Farewell „textilkunst“ Magazin

Über 50 Jahre lang begleitete das Magazin „textilkunst“ seine Leserschaft, textile Profis und Laien im deutschsprachigen Raum. Im September 1973 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift  im Verlag M&H Schaper, Hannover. Sie wurde bis 1995 von Barbara Koch-Münchmeyer, Inhaberin des Schaper-Verlages, redaktionell gestaltet. Ab 1995 lag die Schriftleitung in den Händen von Christiane Thalemann. Vor allem Künstlerportraits prägten das Profil der „textilkunst“, darüber hinaus Informationen und Anregungen aus dem Feld der traditionellen wie modernen, der pädagogischen wie experimentellen Textilgestaltung. Berichte über ausgewählte textile Schätze, über Restaurierungsprojekte, von Ausstellungen, Wettbewerben und besonderen Sammlungen im In- und Ausland fanden ihren Platz.

So entstand kontinuierlich über 5 Jahrzehnte eine einzigartige Dokumentation.

In dieser ganzen Zeit wurden die sich ändernden Trends im textilen Genre hier auf natürliche Weise sichtbar. Doch am Erscheinungsbild der Schriftenreihe selbst gingen alle denkbaren Innovationen vorüber. Was in den 70er und 80er Jahren up to date war wurde über 50 Jahre unverändert beibehalten: das hochglänzende Papier, die Schrift und das sehr spezielle Layout.

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textilkunst-Titel: Kopfschmuck aus Stroh – Christiane Englsberger

Freie, oft langjährige Autoren und Autorinnen lieferten die Beiträge, deren Texte und Bilder von der jeweiligen Schriftführerin in den Strom der Berichterstattung eingefügt wurde. Kriterien und Konzepte hierfür haben sich mir persönlich nie erschlossen.

Ich selbst habe in den frühen Achzigern, Neunzigern und seit 2022 regelmässig Themen vorgeschlagen und alle wurden veröffentlicht. Zwischendurch nicht mehr ganz so auf das Textile fokussiert, vermutete ich sogar irgendwann,  es gäbe die „textilkunst“ nicht mehr – bis ich sie zufällig, durch den Hinweis einer französischen Textilkünstlerin, wieder entdeckte.

Inhaltlich war und ist die „textilkunst“ eine Fundgrube! Ein Füllhorn, dessen Inhalte die große textile Kunst ebenso würdigt wie kreative Amateure – und alles dazwischen. In gewisser Weise entsprach der etwas „handgestrickte“ Charakter des Magazins auch den Vorurteilen, die der textilen Szene oftmals entgegen gebracht werden. Andererseits verband sich damit auch etwas geradezu anarchistisch Geniales, eine ehrliche  Unabhängigkeit, gerade auch von einem kuratorischen Anspruch. Die Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters.

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Zum Jahresende 2024 informierte die Schriftführerin Christiane Thalemann:

„Die Ausgabe, textilkunst 4/24, wird die letzte sein.

Ich bekam vor kurzem die Nachricht, dass die Presse Dienstleistungsgesellschaft zum Jahresende aufgelöst wird und die „textilkunst“ wieder an die Schlütersche Verlagsanstalt in Hannover übergeht, die vor Jahren den Schaper-Verlag übernommen haben. Die Presse-Dienstleistungsgesellschaft in Alfeld hatte damals die Fachzeitschriften, die im Schaper-Verlag verlegt wurden, gepachtet. Die Schlütersche wird die ‚textilkunst‘ nicht mehr weiterführen und einstellen. Sie passt nicht in deren Portfolio und ist nicht gewinnbringend genug. Ich kann diese Entscheidung nur sehr schwer akzeptieren und habe hin und her überlegt, ob ich es vielleicht allein schaffe, die Zeitschrift zu pachten – aber das ist utopisch.“

Ich staune, dass diese Utopie sich nicht schon längst offenbarte: eine aktuelle Fachzeitschrift,  in der es überwiegend um Gestaltung geht, ohne zeitgemässes Layout und ohne jede digitale Einbindung auskömmlich zu publizieren. Dass dies so lange gelingen konnte, spricht für die treue Leserschaft, die treuen Abonnenten und für ein generelles, inniges Bedürfniss der Aficionados nach Informationen aus der textilen Gestaltungswelt. Chapeau!

So stirbt nun die „textilkunst“ ausgerechnet in einer Ära, die der aktuellen textilen Gestaltung viele Tore öffnet und ihr große Aufmerksamkeit und Wertschätzung, weit über den Kreis der Spezialisten hinaus, entgegen bringt. Viele Museen und renommierte Galerien zeigten oder zeigen gerade spektakuläre Textilkunst-Ausstellungen, vieles ist in Vorbereitung. Doch ohne das digitale Echo und eine adäquate  Übereinstimmung von Inhalt und Gestalt werden die leisen Stimmen analoger Medien heute und in Zukunft nicht mehr ausreichend gehört.

Ich bedaure vor allem, dass der unermessliche Schatz an textilen Informationen, Wissen und Inspiration, aus den vergangenen 50 Jahren in den Magazinen der „textilkunst“ regelrecht begraben ist. Ohne Kartei, ohne Verschlagwortung, ohne Digitalisierung von Bild und Text wird er nur mit großem Aufwand zu heben sein. Eine verschlossene Schatztruhe auf dem Grund des Informationsozeans. Das ist wirklich sehr traurig.

Für alle Untröstlichen bleibt vielleicht noch die Zeitschrift „ textil ... „Wissenschaft Forschung Bildung“ oder das internationale Fachmagazin für die Textil- und Modeindustrie „textile network“ oder der Textile Forum Blog von Beatrijs Sterk, Herausgeberin des Textile Forum Magazins (1982 bis 2013), die vor allem der großen Textilkunst ihr Herz und kluge Analysen schenkt.

ODER DOCH…

Selvedge_Ausgaben19.12.00

lieber das wunderbare englische „Selvedge“ Magazin, das seit 2004 von Polly Leonard in London herausgegeben wird. Dabei macht sie sehr viel richtig:

“ Selvedge wurde gegründet, um unsere intellektuelle und sinnliche Sucht nach Stoffen zu feiern sowie kunstvoll gefertigte und sorgfältig durchdachte Textilien zu fördern. Mit jeder Ausgabe verliebe ich mich mehr und mehr in Textilien und bin fasziniert von den Geschichten und dem Leben der talentierten Hersteller, die wir vorstellen. Diese Geschichten, die auf den Seiten des Magazins erzählt werden, würdigen die Bedeutung von Textilien als Teil der Geschichte eines jeden Menschen. Ich glaube, dass die interessantesten und bewegendsten Textilgeschichten es verdienen, im bestmöglichen Licht gezeigt zu werden, und bemühe mich, ein ästhetisch schönes Erlebnis zu schaffen.

Selvedge setzt die Gedanken fort, die auf den Seiten des Magazins beginnen, und produziert einen Podcast, einen Newsletter, einen Blog und einen inspirierenden Instagram-Feed, in dem Kunsthandwerker, Abenteuer und Meinungen vorgestellt werden. Diese Wege sind ein Treffpunkt für die Selvedge Gemeinschaft und ein Einstieg in die Welt der Textilien für diejenigen, die eine originelle und erweiternde Perspektive suchen. Die Selvedge World Fair, ein Fest der Stoffe, der Kultur und der Kreativität, bietet einhundert Kunsthandwerkern aus fünfundachtzig Ländern die Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen, ihr kulturelles Erbe zu teilen und Nachhaltigkeit von ihrer besten Seite zu zeigen. Führungen, gesellschaftlichen Veranstaltungen und Workshops bieten die Möglichkeit, Wissen zu teilen und Fähigkeiten zu entwickeln.“

Die Welt wird sich auch ohne „textilkunst“ weiter drehen – doch etwas Wehmut sei durchaus erlaubt.

© Schnuppe von Gwinner

selvedge Ausgaben19.13.48