Von der Unsterblichkeit und anderen Kostbarkeiten: Nachlese zum 16. HammerClub Treffen in Hanau vom 04. bis 06. 05. 2018

HammerClub-Treffen | Foto: Martina Tornow

Sie war angekündigt! Die Unsterblichkeit für alle Teilnehmer der 16. Versammlung des HammerClubs vom 4. bis 6. Mai 2018 in Hanau! Andreas Decker bekräftigte dieses Versprechen zur offiziellen Begrüßung anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „favorites“ im Goldschmiedehaus Hanau:
“Ihr werdet Hanau verjüngt und erfrischt verlassen und Unsterblichkeit erlangen! Wir halten unser Versprechen. Bei nichteintreten der Unsterblichkeit erstatten wir unter http://www.unsterblichkeitsgarantie//hammerclub.de die volle Teilnehmergebühr zurück.
Es ist uns eine große Ehre dieses internationale Treffen der Silberschmiede und unsterblich Silberverliebten an diesem Wochenende in Hanau auszurichten. Wegen der großen Resonanz musste die Teilnehmerliste des Symposiums bei 150 Anmeldungen bereits vor 4 Wochen geschlossen werden. Dieses ist das größte HammerClub-Treffen, das es jemals gab – was an dem Versprechen zur Erlangung der Unsterblichkeit liegen mag. Schon für die Ausstellung „favorites“ scheinen die Silberschmiede die Chance genutzt zu haben unsterbliche Werke zu schaffen!“

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Die HammerClub-Treffen Agenda

Seit 2002 findet das alljährliche HammerClub-Treffen des Silberschmiedeforums, einer losen Vereinigung von Silberschmieden und Silberenthusiasten, statt. Die Organisation übernimmt in jedem Jahr ein neues Team von Freiwilligen, unterstützt von bedeutenden europäischen Museen und Hochschulen. Die Programmstruktur steht fest und beinhaltet neben Fachvorträgen, Diskussionen, Führungen und Workshops einige besonders charakteristische Elemente:
Eine begleitende Ausstellung wird ausgerichtet, zu der alle Silberschmiede ihre aktuell besten Arbeiten für die Schau und zum Wettbewerb einreichen können. Die Preisjury besteht dann aus den versammelten Kollegen des HammerClub-Treffens. Im Laufe der gemeinsamen Tage schmieden alle Teilnehmer gemeinsam an einer „common bowl“. Ein Gruppenfoto dokumentiert oft nicht nur die Anwesenheit sondern auch die Stimmung eines HammerClub Treffens. Ein abendliches Galadinner wird zum festlichen Höhepunkt der Zusammenkunft und gibt den Rahmen für die Verleihung der drei HammerClub-Preise.

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HammerClub-Treffen 2018 Gruppenbild | Foto: Schnuppe von Gwinner

Das Organisationsteam 2018 bildeten die Silberschmiedelehrer der Zeichenakademie Andreas Decker und Bruno Sievering-Tornow sowie die Goldschmiedin Martina Tornow. In der heißen Phase der Vorbereitung und des Ablaufs konnten sie auf die engagierte Unterstützung der Schüler der Zeichenakademie zurück greifen.  Sie verwandelten die Räume der Akademie in einen ebenso perfekt ausgestatteten wie auch liebevoll  dekorierten Tagungsort. Auf der grünen Wiese davor wurde unter einem kleinen Zeltdach munter an den „common bowls“, den Gemeinschaftsschalen – eine sogar aus dem für Silberschmiede neuen Werkstoff Tantal – gehämmert und gefachsimpelt. Die Schalen gehen im Anschluss an das Treffen als Schenkung an das Goldschmiedehaus Hanau.

Die Eröffnung der Silberschmiede-Ausstellung „favorites“

Das Highlight des Ankunftstages war die Eröffnung der Silberschmiede-Ausstellung unter dem Titel „favorites“, die noch bis zum 04.August 2018 im Goldschmiedehaus zu sehen ist. In einer geradezu transparenten, lichtdurchfluteten Schau präsentierte sich technische wie gestalterische Raffinesse auf höchstem Niveau und begeisterte das fachkundige Eröffnungspublikum. Die einführenden Worte des Präsidenten der Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V. Herrn Hartwig Rohde und des Oberbürgermeisters der Stadt Hanau, Herrn Claus Kaminsky, zeugten dann auch von dem Stolz der Gastgeber, die sich auf die bemerkenswerte Silberschmiedetradition der Stadt beriefen. Die Leiterin des Goldschmiedehauses, Dr. Christianne Weber-Stöber, gab eine kundige, sehr informative Einführung in die Ausstellung. Die Bereitschaft der Verantwortlichen der Goldschmiedegesellschaft und im Goldschmiedehaus, das HammerClubtreffen 2018 tatkräftig zu unterstützen, z.B. mit der Ausrichtung der Ausstellung inklusive der Übernahme der damit verbundenen Kosten, machte sie zum idealen Partner, ohne die das Treffen nicht in Hanau hätte stattfinden können.

Auch die Kooperation mit der Zeichenakademie erwies sich als Glücksfall. Nicht nur die Nutzung der Räume. Auch der große Pool Jugendlicher, aktueller und ehemaliger Silberschmiedeschüler der Zeichenakademie erleichterte das Management dieser anspruchsvollen Veranstaltung.  Sie übernahmen sogar das ebenso fantastische wie fantasievolle Catering.  Im Gespräch mit Martina Tornow wurde einmal mehr deutlich wie großartig das gesamte Team die Herausforderungen gemeistert hat. Die Teilnahmegebühr von 100 € konnte für dieses tolle Programm natürlich nicht annähernd kostendeckend sein und mußte durch großzügiges Sponsoring ergänzt werden, das einzuwerben eine besondere Herausforderung war. „Wir hatten auch nicht damit gerechnet, dass alle angefragten Referenten wirklich zusagen“. Doch die klug ausgewählten Referenten eröffneten die einzigartige Gelegenheit in ganz unterschiedliche Gedanken – und Arbeitswelten zu blicken. Das Angebot lockte schliesslich so viele Aficionados nach Hanau.

Samstags in der Zeichenakademie Hanau

Mit einer Führung durch die Zeichenakademie und einem hochinteressanten Vortrag über die Tradition der Gold- und Silberschmiede und der Zeichenakademie in Hanau eröffnete Dr. phil. Bruno-Wilhelm Thiele den Reigen der inspirierenden Vorträge. Dieser wurde durch eine technische Einführung in das Material Tantal der Firma Tantec fortgeführt um dann, direkt nach einer kleinen Kaffeepause, in der äusserst unterhaltsamen Präsentation von „Steinbeisser“ zu münden.

Hinter dem Namen dieses grimmig dreinschauenden aber kulinarisch höchst vielversprechenden Fisches verbergen sich zwei blonde, einnehmende junge Männer: Martin Kulik und Jouw Wijnsma aus Amsterdam. Sie liessen das Auditorium mit ihrer Schilderung an einer glamourösen Welt teilhaben, die sie mit ihrem Konzept „Steinbeisser experimentelle Gastronomie“ in Entzücken versetzen. Sie berichteten darüber wie sie artifizielles Tafelgerät mit der „gourmet cuisine“ prominenter Chefs fusionieren. In ihrem Erfahrungsbericht schilderten sie die Entwicklung ihrer Strategie, erst Sterneköche und dann auch ein zahlungskräftiges Publikum für außergewöhnliche Genusserlebnisse zu gewinnen, bei denen neben ausschliesslich vegetarischer Sterneküche auch experimentelles, ästhetisches, aber nicht unbedingt praktisches, Tafelgerät eine zentrale Rolle spielt. Den Terminkalender für zukünftige Abenteuer dieser Art findet man unter http://www.steinbeisser.org/programme/

Perfekt eingestimmt wurde das Auditorium erst zum Gruppenfoto und dann in die Mittagspause entlassen, die den Steinbeissern optisch wie kulinarisch auf den Fersen war – angerichtet von zwei Silberschmiedeschülerinnen der Zeichenakademie, die heute in Kassel studieren und dort auch schon Documenta-Gäste mit ihrem äusserst dekorativen Köstlichkeiten bewirteten.

Helden der aktuellen Silberschmiedeszene

Zwei internationale Helden der aktuellen Silberschmiedeszene standen für den Nachmittag auf dem Programm und sorgten für sprachlose Begeisterung.

Zuerst führte David Huycke, Professor an der PXL-MAD School of Arts Hasselt, und an der Faculty of Architecture and Arts of the Hasselt University, in die Philosophie seines Werks ein. Den Schlüssel zu seinen Betrachtungen lieferte ihm zu Beginn die Beschäftigung mit der antiken Goldschmiede-Technik der Granulation als Mittel der Oberflächengestaltung. Oberflächen interessieren ihn seit jeher mehr als die Form, für die er immer wieder auf jene Formen zurückgreift die sich für seine Arbeiten als ideal erwiesen, wie eine traditionelle Kummenform und schliesslich die Sphäre, die Kugel. Letztere bietet ihm im Kleinen wie im Großen unbegrenzte Möglichkeiten der Variation. Besonders begeistern ihn die Parallelen zu Mathematik und Natur, deren Phänomene und Gesetzmässigkeiten er in seiner Werkstatt, in seiner Arbeit wiederfindet. Akribisch untersucht und gestaltet er die Sphäre allein und im Verbund, als Solitär und im Dialog mit ihresgleichen – mit einer Konzentration und Konsequenz deren stringentes Ergebnis verblüfft und nur bewundert werden kann. Man bekommt den Eindruck, Wissenschaft, Kunst und meisterhaftes Handwerk würden sich hier in bestechender Vollendung umarmen.

Michael Rowe war über 30 Jahre als Professor ein einflussreicher Lehrer für Schmuck und Metall am Royal College in London, und gilt heute als eine bedeutende Persönlichkeit in der Entwicklung zeitgenössischer angewandter Kunst. Akribisch und kompromisslos sucht er eine intellektuelle Annäherung an sein Werk und verleiht ihm damit eine immense formale Würde. Seine Untersuchungen betreffen das Verhältnis zwischen dem Denken und den Dingen. In einer chronologisch voran gehenden Beschreibung seiner künstlerischen Etappen und Projekte vermittelte er den Zuhörern eine Vorstellung von der Entwicklung seines künstlerischen Kosmos. Von den frühen Arbeiten, die sich mit visuellen Analogien beschäftigen und ihn zur Untersuchung des Phänomens der Perspektive führen, bis zu seinen jüngsten Überlegungen und Werken, die sich mit der kontextualisierung von Objekten auseinandersetzen. Ihn interessiert die Qualität des Raumes und der räumliche Zusammenhang in dem sich seine Arbeit befindet. In seinem Vortrag veranschaulichte er seine Überlegungen Anhand vieler Beispiele und verwies auf seine Schriften.

Die Hammerclub-Familie

Nach so viel Input ging es in die Kaffeepause und auch die „common bowls“ wurden ein gutes Stück voran getrieben. Die anschliessende HammerClub-Runde, in der das Plenum die Themen bestimmt, führte am Ende zu einer begeisternden Schlacht um die zukünftigen Treffen. „Früher hat man zwei Gladiatoren in den Ring geschickt – heute sind diese Zeiten vorbei…“ moderierte Bruno Sievering-Tornow diplomatisch den konstruktiven Tumult. Schliesslich wurde eine vorläufige Reihenfolge der kommenden HammerClub-Treffen vorgeschlagen:
2019 in Dundee in Schottland
2020 in Schoonhoven, Niederlande
2021 in London, England
2022 in Stockholm, Schweden

Der Tag klang im wahrsten Sinne des Wortes durch Martin Bläses Vorführung des Gongs aus, der für eindrucksvolle „Stille“ sorgte bevor sich die große Silberschmiedefamilie lachend und plaudernd ganz dem Galadinner bei Kerzenschein widmen konnte. Die Silberschmiedeschüler der Akademie hatten sich eine sensationelle Tischdekoration ausgedacht und umsorgten die Gäste mit großer Aufmerksamkeit und einem wunderbaren Essen. Drei Hammerclub-Auszeichnungen wurden vergeben, demokratisch juriert durch die anwesende Gemeinschaft aller Silberschmiede. Die Entscheidung dieses geballten Fachwissens vermittelt sicher ein ganz besonderes Gefühl der Anerkennung: Beate Leonards erhielt den ersten Preis, Kim Sanghoon aus Korea den zweiten und Mana Kehr den dritten Preis. Herzlichen Glückwunsch!

Sonntag in der Hanauer Marienkirche

Am Sonntag vertagte sich das HammerClub-treffen in die Hanauer Marienkirche zum Gottesdienst mit Abendmahl und Taufe. Nach einer Begrüßung durch die Pfarrerin Heike Mause erhielten drei Referenten, die sehr unterschiedlich und sehr einnehmend ihre Themen erläuterten, das Wort. Andreas Decker erklärte seine sakralen Arbeiten in der Marienkirche. Ihm folgte Rudolf Bott, der Einblick in seinen so sensiblen Umgang mit sakralen Räumen gab und schliesslich Markus Geißendörfer mit einer theologisch-künstlerischen Betrachtung sakraler Kunst – die bis heute eines der großen Themen der Silberschmiede ist.

Die Silberschmiedeschüler hatten für alle Teilnehmer Aluklammern als Teilnehmerkennzeichnung gestaltet und hergestellt. Ein helles Scheppern, das diese Klammern beim herab fallen erzeugten, begleitete die gesamte Tagung überall als  charakteristisches kleines Geräusch – wie auch der emsige Hammerschlag, der den „common bowls“ galt. Kairos schwebte über diesem ispirierenden internationalen Siberschmiedesymposium in Hanau , das zumindest für all seine Teilnehmer unvergesslich bleiben wird.

© Schnuppe von Gwinner

Die Ausstellung „favorites“ läuft bis zum 04.08.2018 im Goldschmiedehaus Hanau

Der Katalog kostet dort 10 €

Hier finden Sie Informationen zu den Aktivitäten des HammerClubs

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