Buchkunst, Teil 1 : Leipziger Buchmesse 17. bis 20.03.2016

Zwei Tage Buchmesse – was für ein Input! Heute mit „aller Zeit der Welt“ in der Halle 3 noch nicht einmal alle Details des Areals „Buchkunst & Graphik“ ausreichend gewürdigt! Zu verlockend war es, sich treiben zu lassen und die Nase ausgiebig in die Bücher zu stecken, die mich spontan ansprachen.

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Gleich zu Beginn als passender Auftakt am Stand der MERZ Akademie aus Stuttgart war es das Buch Kunstgebunden – Metamorphosen des Künstlerbuches von Nadine Thimm: „Der Begriff „Künstlerbuch“ ist in den 1960er Jahren aufgekommen. Durch ein solches Buch geht der bildende Künstler an die Öffentlichkeit und verlässt damit den kunstimmanenten Raum. Kurz, das Buch wird zum alleinigen Medium einer künstlerischen Aussage, zum eigenständigen Werk. Nadine Thimm versucht zunächste den Begriff zu klären: was ist ein Künstlerbuch und wie wird es von Kunsthitorikern definiert? Welche Varianten gibt es? Wie lassen  sich heute die Grenzen zu verwandn Publikationsformen ziehen und wie die vielen Grenzfälle einordnen? Ist der Begriff heute überhaupt noch zu halten?“ Weil Inhalt und Aufmachung sich hier wirklich perfekt die Hand reichen war es 2014 auf der Shortlist der Stiftung Buchkunst für „Die schönsten deutschen Bücher“

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Den nächsten Stop legte ich am Stand der Kunsthochschule Berlin Weißensee ein. Wieder war’s ein Buch, in dem es um das Machen geht: „Der lebendige Strich“ von Wiebke Heimchen – eine zeichnerische Erkundung des Comics in dem sich dessen Mittel auf ebenso überraschende wie kurzweilige Art selbständig machen. „Warum eigentlich Comics zeichnen? Worin liegt der Reiz einer bildtextlichen Erzählform? Was kann ein einfacher Strich alles bedeuten? Und wie bringt man das weiße Blatt Papier zum Denken?
Diese Graphic Novel erzählt die Geschichte einer zeichnerischen Jagd auf das verflixt flüchtige und fantastisch wechselhafte Medium Comic.“ Ich wünsche mir, dass Wiebke Heimchen nach dieser bravourösen Masterarbeit noch viele solcher intelligenten Plots gelingen!

Viiiiiiel Zeit kostete es, die vielen schönen Bücher aus aller Welt am Stand der Stiftung Buchkunst zu „überfliegen“ – welche Fülle an Inhalten und Gestaltungsideen!

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Ein leise aber anrührende und schliesslich auch etwas sehr beunruhigende Bilderbuchgeschichte: „Wenn du einen Wal sehen willst“  von Julie Fogliano, Erin E. Stead. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. Fischer Sauerländer, Frankfurt 2014. Die Kritikerin Felicitas von Lovenberg kommt zu dem Schluss:“ Kinder werden diese philosophische Geschichte ob ihrer wundersamen Wendungen lieben, Eltern ob der Weisheit, die darin steckt. „Wenn du einen Wal sehen willst“ feiert die Unbeirrbarkeit, die Kinder beim Verfolgen ihrer großen und kleinen Ziele an den Tag legen können, die Herausforderung, die jegliches Warten unweigerlich bedeutet, und die unerwarteten Freuden, die es einem bescheren kann. Am Ende war der Weg dann zwar nicht das Ziel, aber immerhin schon eine sehr gute Vorbereitung darauf. Denn der Wal taucht wieder ab in seine Tiefen. Dieses Bilderbuch aber wird bleiben.“ 

Die Illustrationen sind hinreissend minimalistisch und so fein getroffen, wenn es um die Darstellung von Gesten und Situationen geht. Für meinen Geschmack ist allerdings die Vorstellung, in einem Nußschalenschiffchen auf dem Wasser über einem wirklich furchterregend riesengroßen, grimmig schauenden Wal zu dümpeln ganz schön gruselig!

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Schon andere haben entdeckt, dass der Fotoband „Jours Blancs“ des Schweizer Fotografen François Schaer einfach ganz ausserordentlich besonders faszinierend ist. Als Siegertitel der schönsten deutschen Bücher 2015 wurde er auch noch mit einem Ehrendiplom „Schönste Bücher aus aller Welt“ 2016 und einer Nominierung „Deutscher Fotobuchpreis“ 2016 ausgezeichnet. Dieses Licht im schneebedeckten Hochgebirge, den Alpen, wenn die Sonne nur Zwielicht durch die Wolken schicken kann – das ist einfach ein Herausforderung für den genialen Fotografen! Wie subtile Zeichnungen, Graphiken, raffiniert- minimalsitische Farbkompositionen nehmen sich die Bilder aus und verströmen eine sehr eigenartige, berührende Atmosphäre. Die Ambivalenz zwischen künstlicher Skizirkuswelt und erhabener Bergwelt geht in diesen Fotos eine atemberaubend ästhetische Symbiose ein.

Während ich weiter bummelte wurden die diesjährigen Auszeichnungen verliehen – ich war so absorbiert von meinen Entdeckungen, dass ich noch nicht einmal aufpasste wer und was nun 2016 zum schönsten Buch gekürt wurde. Auf diesem Klick wird das Rätsel sicher schnell gelöst!

© Schnuppe von Gwinner

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