Collect – The International Art Fair for Contemporary Objects – London 2018: Nachlese

OS ^ OOS „Repeated no.1 Mirror“ | Foto: Jule Claudia Mahn

Jule Claudia Mahn unterstützte ihre Freundin und Kollegin, die Bucheinbandkünstlerin Annette Friedrich, während ihrer Präsentation auf der Collect in der Saatchi Gallery London vom 22. bis 25.02.2018. Sie fand dankenswerterweise Gelegenheit, diesen schönen Beitrag für den Blog zu schreiben und Fotos dazu zu machen:

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Kwang-soo SEO „Celadon Moon Jar“ | Foto: Jule Claudia Mahn

„Please don´t touch“ ist wohl der Satz, den ich in den letzten Tagen am häufigsten von mir gegeben habe und nun stehe ich am Stand der südkoreanischen Galerie LVS & LVS Craft vor den Tongefäßen des Künstlers Kwang-soo Seo und wünsche mir nichts sehnlicher, als einmal über den gewaltigen Bauch des wunderbaren „Celadon Moon Jar“ streichen zu dürfen. Der Mensch möchte nicht nur mit einem Sinn wahrnehmen. Was für eine reine, stille Schönheit, denke ich und blicke mich um. Anders als an den Nachbarständen werde ich hier nicht sofort angesprochen und in ein umfangreiches Werk eingeführt. Hier darf ich einfach geniessen und bin dankbar für die koreanische Zurückhaltung.

Heute ist der letzte Tag der Collect 2018. Endlich habe ich Gelegenheit, mich etwas umschauen zu können. Um sich einen Überblick zu verschaffen, ist es schon etwas spät. Zu sehr war ich in den letzten Tagen mit meiner Assistenz beschäftigt. Ich habe meine Kollegin Annette Friedrich auf die Collect begleitet. Annette ist Bucheinbandkünstlerin und wir kennen uns seit unserem Studium an der Burg Giebichenstein in Halle/Saale.

Seit 13 Jahren lebt und arbeitet Annette in London und ist Mitglied der Vereinigung Designer Bookbinders, die den zeitgenössischen künstlerischen Bucheinband in England repräsentiert. Seit zwei Jahren stellt Designer Bookbinders auf der Collect aus und in diesem Jahr wurde Annette Friedrich mit ihrer Arbeit „Woolf I–IX“ als eine von vier Collect Spotlights ausgewählt. Die ausstellenden Galerien können sich mit einem Künstler bewerben, der Raum für eine Einzelpräsentation erhält. Es ist eine besondere Ehrung für einen Künstler und sein Werk. Für Annette ist diese Präsentation zugleich der Schlusspunkt für ein Projekt, das 7 Jahre intensive Arbeit und Auseinandersetzung bedurfte. Auf schmalen Podesten stehen neun Einbände, bestehend aus Buch, Chemise und Schuber. Jedes Werk eine kleine Welt für sich. Mutige Farbkombinationen und verspielte Prägevariationen auf den Ganzledereinbänden. Zwischen den Deckeln befinden sich die neun Romane von Virginia Woolf. Meist sind es Erstausgaben, aber das interessiert die Besucher kaum. Fasziniert wandern sie um die Einbände herum und ja, man möchte doch so gerne einmal das leuchtende Leder berühren dürfen. „Please, don´t touch“. Jeder Einband ist ein Unikat und ich wünsche mir, dass die Arbeit von einer Institution angekauft wird, damit sie noch viele Menschen zu sehen bekommen.

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Mella Shaw „HARVEST“ | Foto: Jule Claudia Mahn

Die Collect ist im Vergleich zur Grassimesse in Leipzig, wie der Brite im Vergleich zum Deutschen. Ein Tick lauter, viel extrovertierter und bunter. Das mag vermutlich auch daran liegen, dass sich auf der Collect, anders als auf der Grassimesse, nicht Künstler präsentieren, sondern Galerien. Neben renommierten Galerien, wie der Schmuckgalerie Marzee aus Nijmegen, versuchen auch kleinere Galerien hier den Schritt in das obere Segment zu schaffen. Und es ist ein Wagnis (auf durchschnittlich 12.000 Pfund belief sich in diesem Jahr die Standmiete), mit dem die Galerien unterschiedlich umgehen. Manche Stände quollen buchstäblich aus allen Nähten auf die Gänge. Andere versuchten es mit der Einzelpräsentation bekannter Künstler. Stolz wurden rote Verkaufspunkte neben die Arbeiten geklebt. Manch andere Aussteller hatten weniger gute Laune. Business as usual.

Es machte mir unheimlich Freude, durch die drei Etagen zu wandern und diese Fülle an Ideen, die Liebe zum Material und Handwerk aufnehmen zu können. Die asiatische Kunst beeindruckte mich am meisten. Die auf das Wesentliche reduzierten Objekte, seien es Gefäße, Möbel oder Schmuck, strahlen Ruhe, Sorgfalt und – ich vermag es nur so zu formulieren – Respekt aus. Es ist, was es ist und will nicht mehr sein. Und das berührt.“

Text: Jule Claudia Mahn

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Steffen Dam „Cabinet of Curiosities“ | Foto: Jule Claudia Mahn
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