Ein Text aus dem Jahr 2014, den ich im Jahr 2014 für die Zeitschrift „Objects“ schrieb, fiel mir aufgrund seiner erstaunlichen Aktualität auf. Ich stelle ihn hier online – falls jemand Lust hat auch mal über all das nachzudenken, mit Kollegen und Freunden darüber zu sprechen oder mit einem geschärften Blick über die kommenden Messen und Ausstellungen zu gehen. Kommentare zum Thema sind willkommen.
Craft – eine Wortklauberei
Erst die Trend-Gurus und dann die Magazine lassen uns glauben, dass die Grenzen zwischen Kunst, Design und Kunsthandwerk zusehends verschmelzen, als wären ihre Protagonisten nun dicke Freunde geworden. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich, dass für den Hausgebrauch das englische Wort „crafts“ der stets bemühte Abstandhalter geworden ist. Und, dass die Gräben zwischen dem Trend „craft“ und dem authentischen, eher unaufgeregt und zurückgezogen agierenden Kunsthandwerk, kaum größer sein könnten.
Das Wort „Kunsthandwerk“ ist in seinem allgemeinen Verständnis irgendwo zwischen Erzgebirgsengel und handbemalter Meissner Porzellanfigur angesiedelt. Es kann für eine selbstgehäkelte Kindermütze, die über Etsy vertickert wird, ebenso passen wie z.B. für ein erlesenes Objekt des internationalen Shootingstars zeitgenössischer Silberschmiedekunst Hiroshi Suzuki, das nur für Höchstpreise auf dem Kunstmarkt zu haben ist. Mehr zwischen allen Stühlen zu sitzen geht nicht.
Also hat man schon die englische Notbremse gezogen und wirbt mit eindrucksvollen Alternativbegriffen. Geboren werden diese zuerst auf den internationalen Messen. Zum Beispiel seit 2004 die alljährlich im Mai abgehaltene Messe „Collect – the International Art Fair for Contemporary Objects“ in London. Diese Sammlermesse hat sich auf einem beeindruckenden Niveau etabliert, obwohl sie stark auf authentische Kunstfertigkeit und damit auch auf die leisen Töne in der Handwerkskunst setzt. Mutig, edel und genau richtig für die wahren Connaisseure ist sie die europäische Antwort auf die einst renommierte, sehr amerikanische „SOFAexpo – The World’s Foremost Fairs of Contemporary Decorative Arts & Design“ in New York, Santa Fee und Chicago.
Die glamouröse „Design Miami – The Global Forum For Collectible Design“ rückt den Event, die Namen und schrilles Unikatdesign in den Vordergrund. Hier wird viel von Authentizität, neuen Werten und „ limited edition pieces by cutting-edge contemporary designers“ geredet und geschrieben. Das will ganz sicher nichts mit einer vernarbten Hobelbank zu tun haben, sondern ist effektives Marketing.
Die kleine Konkurrenz „Object – international fair for autonomous design“ in Rotterdam versucht seit einigen Jahren, vorerst noch überwiegend in Holzschuhen (d.h. mit überwiegend niederländischen Protagonisten) mitzulaufen. Doch selbstbewusst beschreibt sie sich selbst bereits als die erste Messe der Welt, die exklusiv die aktuelle Entwicklung im autonomen Design beleuchtet. Das geht natürlich, weil ein neuer Begriff kreiirt und bemüht wird. Und man gönnt es der niederländischen Designszene durchaus, da sie unbestritten der Spiritus rector einer internationalen Bewegung ist, der wir das unkonventionelle, geistreiche Objektdesign seit „Droog“ in den frühen 90er Jahren verdanken. Die Wiegen der Wiederbelebung von Gebrauchtem und der Renaissance des „crafts-Gedankens“ stehen z.B. in Amsterdam, Rotterdam und Eindhoven, von humorvoll einfallslustigen Niederländern erfolgreich geschaukelt. Auch die international hoch wirksame Trend-Prophetin Lidewij Edelkoort beschwört schon seit über einem Jahrzehnt die zunehmende Wertschätzung des „crafts“ und „folks“ im Design. Auch „Collectible“ etablierte sich seit einigen Jahren erfolgreich als Sammlermesse in Brüssel, als reine Keramik-Messe kam in 2024 die „Ceramic“ dazu – für alle diese Sammlermessen ist es aber eine echte Herausforderung ihr anspruchsvolles Niveau zu halten.
Warum suchen alle so verzweifelt nach spektakulärer Begrifflichkeit für den Zusammenhang von Autorendesign bis Handwerkskunst?
Kunst klingt zwar nach Autonomie und Intellektualität – ist jedoch of zu sehr bemüht, allgemein und unspezifisch. Design, unverdrossen mit dem vermeintlich coolen Flair der Avantgarde behaftet, ist auch schon in die Jahre gekommen, obwohl es schick englisch klingt. Ihm schiebt der Volksmund inzwischen all jene Gestaltungssünden in die Schuhe, die sich im Alltag lächerlich machen. Also ist die Einführung des Begriffes „craft“ vielleicht ganz clever? Das steht für ehrlich, handgemacht, sozial verträglich, nachhaltig und all dies schönen Tugenden, die aktuell angesichts des durch Globalisierung und Virtualisierung geprägten gesellschaftlichen Wandels so wertvoll erscheinen.
„Crafts“ als das Pulver gegen Anonymität, Überfremdung und Entwurzelung, der man sich in der „schönen neuen Welt“ ausgesetzt sieht? Weil Produkte, Umwelt und Medien zunehmend eine globale visuelle Sprache sprechen, deren geographische oder kulturelle Wurzeln abgeschliffen sind?
Im Kontext dieses Szenarios wirkt doch z.B. das amorphe Gefäss eines Designers, der die Jahrtausende alte Technik Leder zu kochen wieder entdeckt hat, geradezu anrührend. Im Zeitalter der Karawanen wurden so wasserdichte Trinkwasserflaschen hergestellt. Damals überlebenswichtig und heute durch PET-Flaschen kaltherzig ersetzt. Da denken alle nur an herumfliegenden Müll und nicht an die schönen Geschichten an den Nachtfeuern der Karawanserails – wie sie eben die Ledergefässe von Simon Hasan assoziieren lassen.
In den letzten Jahren sind die kreativen Kategorien von Kunst, Design und Kunsthandwerk/Crafts also kräftig durcheinander gewirbelt worden – und die Szene hat sich ebenso kräftig für diesen Mut zum Durch- und Miteinander gefeiert. Im Zentrum aller Bemühungen steht das Zauberwort „crafts“ als Synonym für den „human touch“ im Design. Crafts ist das Bollwerk gegen massenhafte Gleichmacherei, auf die der zivilisierte Mensch einfach keine Lust mehr hat oder haben darf. Am offiziellen Anfang stand z.B. „Craftpunk“ zum Mailänder Salone 2009, ausgerichtet von Design Miami. Ausgewählte Jungdesigner durften dem Publikum zeigen wie man Design macht: in „lebenden Werkstätten“ präsentierten sie ihre Gestaltungsmethoden, die kunsthandwerklicher kaum hätten sein können.
Heute bemüht sich auch die industrielle Produktion darum, Herstellungsprozesse so variabel zu programmieren, dass der kleine Unterschied möglich wird – im digitalen Zeitalter ja nicht wirklich ein Problem.
Und auch die Konsumenten sind aufgefordert über ihre eigenen kreativen Potentiale nachzudenken. Erste ebenso handwerklich wie designafine Anregungen lieferte schon vor Jahren z.B. 55 designers aus Paris. Ihre Bauanleitungen für Lampen oder Küchenaccessoires ermutigen mit dem ausrangierten Gerümpel vom eigenen Dachboden die aktuellsten Wohntrends nachzuempfinden – ganz leicht gemacht!
Eine weitere Antwort des Designs auf die Langeweile des Publikums, das schon alles hat, ist die Betonung persönlicher Qualität: die individuelle Geschichte des Künstlers respektive Designers wird ausdrücklich zum Teil des Produktes erklärt und bietet sich als Alternative zu den alles durchdringenden kommerziellen Marken an. Dieser Trend zur Personalisierung beinhaltet die Betonung und Neubewertung der Idee von Autorenschaft und Handwerk und, damit einhergehend, eine neue unternehmerische Einstellung.
Diese Tendenz entspringt aber nicht allein der Freiwilligkeit, dem Mainstream zu folgen. Ein Objekt durch die „story behind“ als Autorenprodukt aufzuwerten ist eine Methode, die verantwortungsbewusste Kunsthandwerker seit Generationen wählen, um für die handwerkliche und gestalterische Qualität ihrer Arbeit zu bürgen. Auch die Organisation als Kleinstunternehmer ist seit jeher systemimmanent und bezeichnend für die Autonomie des Kunsthandwerks.
Ihre Aktualität gewinnt sie vor allem dadurch, dass Designer nicht mehr so leicht von Unternehmen an- oder eingestellt werden. Das maximale Glück bedeutet heute, als so genannter „fester Freier“, einen Platz an der Futterkrippe zu bekommen oder sich in der Tat aus eigener Kraft als selbständiger Unternehmer, als Anbieter von Designleistungen zu etablieren. Das was also für den Kunsthandwerker seit Jahrhunderten selbstverständlich ist wird im Hier und Jetzt marktstrategisch aufgemotzt. In Wahrheit würden sicher viele gerne anders arbeiten – wenn man sie liesse.
Dank digitaler Technologien können wir zumindest virtuell um den Globus reisen, schauen wie unser Hotel auf Antigua aussieht, in Paris einkaufen und im MoMA Lieblingskunst geniessen. Alles nur noch abhängig von der Bandbreite unseres DSL Anschlusses. Das ist ganz toll!
Und doch treibt viele Zeitgenossen die gewisse Sehnsucht nach Entschleunigung und nach einem Mehr an individueller Autonomie um. Vor diesem Hintergrund haben verklärtes Landleben und Naturverbundenheit, gesunde und lustvolle Ernährung und die Hinwendung zu neuer Spiritualität Hochkonjunktur.
In diese Kategorie fällt auch die Neuentdeckung dessen, was unter dem Begriff „Crafts“ subsumiert wird – nur dass wir es hier auch immer mit materiellen Objekten, also Produkten, zu tun bekommen. Also treten quasi automatisch die besonderen Regeln von Konsum und Marketing auf den Plan – die nur den Profit und Erfolg durch wachsenden Verbrauch kennen. Doch diese sehen sich am echten Handwerk scheitern.
Auf begehrte, handwerklich gefertigte Produkte eines renommierten Meisters und Künstlers darf man monatelang warten. Es ist auch niemals ganz gewiss was man letztendlich bekommt, wenn man etwas bestellt. Jedes handgefertigte Stück kann nur die, wenn auch minimale, Variante seines Vorgängers sein, diese aber gerne individuell abgestimmt auf den Kunden. Viele Objekte gibt es in Kleinstserien über einen begrenzten Zeitraum oder nur als Unikat, weil ein Kunsthandwerker mehr daran interessiert ist neue Ideen zu erproben und zu verwirklichen anstatt sich immer selbst zu wiederholen. Das ist ehrlich, authentisch und von sehr individuellem Wert.
Aber es lässt sich eigentlich nicht vermarkten, und wenn doch, dann eigentlich nur wie Kunst. Da sind wir dann wieder beim Kunsthandwerk!
In Japan und Frankreich hat man für diese Spezies von Kreativen sogar eine ganz besondere Würdigung für die Allerbesten erfunden. Diese Meister werden als lebende Denkmale unter besonderen Schutz des Staates gestellt. Dafür, dass sie ihr Wissen und ihre Fertigkeiten an die jüngere Generation weiter geben, brauchen sie sich nicht um ihr materielles Auskommen zu sorgen. Sie gehören zum Kulturgut ihrer Nation und geniessen grosses Ansehen. Die vielen, die nicht in Japan oder Frankreich leben oder nicht ganz so meisterhaft sind, müssen sich – normalerweise widerwillig – mit den ökonomischen Realitäten auseinandersetzen, was ihnen eine echte Herausforderung bedeutet.
Naturgemäß vereint sich im Lebensmodell vieler Kunsthandwerker einiges, was heute so sehr gepriesen wird. Sie leben häufig auf dem idyllischen Land, denn dort ist das Leben günstiger als in der Stadt. Sie sind gute Köche und Weinkenner und dazu oft Gärtner, Winzer, Imker denn auch das erleichtert den unabhängigen Lebenswandel. Sie sind meistens wahre Philosophen und sehr gebildete Menschen, deren Aufmerksamkeit eher der gut sortierten Bibliothek als dem Computer gilt. Das gilt auch für die junge Generation dieser Spezies, die aus Überzeugung an einem selbst gewählten Rand der Gesellschaft lebt. Sie üben ihren Beruf als eine Berufung aus, die sie erfüllt und glücklich macht. All das hat nichts mit kommerziellem Erfolg zu tun, nichts mit Marketingpropaganda, nichts mit Glamour oder gesellschaftlichen Events.
Also sind sie Kunsthandwerker und reiben sich verwundert die Augen, wenn sie heute den Hype um das Handgemachte, um Autorenprodukte, Unikatdesign, angewandte Kunst und Crafts in all seinen Spielarten registrieren. Mit ihnen selbst hat das sehr wenig zu tun.
Das Attribut „crafts“ dient vielen dazu, die Themen Qualität, Authentizität und Nachhaltigkeit für sich zu reklamieren. Damit steckt auch das „Crafts“ in der begrifflichen Klemme, weil es den Spagat von laienhafter Handarbeit bis handwerklicher Exzellenz begrifflich abdecken soll. So lange „Crafts“ trendy und wohlfeil ist, kann sich der handwerklich gestaltende Künstler oder kunstvoll gestaltende Handwerker getrost in seine Werkstatt zurückziehen und seinem Tagwerk nachgehen. Denn seine Dimensionen sind wahrhaftig unglobalisierbar – es sei denn, es geht die Kunde über sein einzigartiges Werk um die Welt. Dem Drechsler Ernst Gamperl passiert es z.B. so, dem Schmuckkünstler Karl Fritsch oder der Keramikerin Stefanie Hering. Jeder dieser drei hat ein völlig anderes Konzept, das sich aber in jedem Fall zutiefst aus dem Handwerk speist und dennoch wahrhaft polyglotte Anerkennung geniesst.
Kunsthandwerk mit Glanz und Gloria! Geht doch…
© Schnuppe von Gwinner, 2014
