Ernst Gamperl – im Dialog mit dem Holz: Winterthur 26.05. bis 03.11.2019

© Ernst Gamperl / Foto: Bernhard Spöttel

Der international renommierte deutsche Künstler und Drechsler Ernst Gamperl arbeitet seit jeher mit Holz von uralten Bäumen, die Jahrzehnte und Jahrhunderte in der Natur wuchsen und unver-wechselbare Charaktermerkmale entwickelten. Technisch oft an der Grenze des Machbaren, schafft Gamperl daraus raumfüllende Holzskulpturen in einer einmaligen gestalterischen Qualität. Im Gewerbemuseum Winterthur zeigt er nun erstmals sein einzigartiges Ensemble aus Gefässen und Objekten, die im Rahmen seines «Lebensbaum-Projektes» seit zehn Jahren entstehen – alle sind sie aus dem Holz einer rund 230 Jahre alten, gigantisch grossen Eiche entstanden, die 2008 von einem Orkan entwurzelt wurde. Die Ausstellung wird von einem vertiefenden Veranstaltungspro-gramm begleitet. Im September findet zudem die Buchvernissage zur Neuerscheinung «Ernst Gamperl – Zwiesprache» statt.

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Blick in die Ausstellung «Ernst Gamperl – Dialog mit dem Holz» im Gewerbemuseum Winterthur. Foto: Michael Lio

Holz ist die grosse Leidenschaft des international renommierten deutschen Künstlers und Drechslers Ernst Gamperl (*1965). Mit einer faszinierenden Methode gestaltet er aus grünem Holz Skulpturen, bei denen er auf raffinierte Weise den natürlichen Trocknungsprozess in die Formgebung der Stücke einbezieht. Gamperl hat die Technik des Drechselns revolutioniert und er hat damit zu völlig neuen Massstäben in diesem Handwerk beigetragen. Er interessiert sich vor allem für den Dialog mit dem lebendigen Material, für die kraftvolle Form und die Qualität des Unvorhersehbaren. So werden auch Risse und Bruchstellen, Äste und Unregelmässigkeiten bewusst und kontrolliert in die Gestaltung integriert. Gleichzeitig sind die Bearbeitung des Holzes mit unterschiedlichen Dreheisen im rotierenden Verlauf auf der Drehbank sowie das Bürsten und Einfärben der Oberflächen weitere Merkmale, die Ernst Gamperl ständig zu perfektionie-ren weiss.Technisch oft an der Grenze des Machbaren, schafft der Holzkünstler raumfüllende Skulpturen in einer ein-maligen gestalterischen Qualität. Dabei steht jedoch immer der Werkstoff im Mittelpunkt. Gamperl ist über-zeugt, dass es das Material an sich ist, das jedes einzelne von ihm geschaffene Objekt zu dem macht, was es ist. So sind es die Kräfte, die während Jahrhunderten auf einen Baum eingewirkt und dessen Wachstum beeinflusst haben, die im Wesentlichen den Ausdruck seiner kunstvollen Gefässe bestimmen.

Nach weltweit vielbeachteten Ausstellungen, die in den letzten Jahren vor allem auch in Japan und Korea auf grosse Resonanz stiessen, zeigt nun das Gewerbemuseum Winterthur erstmals Ernst Gamperls«Lebensbaum-Projekt». In einem zehn Jahre währenden Arbeitsprozess verwandelt Gamperl eine riesige, ungefähr 230 Jahre alte, von einem Orkan entwurzelte Eiche in ein einzigartiges Ensemble aus vielfältig geformten Gefässen und Objekten. Ausserdem geben in der Ausstellung Fotografien, Arbeitsfragmente und ein Dokumentarfilm Einblick in seine einzigartige Arbeitsweise.

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Ernst Gamperl beim ersten Anschnitt der 230 Jahre alten, entwurzelten Eiche in Rott am Inn (Bayern). Aus diesem Holz fertigt er danach seine Holzskulpturen für sein «Lebensbaum-Projekt». © Ernst Gamperl / Foto: Niklas Goslar

Das Lebensbaum-Projekt oder die Wiedergeburt eines Giganten

2008 wurde die Eiche in der Gegend von Rott am Inn, Bayern, von einem Orkan gestürzt und entwurzelt. Im Frühjahr 2010 – nachdem Ernst Gamperl sie gekauft hatte – wurde sie dann erstmals angeschnitten und im Laufe des Jahres in mehreren Schritten abtransportiert. Auszüge aus den Erinnerungen von Ernst Gamperl: «Es handelt sich um den bisher grössten Baum, der jemals seinen Weg zu mir gefunden hat, ein Ereignis, das einem sicher nur einmal im Leben widerfährt. Würde man nach einem Baum in diesem Ausmasssuchen, man würde ihn wohl nie finden. Aber es gab einfach niemanden, der sich auf diesen Baumriesen einlassen wollte, weil er für die standardisierten Arbeitsabläufe schlicht zu gewaltig ist – auch für mich eine Herausforderung: In gestalterischer Hinsicht, um die Balance zwischen wohlproportionierten Gefässen und der Möglichkeit einer neuen Dimension zu finden ohne ins Gigantische zu verfallen, aber eben auch in mentaler und physischer Hinsicht.

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Ernst Gamperl „Lebensbaum“ Projekt © Ernst Gamperl / Foto: Bernhard Spöttel

Dazu ist es noch eine Eiche, mein Lieblingsholz! Sie wuchs während ungefähr 230 Jahren, bevor sie von einem Orkan entwurzelt wurde. Dabei hat sie das Dach und das erste Stockwerk eines Hauses zerstört, Menschen kamen dabei aber glücklicherweise nicht zu Schaden. Aufgrund der gigantischen Grösse musste die Eiche mit Schwerlastkränen geborgen werden, was für grosse Aufregung und Wirbel in der ganzen Umgebung sorgte. Ein Freund in der Nähe hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ziemlich schnell habe ich mit der Forstverwaltung und den verantwortlichen Leuten Kontakt aufgenommen. Allein der Erdstamm mit seinen 3 Metern Länge wog 10 Tonnen, der zweite, ebenso lange Abschnitt ungefähr 12–14 Tonnen, der maximale Durchmesser lag bei 2,70 Metern. Ich war begeistert und verunsichert zugleich, habe den Baum dennoch erworben und legte sogleich mit dem Pläneschmieden los, beseelt von dem Gedanken, die Eiche wieder zu neuem Leben zu erwecken.

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Ernst Gamperl „Lebensbaum“ Projekt © Ernst Gamperl / Foto: Bernhard Spöttel

Um in diesen neuen Dimensionen arbeiten zu können, habe ich während zweier Jahre meine Werkstatt vollständig verändert, erweitert und umgebaut, und unter grossem Aufwand neue Drehmaschinen konstruiert. So haben wir uns auf jede erdenkliche Art und Weise intensiv auf diesen Giganten vorbereitet, nicht nur in praktischer Hinsicht. Auch für mich persönlich war diese Zeit äusserst wichtig, um die richtige Einstellung zu finden und die visuelle Intuition herauszubilden, um die Gefässe, die ja bereits im Baum stecken, schon beim Anschnitt zu erkennen. (…)» (Pressetext)

Gewerbemuseum Winterthur
Kirchplatz 14
CH-8400 Winterthur

Öffnungszeiten: Di bis So 10–17 Uhr / Do 10–20 Uhr / Mo geschlossen.

Der Ausstellungskatalog «Ernst Gamperl – Zwiesprache» erscheint anfang September 2019. In Text und Bild dokumentiert er das Projekt «Lebensbaum» und erzählt die Geschichte von der mächtigen Eiche bis zu den fertigen Objekten und Skulpturen. Gleichzeitig gibt der Katalog Einblick in die gestalterische Entwicklung Ernst Gamperls in den letzten zehn Jahren.

Buchvernissage im Gewerbemuseum Winterthur, Samstag, 7. 09. 2019, 16 Uhr          In Anwesenheit von Ernst Gamperl. Verkauf der Publikation ab September 2019 im Shop des Gewerbemuseums Winterthur