Seit 1958 vergibt das Niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung den Niedersächsischen Staatspreis für das gestaltende Handwerk. Diese Auszeichnung umfasst zwei Kategorien. Neben dem Staatspreis werden zwei Förderpreise vergeben. Das Preisgeld ist dieses Mal deutlich erhöht worden. Insgesamt werden 15.000 Euro ausgeschüttet. Der Staatspreis ist mit 7.000 Euro dotiert. Er wird nur an selbstständig Tätige verliehen. Um die beiden Förderpreise in Höhe von jeweils 4.000 Euro können sich handwerklich Kreative bewerben, die zum Zeitpunkt der Bewerbung nicht älter als 35 Jahre alt sind.
Beide Preiskategorien sind für gestaltende Handwerkerinnen und Handwerker, Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker, Gestalterinnen und Gestalter im Handwerk sowie Designerinnen und Designer offen, die über eine abgeschlossene Ausbildung in einem gestaltenden Handwerk oder einen vergleichbaren Fachhochschulabschluss verfügen und professionell tätig sind. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen in Niedersachsen ansässig sein.
In der Ausstellung werden die Sieger- und Wettbewerbsarbeiten von 46 Teilnehmer*innen gezeigt, von denen sich 13 für die Förderpreise beworben haben. Es sind wunderbare, hochkarätige, ungewöhnliche und experimentelle Arbeiten aus den Werkbereichen Schmuck, Textiles, Glas, Gerät, Möbel, Leuchten, Lederarbeiten, Flechtwerk, Keramik und Instrumentenbau.
In diesem Jahr 2025 werden folgende Handwerkskünstler ausgezeichnet:
Marit Bindernagel
Gold- und Silberschmiedemeisterin, Hildesheim

Vier Exponate hat die Gold- und Silberschmiedemeisterin Marit Bindernagel zum Wettbewerb eingereicht. Vier Exponate, die in ganz besonderer Weise für das Schaffen der Gold- und Silberschmiedemeisterin aus Hildesheim stehen. Eine Silberkanne mit drei Bechern aus Feinsilber, ihrem bevorzugten Material, das nur noch von wenigen Silberschmieden für Gefäße genutzt wird. Dazu ein brandneuer Kerzenständer aus Sterlingsilber, der Licht in unsere von Konflikten erschütterte Gegenwart bringen soll und noch auf seinen endgültigen Namen wartet. Alle Exponate zeichnen sich durch Bindernagels einzigartige Handschrift aus. Sie sind extrem puristisch und überzeugen durch ihr zeitloses Design, das sich nahtlos in jeden Haushalt einfügt. Gute Gestaltung, Haptik und hoher Gebrauchswert sind die obersten Gestaltungsprinzipien, die Marit Bindernagel bei der Herstellung ihrer Exponate verfolgt. Silber fasziniert die Gold- und Silberschmiedin seit vielen Jahren. Unbeirrt stellt sie sich der Herausforderung, die richtige Form und Verarbeitung für den kostbaren Werkstoff zu finden und etwas zu schaffen, das nicht nur formschön, sondern auch langlebig ist. Feine Dinge für eine besondere Tischkultur, die weit über die Gegenwart hinausweisen und quasi für die Ewigkeit gedacht und gemacht sind. Absolut preiswürdig befand die Jury und entschied einstimmig, Marit Bindernagel mit dem Niedersächsischen Staatspreis für das gestaltende Handwerk 2025 auszuzeichnen.
Eric Rühmekorf
Metallgestalter B.A., Hildesheim

Eric Rühmekorf hat zwei große Arbeiten zum Wettbewerb eingereicht: einen Andachtsleuchter und einen Osterleuchter. Es spricht für die gute Gestaltung und perfekte Ausführung dieser Arbeiten, dass sie bereits einen festen Platz gefunden haben, und zwar im Andachtsraum des Landeskirchenamtes. Der Andachtsleuchter aus Stahl erinnert an einen Baum mit vielfältigen Verästelungen, der mit seiner Wurzel auf einer Platte steht. Der Leuchter symbolisiert Einheit und Vielfalt und bietet Platz für 20 Kerzenhalter, die in immer neuen, ganz individuellen Anordnungen auf den verzweigten Linien aus Stahl positioniert werden können. Beim Osterleuchter wurde das Material des Andachtsleuchters erneut aufgegriffen. Statt der raumgreifenden baumähnlichen Struktur wurde jedoch eine Art Spirale gestaltet, in dem der Flachstahl erhitzt und zu Ringen gebogen wurde. Ganz bewusst hat Rühmekorf diese Ringe mit den eigenen Händen geformt und nicht mithilfe eines 3-D-Druckers. Die Stahlringe sind mit einer Öffnung versehen, die Ringe verjüngen sich nach oben, so entsteht eine Treppe, die sich langsam Richtung Himmel bewegt. Die Oberflächen beider Leuchter wurden nicht behandelt, so dass sich das Material im Laufe der Zeit verändern wird. Die Arbeiten sind kraftvoll und stimmig, man kann sich ihrer Wirkung nicht entziehen, ob sie nun in einem Andachts- oder in einem Ausstellungsraum stehen. Die Gestaltung ist wohlüberlegt, der Umgang mit dem Material überzeugt. Für die Jury stand die Entscheidung damit fest: Eric Rühmekorf erhält einen der beiden Niedersächsischen Förderpreise für das gestaltende Handwerk 2025.
Tim Neumann
Staatlich anerkannter Silberschmied, Hildesheim

Auf Wunsch der Jury wurde der zweite Förderpreis geteilt. Eine Hälfte des Preises geht an den Silberschmied Tim Neumann, der derzeit an der HAWK in Hildesheim sein Bachelor-Studium im Bereich Metallgestaltung und Schmuck absolviert. Die Beschäftigung mit Gefäßen ist für einen Silberschmied eine Selbstverständlichkeit. Hierbei über das Offensichtliche hinauszugehen, das Gefäß in Verbindung zu bringen mit individuellen oder gesellschaftlich relevanten Themen hebt das Schaffen auf eine andere Ebene. Mit den zum Wettbewerb eingereichten Reliquiaren hat Tim Neumann diese neue Ebene betreten. Er hat eine Serie von Reliquiaren und Dosenreliquiaren vorgelegt. Damit erinnert er an mittelalterliche Reliquiare, also an reich verzierte, kostbare Behältnisse, in denen Erinnerungen an Heilige aufbewahrt werden. In Neumanns Objekten werden Materialien verwahrt, die für das Bewahren der Natur stehen, einer Natur, die immer stärker bedroht erscheint. Er sammelt Materialien wie Erde, Laubblätter, Heu und Holz. Die Außenflächen der Gefäße sind aus geschwärztem Messing, das den Erdboden symbolisiert. Um die Verzierungen der Oberflächen zu gestalten, nutzt er verschiedene Techniken, die abstrakt die Materialien illustrieren, die in den Gefäßen aufbewahrt werden. Die Jury war beeindruckt von der Auseinandersetzung mit dem Thema Reliquiar und der wohl durchdachten Anwendung verschiedener Techniken der Metallgestaltung und sprach sich für die Vergabe des geteilten Förderpreises an Tim Neumann aus.
Gerrit Schulze Raestrup
Metallbauer FR Metallgestaltung
Hildesheim

Die zweite Hälfte des Förderpreises geht an den Metallgestalter Gerrit Schulze Raestrup für die von ihm eingereichten Objektserien „Trockene Tränen aus dem Lacrimarium“ und „To share five bowls of sheer salt“. Beide Serien beschäftigen sich in unterschiedlicher Weise mit dem Thema „Trauer“. Ausgelöst wurde dieses Thema bei einer Reise, die Gerrit Schulze Raestrup nach Pristina im Kosovo unternommen hat. Dort stieß er bei einem Museumsbesuch auf ein antikes Tränengefäß, das ihn tief beeindruckte. Tränengefäße sind für ihn eine sehr poetische und schöne Art, um Trauer auszudrücken und dem Verstorbenen mit ins Grab zu geben. Seine Neuinterpretation der antiken Tränengefäße aus Glas basiert auf einer Unterkonstruktion aus Messing. Dieses Drahtgeflecht wird in geschmolzenes Salz getaucht. Das Salz haftet am Draht. Ein Symbol für getrocknete Tränen, die so physisch erfahrbar werden und die Trauer aus dem Verborgenen ans Licht bringen. Während bei den Tränengefäßen das Narrativ im Vordergrund steht, reizte ihn bei den Schalen aus Salz vor allem das Materialexperiment. Die Schalen aus gegossenem Salz sind fragil und zerbrechlich. Sie verweisen auf gemeinschaftliches Essen, sind aber nicht wirklich funktional. Der Jury gefiel die Auseinandersetzung mit dem komplexen und Tabubehafteten Thema, das in eine sprechende Materialität übersetzt wurde. Vor diesem Hintergrund sprach sie sich für die Vergabe des geteilten Förderpreises an Gerrit Schulze Raestrup aus.
Texte: Sabine Wilp
Ausstellungszentrum der Handwerkskammer Hannover
Berliner Allee 17
30175 Hannover
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12 bis 19 Uhr, Samstag 12 bis 17 Uhr
Sonntag, Montag und an gesetzlichen Feiertagen geschlossen
