Schmuck auf ganzer Linie: München vom 28.02. bis 10.04.2024

Caroline Lutz;
Linie, 2023, Halsschmuck zum Herauslösen, Baumwolle, Faden, Anlegemittel, Blattsilber, Lack, ca. 30x30 cm; Foto: Caroline Lutz

Wo fängt Schmuck an? Die aktuelle Ausstellung der Galerie Handwerk zeigt, wie sich aus den Ursprüngen von Schmuck – einer Schnur – ein breiter Variantenreichtum an Bedeutungen und Formen entwickelte, der bis heute Gültigkeit hat. Die Verwendung einer Schnur ist quasi der Nullpunkt unserer Schmuckkultur und lässt sich in archäologischen Funden wissenschaftlich nachweisen. Seit diesen Anfängen in Südafrika vor rund 75 000 Jahren verzweigte sich die Verwendung der Schnur zu einer über Kulturen und Zeiten hinweg reichenden Vielfalt, die bis heute unser Schmuckverständnis als Trägerinnen prägt sowie das Schmuckschaffen als Gestaltungsthema formt.

Wir leuchten diese hier vorliegenden Konvergenz aus – die weltumspannende Übereinstimmung – den Einsatz einer Schnur als Schmuck. Vom steinzeitlichen Werkzeug zur Schnurproduktion in Blaubeuren vor rund 35 000 Jahren und deren Nutzung für Ketten mit prähistorischen Perlen bis hin zu zeitgenössischen Interpretationen internationaler Schmuckkünstler. Der Nachweis der Schnur als Schmuckobjekt in steinzeitlichen Kulturen ist fraglos faszinierend. Noch faszinierender ist jedoch, dass sie bis heute zum Einsatz kommt.

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Stephen KP, Relief (Halskette), Handgeschnitztes ebonisiertes Kirschholz, oxidiertes Sterlingsilber, Hirschleder, 2022

Schnur aus verschiedenen Materialien
Bis heute untersuchen internationale Schmuckkünstler diverse Materialien hinsichtlich ihrer Qualität, sie zu Schnüren zu verarbeiten. Die Materialästhetik ist reizvoll, aber dahinter stehen oft wichtige Anliegen, wie das kulturelle Erbe einer Region, die eigene Herkunft oder die Bewahrung der Schöpfung. Am Körper getragen wird diese Schnur zu Schmuck. Plötzlich eröffnet die Schnur unseren Blick vom ästhetischen Reiz hin zu einer relevanten Position im gesellschaftlichen Diskurs. Wer um die symbolische Einordnung weiß, kann die symbolische Bedeutung von der Schnur nicht wieder trennen, also die Idee vom Objekt nicht mehr abspalten.

Eine Verbindung zwischen uns
Mit dem Tragen einer Schnur kann man nicht nur sich selbst und seine Vorstellungswelt thematisieren. Man kann mit Hilfe der Schnur auch eine für alle wahrnehmbare Verbindung zeigen. Entweder ganz konkret, sich mit einem dritten Ding verbinden, also z.B. einen Anhänger auffädeln und um den Hals tragen. In übertragener Form steht die Schnur möglicherweise für eine geistige Verbindung mit etwas Unsichtbarem oder mit anderen Menschen. Manche sprechen von einem roten Faden, der sich durch ihr Leben zieht. Und der, obwohl in roter Signalfarbe, doch auch nur gedacht wird und unser Leitmotiv nachzeichnet, unsere Wendemarken und Motivationen für wichtige Entscheidungen. Unsere emotionalen Verbindungen finden zwar nur in unserem Kopf statt, dennoch tragen sie uns durchs Leben. Familiäre Bindungen und Freundschaften zu Menschen begleiten uns auf unserem Weg, stärken, motivieren und halten uns. Wir bezeugen sie in unserem Schmuck.

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Misaki Nomoto: Umarmung, 2019, Halsschmuck aus Nishinouchi Papier, Foto: Misaki Nomoto

Zwischen Zeichnung und Kalligrafie
Eine Linie hat einen Ausgangspunkt, nimmt aktiv eine Richtung auf, kommt in Bewegung und findet ein Ende. Auch sprachlich und gestisch ist es ein dynamischer Vorgang: wir ziehen eine Linie von uns und unserem Körper ausgehend weg von uns, hin zu unserem Umfeld, mit dem wir uns verbinden. Je nach Werkzeug kann diese Linie mit einem Stift eine skizzenhafte, oder z.B. mit einem Pinsel zur Kalligrafie werden. In ein anderes Material übersetzt kommt die Linie vom Papier hoch ins Volumen, wird in die dritte Dimension gehoben.

Die Schnur für Rituale
Eine Schnur könnte unendlich sein, wenn wir unendlich Material fänden oder sie in unserer Gedankenwelt verlängerten, bis sie unsere Vorstellungskraft sprengt. In vielen spirituellen Wertvorstellungen sind wir ein kleiner Teil einer Linie, ein Bindeglied in einer Tradition und einem größeren Zusammenhang, die von unserer Vergangenheit in die Zukunft und darüber hinausführt. Dies wird durch das Tragen einer Schnur am Körper visualisiert, die für unterschiedliche spirituellen Praktiken und Regeln verwendet wird.

Egal wie verschieden unsere oben angesprochenen Vorstellungen sind, verbunden sind sie alle durch eine erfrischend eindeutige Visualisierung: Eine einfache Schnur am Körper. Doch können wir die Schnur nicht auch wieder als eine gemeinsame Basis, als ein unsere Kulturen verbindendes Element verstehen? Könnten wir die Schnur nicht als Ausgangspunkt ergreifen, um weitere Gemeinsamkeiten und Verbindungen zwischen uns wieder zu erkennen?

Text: Barbara Schmidt, Leiterin der Kulturabteilung der Handwerkskammer für München und Oberbayern München 2024

Galerie Handwerk, Max-Joseph-Straße 4, 80333 München

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10,00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis 20.00 Uhr, Samstag 10.00 bis 13.00 Uhr