky ist genauso dabei wie ein kleiner Porzellanfisch von Ricarda Huch, Die Brille von Ernst Bloch und Taschenuhr von Martin Heidegger. Woher kommen diese Dinge, welche Geschichte ist ihnen widerfahren, welcher Zeit gehören sie an und was sagen sie uns? Der Pressetext behauptet, dass Ricarda Roggan versucht diese Fragen in ihren dokumentarischen Abbildungen der Artefakte zu erklären. Das glaube ich aber nicht.

Sie beschäftigt sich viel mehr mit dem Phänomen, was der Kontext für den Gegenstand bedeutet. Der Bleistift von Tuchholsky ist z.B. so ein rührend abgegrabbeltes Ding, auf halbem Weg zum Stummel – falls jemand heute, im digitalen Zeitalter noch weiß was das ist. Er wurde offensichtlich mit dem Messer gespitzt und viel benutzt. Dadurch hat er eine ganz eigensinnige Patina bekommen – und wenn ihm diese tatsächlich Kurt Tucholsky beigebracht hat, ist das wirklich sehr anrührend und auf eine Art eindrucksvoll. Ich habe auch noch sowas zuhause, selbstgemacht, zum anstreichen von Textstellen wenn ich lese – „B“, weiche Miene, schmiert etwas – aber ich liebe diese Bleistiftstummel.

Nun kann man die Fotos erneut anschauen. Durch Zuordnung und Beziehungen werden sie natürlich auratisch aufgeladen – erinnern Sie sich nur wie z.B. die Garderoben von Lady Di versteigert wurde? Was für ein Effekt! Aber vor dem Objektiv von Ricarda Roggan werden alle gleich, lassen sich höchstens als Stellvertreter der Alltagsdinge betrachten, die man irgendwie kennt und vielleicht noch selbst benutzt. Mit Ausnahme der Hörgeräte von Beethoven oder dem Taktstock Robert Schumanns – sowas weckt dann doch etwas die Faszination des Voyeurs in uns.

Robert von Amelunxen schrieb in seinem klugen Text über die Apokryphen von Riccarda Roggan: „… Durch die behutsame Einrichtung der Dinge vermag Ricarda Roggan die Dinge für einen von deren Geschick, an die eigene Geschichte gebunden zu sein, zu befreien, um für uns dann beide, Geschichte und Erlösung, ins Licht zu setzen, Ricarda Roggans Dinge tragen ihren Anfang und ihr Ende zusammen und zum Anfang hin. Dinge in der Zeit. Dinge im Raum.“

Sehr zu empfehlen, diese anregende kleine Expedition zur Bedeutung der Dinge!

noch bis zum 20.06.2015: Galerie EIGEN+ART, Spinnereistraße 7, 04179 Leipzig       geöffnet Dienstag bis Samstag, 11 bis 18 Uhr

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