Am 5. November verstarb in Deidesheim die Keramikerin, ehemalige Leiterin des Museums für moderne Keramik Deidesheim, Sammlerin und Stifterin Lotte Reimers im Alter von 94 Jahren.
In den Bann der Keramik geriet die 1932 in Hamburg geborene Lotte Reimers 1951 als neunzehnjährige Abiturientin beim Besuch der Wanderausstellung moderner Keramik, mit der Jakob Wilhelm Hinder in Bad Gandersheim Station machte. Jakob Wilhelm Hinder hatte sich seit 1925 vehement für das aussterbende Töpferhandwerk eingesetzt und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Protagonisten der modernen künstlerischen Keramik in Deutschland. Lotte Reimers zog ihre Anmeldung zum Kunststudium zurück und wurde seine Mitarbeiterin auf einer zehn Jahre dauernden Ausstellungstournee durch Westdeutschland und später, als sie sich 1961 in Deidesheim niederließen, um ein Museum für moderne Keramik aufzubauen. Deidesheim wurde damit zu einem überregionalen Zentrum der Keramikkunst
Nach Hinders plötzlichem Tod 1976 setzte Lotte Reimers sein Werk in seinem Sinne, aber auch mit ihrer ganz persönlichen Prägung fort. Unter schwierigsten Bedingungen gelang es ihr die umfangreiche bedeutende Museumssammlung in wesentlichen Teilen zu bewahren und mit der Unterstützung von Keramikfreunden an neuem Platz in Deidesheim das Museum wiederzueröffnen. Ausstellungen deutscher und nun auch internationaler Keramikkünstler wechselten in dichter Folge, begleitet von Vorträgen, Führungen und lebhaftem Galeriebetrieb.

1965 hatte Lotte Reimers begonnen, ihrer größten Leidenschaft Raum zu folgen, nämlich selbst Keramiken zu schaffen, was sie zuvor, auf der Wanderschaft und beim mühevollen Aufbau des Museums, zurückstellen musste. Jetzt in der Stadtmauergasse verfügte sie über eine Werkstatt mit eigenem Brennofen. Von Beginn an arbeitete sie auf ungewöhnliche Weise, baute ihre schweren und eigenwilligen „Töpfe“ von Hand auf und versah sie mit selbst bereiteten Glasuren aus Erden, Aschen von Rebstöcken und Obstbäumen, zermahlenem Gestein und Eierschalen. Sie wollte möglichst ursprünglich arbeiten, mit einfachsten Mitteln experimentieren. Daran hat sie immer festgehalten und zugleich eine gestalterische Vielfalt und einen Formenreichtum entwickelt, die bis ins hohe Alter nicht an Kraft und Originalität verloren. Ihre Arbeiten sind in bedeutenden europäischen Museumssammlungen vertreten und wurden national und international in vielen Ausstellungen gezeigt.
1993 musste das Museum schließen, weil der Ein-Frau-Betrieb Lotte Reimers‘ Kräfte überstieg. Die umfangreiche Museumssammlung wurde vom Land Rheinland-Pfalz als „Sammlung Hinder / Reimers“ übernommen und ist mittlerweile auf Schloss Villa Ludwigshöhe in Edenkoben beheimatet. Der Verkauf sicherte Lotte Reimers eine bescheidene persönliche Existenz und den Freiraum, sich intensiver dem eigenen künstlerischen Schaffen zu widmen. Aber sie hatte nun auch die Möglichkeit, sich tatkräftig für die keramische Kunst und ihre Anerkennung einzusetzen, Künstler zu fördern und die Arbeit von Museen zu unterstützen. Sie erwarb weiterhin Keramikkunst und Arbeiten aus unterschiedlichen Gewerken der angewandten Kunst. Diese Sammlungen gingen später als Schenkungen an Museen, an die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha oder das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern.
1996 errichtete sie die „Lotte-Reimers-Stiftung zur Förderung der keramischen Kunst“, die seither zahlreiche Publikationen, Ausstellungen und Kataloge zur Keramik initiiert und gefördert, Museen mit Schenkungen bedacht und herausragende und wegweisende Keramikkünstler mit dem „Preis der Lotte Reimers-Stiftung“ ausgezeichnet hat. Erst vor wenigen Wochen wurde dieser Preis zum sechsten Mal verliehen und ging an die Künstlerin Doris Kaiser für ihre konstruktiven Wand- und Bodenarbeiten. All dies konnte die bescheiden ausgestattete Stiftung nur leisten durch den persönlichen Einsatz und die permanenten Zuwendungen der Stifterin.

Lotte Reimers hat neben der Wertschätzung ihres großen Sammler- und Freundeskreises viel offizielle Anerkennung und Auszeichnung erfahren: Als Künstlerin erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Kultusministeriums, den Pfalz- und den Staatspreis Rheinland-Pfalz; ihr großartiges Wirken in und für die Keramik wurde mit dem Verdienstorden des Landes, dem Bundesverdienstkreuz am Bande und dem Pfalzpreis des Bezirksverbandes Pfalz für ihr Lebenswerk geehrt; einzelne Städte und Institutionen, die sie mit großzügigen Schenkungen bedacht hatte, zeichneten sie aus, Kaiserslautern mit der Barbarossamedaille, Gotha mit dem Hannah Höch Ehrenpreis; sie ist Ehrenmitglied des Freundeskreises des Grassi Museums für Angewandte Kunst Leipzig und der GEDOK Mannheim-Ludwigshafen.
Bis in ihr 90. Lebensjahr war Lotte Reimers noch als Keramikerin aktiv und brachte, als die Kraft dazu nicht mehr da war, ihre Lebenserinnerungen zu Papier. Nun ist ihr erfülltes Leben mit und für die Keramik zu Ende gegangen. (Nachruf Marlene Jochem)
