Martin Möhwald »Der Phantasie Raum geben«: Leipzig bis 13.05.3017

Martin Möhwald - Ausstellung terra rossa Leipzig Foto: Schnuppe von Gwinner

Die Leipziger Galerie „terra rossa“ zeigt aktuell eine Solo-Ausstellung des Keramikers Martin Möhwald aus Halle, einer der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten im Revier um die Kunsthochschule Burg Giebichenstein. Durch und durch hallenser Schule, als Sohn von …*, Schüler von…** doch schon seit Jahrzehnten überhaupt nicht darauf zu reduzieren, so unverkennbar ist seine gestaltende Handschrift. Kaum einer ist so international unterwegs wie er, bekannt, vernetzt und vor allem: so geschätzt mit seinem unverwechselbaren Werk – und gleichzeitig so sehr verwurzelt in seiner Heimat, als Mensch und Künstler.

Ich selbst entdeckte Martin Möhwald und seine eigenwilligen Keramiken vor unübersichtlich vielen Jahren auf dem Schweriner Töpfermarkt – und war hin und weg und begeistert. Eine kleine Teekanne in Begleitung zweier Teeschalen musste mit. Sie versammeln alles an Dekor und maßvoller Farbigkeit, das man auf den Objekten von Martin Möhwald erwarten kann. Da balgen sich antike griechische Krieger zwischen kyrillischem Buchstabensalat und Pepitamustern in unterschiedlichen Verzerrungsstadien, beständig in Gefahr von einem eiligen Galopper überrannt zu werden. Fragmente aneinander gereihter Majuskeln und handschriftlicher Dokumente, gespiegelt oder leserlich, lassen sich auch finden.

„Die Schriftzeichen haben für mich“, sagt Martin Möhwald, „mehr ästhetischen, weniger inhaltlichen Wert. Ich habe das einmal ausprobiert, aber das habe ich gleich wieder sein lassen, dass ich da irgendeine Information rüber bringen wollte…. ich benutze bereits vorhandene Sachen, die mir auch gefallen, typografisch. Das ist eine Art Malerei, weiter nichts.“ ***

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Martin Möhwald – Ausstellung terra rossa Leipzig Foto: Schnuppe von Gwinner

Martin Möhwalds „Blümchen“ und Dekore sind also eher sinnbefreite Artefakte unserer abendländischen Kultur, immer wiederkehrende Motivschnipsel, graphische Muster, Noten und vor allem Typographie, Schriften und Lettern – ohne jede Botschaft? Wider besseres Wissen ist man dennoch versucht immer wieder genauer zu gucken, zu kombinieren ….

In einer von ihm perfektionierten Umdrucktechnik überträgt Martin Möhwald seine Dekore – gedruckt auf Papier – auf seine handgedrehten Gebrauchskeramiken aus rotem Ton. All diese verbindet eine unglaublich schmeichelnde Haptik, die oft genug dem fragmentarischen Eindruck der Oberflächen zu widersprechen scheint. Auch die Formen kriechen einem geradezu in die Hand, die Wölbungen der Teeschalen, die kugelrunden bis eierförmigen Tee- und Kaffeekannen mit kess angesetzten Schnuten, die klassisch geformten Schalen und all die mehr oder weniger hoch gewachsenen Vasen. Martin Möhwalds Formenkanon ist überschaubar, auch die Zahl seiner Motive ist übersichtlich. Der Reichtum liegt in den Varianten, die er aus diesem unerschöpflichen Fundus hervorzaubert. Seine Ästhetik ist alles andere als harmonisch und glatt. Es stossen Formen- und Motivwelten aufeinander. Ein gesprengter Patchwork-Look setzt eher auf Konfrontation und Zerissenheit. Selbst jene Gefässe, deren Dekor einheitlich von grafischem Mustern, Schriften, Noten oder sie umkreisenden Fischen und anderen Motiven bestimmt wird, sind vernarbt wie eine verwitterte Plakatwand.

Der aktuelle Zeitgeist kokettiert mit gelebten Oberflächen. Das geht so weit, dass man sie künstlich herstellt, Jeans mit Steinen wäscht und Möbel künstlich altern lässt. Schon seit 1986 tauchen die Buchstaben und das Prinzip der Collage zunehmend auf Martin Möhwalds Keramiken auf und in der Folge hat sich sein Repertoire derart formiert, dass er es nicht großartig erweitern muss. In seiner Konsequenz und Ehrlichkeit ist der Gestalter Martin Möhwald bewundernswert kompromisslos. Mit der Wende hat er im wesentlichen seine schöpferische Sprache gefunden in der sich die Umbrüche der Zeit adäquat niederschlagen . Und seither bezirzt und konfrontiert er uns gleichzeitig mit einer eigenwilligen Poesie und Ästhetik, die nichts verheimlicht: nicht seine – unsere – zerstörte oder gering geschätzte Kultur, nicht ihre Botschaften, die keiner mehr hören bzw. lesen mag. Er holt das alles in den Alltag, auf Alltagsgegenstände, zerfleddert es vor unseren Augen und bewahrt den Status quo einer strapazierten Schönheit, deren scheinbare Zufälligkeit und Unvollkommenheit uns anrührt, weil sie uns so nah ist – und die wir vielleicht auch zu enträtseln suchen.

Vor den weißen Galeriewänden stehen Martin Möhwalds Gefässe isoliert und wollen ganz anders betrachtet werden als in Gruppen und Gemeinschaften, die sich integrieren und umarmen. Die Ausstellung bietet eine herrliche Gelegenheit alle Details zu würdigen und sich auch durch die dekorativen Aspekte dieser Arbeiten verführen zu lassen. Doch am Ende stellt sich die Gewissheit ein, dass die gestalterische Beharrlichkeit Martin Möhwalds sich aus seiner klugen Einsicht in die gegebenen sozialen, politischen, kulturellen Umstände speist, die in Halle, im Osten der Republik, nicht immer leichte Gegenwart sind und z.B. einem münchner oder hamburger Keramiker so niemals einfallen würden.

© Schnuppe von Gwinner

Ein schöner Katalog „Martin Möhwald – Keramik“ mit vielen Abbildungen und sehr lesenswerten Texten von Helmut Brade, Rüdiger Giebler, Clemens Meyer und Renate Luckner-Bien erschien 2013 im Hasenverlag Halle

*1954 wird Martin Möhwald als Sohn der Bildhauerin und Keramikerin Gertraud Möhwald und des Malers und Grafikers Otto Möhwald geboren.

** 1970 beginnt er seine Ausbildung als Scheibentöpfer in den von Heinrich Schild und Hedwig Bollhagen gegründeten Werkstätten für Keramik in Marwitz, betreut von Frauke Gerhardt.

„terra rossa“ Kunstverein & Galerie

Roßplatz 12
04103 Leipzig

Öffnungszeiten: Mo–Fr 10–18 Uhr | Sa 11–15 Uhr