Zwischen 1900 und 1930 formierte sich im Museum eine Sammlung europäischer Ethnologie. Dinge des Alltags, des Glaubens und der Festlichkeiten wurden zusammengetragen. Verantwortlich dafür waren nicht nur grossbürgerliche Museumsmänner. Auch Abwarte, Hotelpersonal und Kinder trugen dazu bei, und selbst Motten, Krieg und Zufall hatten ihren Einfluss. Auf dem Weg ins Museum erlebten die Dinge teils skurrile, teils tragische Geschichten. Ihnen geht die Ausstellung nach.
Zwölftausend Dinge aus Europa wurden im Museum der Kulturen Basel zwischen 1900 und 1936 gesammelt. Festgehalten in einem sogenannten Einlaufbuch. In einer Kopie davon können die Besucher*innen zu Beginn der Ausstellung blättern und sich als Forscher*innen betätigen. Sie entdecken, was gekauft, getauscht oder geschenkt worden war. Woher die Dinge kamen, zu welchem Preis und von wem.
Einigen Personen begegnen die Besucher*innen danach wieder. Zum Beispiel dem Museumsabwart, dem nahegelegt worden war, in seinen Ferien im Jura nach volkskundlichen Dingen zu suchen und welche mitzubringen. Oder Eduard Hoffmann-Krayer, dem damaligen Vorsteher der Abteilung Europa. Er «schmuggelte» quasi seinen eigenen mehrteiligen Herrenanzug in die Sammlung. Sowie dem kleinen Mädchen aus Uri, das einiges auf dem Kerbholz hatte – aber in gutem Sinne.
Ewige Liebe
Die rund 370 Dinge in der Ausstellung vermitteln ein anschauliches Bild vom Leben in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es sind Dinge des Alltags, Glaubens und Aberglaubens. Rund 130 Amulette zeigen, wovor die Menschen sich fürchteten, was sie sich zur Abwehr des Bösen, zum Schutz ihrer Gesundheit oder als Glücksbringer umhängten.
Ein auf den ersten Blick unauffälliges Ding ist ein Teigkringel aus Serbien, der 1919 ins Museum kam. Doch der Schein trügt: Der Kringel ist aus Frauenmilch und Mehl hergestellt. Wurden solche sehr seltenen Kringel den Ehemännern zu essen gegeben, sollte das dem Paar ewige Liebe garantieren.
Der Erste Weltkrieg
Prägend für jene Jahre und fürs Museum war der Erste Weltkrieg. Knappe Finanzen und geschlossene Grenzen erschwerten die Sammeltätigkeit. Ein grosser Buddha aus Japan etwa blieb in einem sicheren Hafen stecken.
Doch Menschen brauchten Geld und verkauften eher Dinge. Wie die Hotelangestellte aus Uri, die Spielzeug veräusserte oder eine gewisse Anina Grass aus dem Engadin, die Paradehandtücher und andere Heimtextilien an den Museumsmann brachte, mit viel Handelsgeschick.
Interessant auch, dass Sammler*innen in Kriegsgebiete geschickt wurden, zum Beispiel das Ehepaar Julius und Anna Konietzko auf den Balkan. Sie brachten viele Dinge von dort mit. Und dank von Soldaten angefertigter Sachen eröffneten sich gar neue Sammelbereiche.
Ein paar der Dinge erhalten übrigens ganz spezielle Aufmerksamkeit: Sie wurden zu Comics verarbeitet, erzählen in Monologen von sich selbst oder finden sich in Geschichten wieder, die extra für Kinder aufbereitet wurden. Und die Besucher*innen können sogar mit fünf Dingen chatten.
Museum der Kulturen Basel
Münsterplatz 20, 4051 Basel
Öffnungszeiten: Di – So: 10.00 – 17.00 Uhr | Mo: geschlossen | Jeden ersten Mittwoch im Monat:
10.00 – 20.00 Uhr
Die Begleitpublikation erscheint im Schwabe Verlag: «Wie die Dinge zusammenkamen» Museum der Kulturen Basel (Hg.)
Tabea Buri – Die europäische Sammlung im Museum der Kulturen Basel 1900–1936 : Die Autorin versteht die Sammlung als Kristallisationspunkt unterschiedlicher Faktoren. Dazu gehören Zeitgeist, Weltgeschehen und gesellschaftliche Netzwerke ebenso wie Geldnot, Platzmangel und Schädlingsbefall. Sie haben im Zusammenspiel miteinander dazu geführt, dass die Dinge zusammenkamen. Das Buch geht einerseits den relevanten Faktoren nach und erzählt andererseits den Weg von 21 Einzeldingen. Tabea Buri studierte Ethnologie, Chinakunde, Geschichte und Kulturanthropologie in Zürich, Paris und Basel. Sie ist Kuratorin am Museum der Kulturen Basel, wo sie die europäische Sammlung betreut, Ausstellungen konzipiert und realisiert sowie Forschungen – vor allem Provenienzforschung – betreibt.
