TRESOR contemporary craft: Basel vom 21. bis 24.09.2017 – ein Ausblick

Detail aus einer Keramikfigur von Curneen Claire, Oliver Sears Gallery, Dublin

2017 ist ein ereignissreiches Jahr für die zeitgenössische angewandte Kunst

Aktuell lenken drei hochkarätige Messe in Europa den Fokus auf erlesene Handwerks- und Gestaltungskunst. Die etablierte „COLLECT“  dokumentierte im Frühjahr in der Saatchi Gallery London die Perspektive des britischen Crafts Council auf das Geschehen im High End Bereich des Kunsthandwerks. Anfang Mai folgte die geradezu spektakuläre Inszenierung internationaler Objektkunst auf der Biennale „REVELATION“ im Grandpalais Paris, verantwortet durch die Ateliers d’Art de France. Und nun erwartet uns die neue, vielversprechende Messe „TRESOR“ vom 21. bis 24. September 2017 in der Messehalle 3 in Basel. Renommierte Galerien, Künstler und Institutionen werden auch hier keinen Aufwand scheuen, die angewandte Kunst als unwiderstehliches Sammlerthema zu präsentieren. „Wir möchten eine stilbewußte Gemeinschaft auf dem Gebiet der zeitgenössischen angewandten Kunst etablieren und legen den Fokus auf gegenseitigen Austausch und wachsende Netzwerke,“ betonen die Veranstalter.

Spiritus rector der neuen „TRESOR contemporary craft“ sind das Unternehmerpaar Anthony und Nadine Vischer mit ihrem Team, generös unterstützt durch ihre Hauptpartner Helvetia Versicherungen, Girsberger und Keller Ziegeleien. Mit  Bryan Kennedy holten Sie sich einen versierten Creative Director ins Boot, der sich seit 2002 vor allem in Irland, England und der Schweiz einen klingenden Namen als Kurator feinsinniger Präsentationen angewandter Kunst gemacht hat.

Ende Juli 2017 wurden die Aussteller und das ambitionierte Programm der TRESOR veröffentlicht. Rund 25 namhafte Galerien aus der Schweiz, Europa und Asien werden ihre Schätze ausbreiten, einige von ihnen mit internationalen cross over Kollektionen der Besten und Allerbesten. Geboten wird delikate Objektkunst – Gefäße, Skulpturen, und Installationen –  meisterhafter Umgang mit unterschiedlichsten Materialien gepaart mit extraordinairen  Gestaltungskonzepten. Dominiert wird die Schau durch den aktuellen Keramiktrend, der als autonome Objektkunst weit über Vase und Gefäss hinaus weist und selbst auf den einschlägigen Kunstmessen wie selbstverständlich gefeiert wird. Die Gewerke Glas, Holz, Textil, Buntmetall werden durch Koryphäen ihres Faches repräsentiert. Auch das Feld des Autorenschmucks, vertreten durch bewährte Galerien wie Marzee, Biró, Rosemarie Jaeger, SO und Annick Zufferey wird herausragend gut bestellt sein. Spannend auch die Beteiligung von VOXELWORLD, die auf spektakuläre Weise den 3D-Druck als eine neue Ausdrucksform in der gestaltenden Kunst propagiert. Der Geist ebenso kreativer wie makelloser Volkommenheit wird, wenn man den Ankündigungen folgen darf, die Atmosphäre dieser ersten Ausgabe von Tresor bestimmen.

Diverse Sonderschauen ergänzen und erweitern das Angebot der Galerien.

Im Rahmen des Präsentationsformats Tresor Discovery wird ausgewählten Künstlern ohne Galerierepräsentanz prominent Öffentlichkeit verschafft.  Der alljährlich zu vergebenden Publikumspreis „Discovery Award“ wird einem der hier nominierten Künstler, in diesem Jahr  Françoise Bolli, Estelle Gassmann und Laurin Schaub, Schweiz, Anne Fischer, Deutschland, Sandra Fuchs, Österreich, Alan Meredith und Helen O’Shea, Ireland, verliehen werden.

Kuratierte Räume folgen thematischen Konzepten, die verschiedene Trends intensiver ins Visier nehmen. Sie sollen dem Publikum insbesondere neue Arbeiten nahe bringen und Sammlern Entdeckungen ermöglichen. Die Installationen von vier prominenten Künstlern werden die Besucher mit eigenwilligen Konzepten konfrontieren, in denen sich ein starkes Narrativ als poetisches Element der vollkommenen Beherrschung von Material und Form zugesellt. Diesen kuratierten Präsentationen der Messe darf man sicher mit Spannung entgegen sehen, da sie unabhängig von kommerziellen Aspekten eher visionären Charakter haben dürften.

Natürlich werden auch viele Institutionen ihren Beitrag zur TRESOR 2017 leisten und wunderbares Kunsthandwerk aus ihren Regionen nach Basel mitbringen: der Crafts Council UK, stellt sieben Kreative vor, die experimentell neue Materialien einsetzen und konzeptionelle, auch gesellschaftskritische Ansätzen verfolgen. Die École Cantonale d’Art de Lausanne (ECAL) präsentiert einen luxuriösen Kronleuchter, der in Zusammenarbeit der Studierenden mit dem Glaskünstler Matteo Gonet entstand. Das Museum Ariana suchte die Zusammenarbeit mit dem Fotografen Nicolas Lieber, der aus den üppigen Museumsbeständen eine Objektauswahl traf um diese für TRESOR zu inszenieren. Schiesslich die Michelangelo Foundation for Creativity and Craftmanship, deren Schau die Kooperation von ausgewählten Designern mit italienischen Manufakturen, also geniales Design in perfekter handwerklicher Ausführung, dokumentiert. Auf dem Areal D.O.C. – kuratiert von Fabienne Albrecht und Judith Keller bekommen 28 ausgewählte lokale Kunsthandwerker, die in einem Radius von 38,8 km(!!)  um die Tresor herum angesiedelt sind, Gelegenheit ihre Werke zu zeigen – und zu überraschen.

Ein ebenso ambitioniertes wie umfassendes Programm TRESOR Encounters, mit Gesprächen, Podiumsdiskussinen, Workshops, Filmvorführungen lädt internationale Designer, Künstler, Galeristen, Wissenschaftler und Kuratoren zum Austausch über aktuelle Themen im Zusammenhang mit der Entstehung, der Präsentation und dem Sammeln von Objekten aus dem Bereich zeitgenössischer Handwerkskunst ein.

In Zusammenarbeit mit der Startup Academy wurde der Publikumswettbewerb „Ideas Wanted“ lanciert. Überzeugende  Geschäftsideen rund um hochwertige Handwerkskunst und zeitgenössische Angewandte Kunst werden hier gesucht. Künstler, Unternehmer und Kulturprojekte sollen sich angesprochen fühlen ihre besten Ideen einzubringen, von denen die zwei Besten dann in das Inkubatorprogramm der Startup Academy aufgenommen werden.

Und damit wären wir beim Pudel’s Kern.

Großartig sind all diese Messen, die derzeit die angewandte Kunst als begehrenswertes Kulturgut entdecken und keine Mühen scheuen die ökonomisch vielversprechendsten Plattformen dafür zu entwickeln. Der Hype um das Handgemachte wird durch die phänomenalen Möglichkeiten digitaler Reproduktionsmethoden befeuert. Die Menschen wollen sich in diesen virtuel dominierten Zeiten rückversichern, dass sich unter ihnen noch kreative, manuell herausragende Talente befinden, die nicht schon an ihrer eigenen Handschrift kläglich scheitern. Wohlmöglich lassen sich die eigenen Defizite manueller Geschicklichkeit durch die Bewunderung herausragender Handwerker kompensieren. Das Eintauchen in deren komplexes Knowhow über Material, Verarbeitung und Gestaltung bildet den Connaisseur. Das Erkennen und Akzeptieren des „langsamer ist schneller Prinzips“ der Handwerkszunft vermittelt philosphische Dimensionen. Das Einzigartige der Objekte weckt uneingeschränkte Bewunderung, in seiner unikaten Vielheit die Sammelleidenschaft. Das Original verleitet zum Kauf.

Doch sein Wert erhält  und steigert sich nur, wenn man all diese beschriebenen Erfahrungen und Zustände teilen kann, in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, mit Connaisseuren, Künstlern, Galeristen, Kuratoren und Liebhabern handwerklicher Kunstfertigkeit. Diese Gemeinschaft findet man auf diesen Messen – COLLECT, REVELATION, TRESOR – die nichts unversucht lassen den Austausch zu befördern, den Wissensdurst zu stillen, Geschichten zuzulassen und die Objekte wundervoll zu präsentieren und zu inszenieren. Dieses Glanz & Gloria färbt dann auf die gesamte Szene ab. Ein herrliches Event! Geistreich, erlesen, zauberhaft hebt die Makellosigkeit und Fantasie der Kreationen das Publikum sanft aus der Realität in einen idealen Kosmos, wo das zusammenwirken von Kopf und Hand, von ausserordentlicher Kreativität und Geschicklichkeit nicht nur etwas gilt – sondern sogar käuflich ist!

Ein solches Prunkstück zu erwerben bedeutet nicht nur Geschmack zu beweisen, sondern auch Stil und kulturelles Bewusstsein. Seine perfekte Makellosigkeit und artifizielle Delikatesse wird auf mich, auf meinen Geist und mein Ansehen wirken. Jede Nachfrage, „was das denn sei“, weckt in mir die Rede des Connaisseurs, des weltläufigen Geschichtenerzählers, des technischen Spezialisten, des tiefen Bewunderers. Hoffentlich eher inspirierend als entnervend für den Fragenden, damit dieser seinerseits bei nächster Gelegenheit erwägt nach London, Paris oder Basel zu reisen, um ….

© Schnuppe von Gwinner

HIER gibt es alle Infos zum Besuch der TRESOR

  • Tresor contemporary craft
    Messe Basel/ Messehalle 3
    Basel, Schweiz
  • Collectors’ and Professionals’ Preview
    20. September 2017
TRESOR_Juliane Schölß_RJaeger
Juliane Schölß, Gefäßgruppe aus Buntmetall – Galerie Rosemarie Jaeger

 

 

 

 

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