Unter den Kunst und Handwerk Liebhabern Süddeutschlands ist Isolde Bazlen schon lange ein Begriff. Hier hat man, im Gegensatz zu anderen Regionen, schon sehr lange verstanden, dass der Umgang mit Handwerkskultur keine Halbherzigkeiten verträgt. Die Erfahrungen zeigen, dass indifferentes Ausstellen von Kunsthandwerk allgemein eher zu herablassender Rezeption führt. Das grosse Publikum bleibt verunsichert und überfordert damit, auf Messen, Märkten und Ausstellungen selbst zwischen Folklore, künstlerisch anspruchsvollem Niveau und allem dazwischen entscheiden zu müssen.

Handwerkskunst – künstlerisches Handwerk respektive handwerkliche Kunst – vermittelt sich nur in einer Präsentation, die die bedingungslose Wertschätzung ihres Gegenstandes zum Ausdruck bringt und dessen Rafinesse, die gestalterische wie inhaltliche Botschaft, für den Betrachter erschliesst. Dann kann das Kunsthandwerk zu einem unvergesslichen Erlebnis und zur Herzensfreude werden – das darf ich hier so pathetisch schreiben, denn es stimmt.
„Das Kunsthandwerk ist meine Liebe“ gesteht Isolde Bazlen. Ästhetik und Schönheit waren selbstverständliche Themen in ihrer Familie, die eine Gärtnerei betrieb. Als junges Mädchen bewunderte sie auf der Frankfurter Messe die Werke der dort ausstellenden Keramiker und schon mit siebzehn Jahren durfte sie bei ihnen für das elterliche Geschäft einkaufen.
Sie gehört zu jenen Menschen, die schon immer ein feinsinniges Gespür für besondere Objekte haben, sich von handwerklicher Qualität und vollendeten Formen berühren lassen. In diesen Fähigkeiten hat sie sich zeitlebens fortgebildet. Doch ihr großes Ausnahmetalent besteht darin, uns Betrachtende mitzunehmen, uns die Augen zu öffnen und unser Verständnis zu wecken. In ihren Inszenierungen handwerklicher Kunst erklingt die Vielfalt künstlerischer Sprachen – Gemeinsamkeiten und Gegensätze bestimmen den Rhythmus ihrer Ausstellungs-Choreographien.

Als Quereinsteigerin inszeniert Isolde Bazlen viele Jahre die Ausstellungen in der Galerie des Bayerischen Kunstgewerbevereins in der Münchner Pacellistrasse und die Talente-Sonderschau auf der Internationalen Handwerksmesse in München, sowie viele andere Präsentationen unterschiedlicher Veranstalter. Ihre offenkundigen Meisterwerke sind jedoch die Ausstellungen zur Triennale des Danner-Preises, die von der Münchner Danner-Stiftung ausgerichtet werden.
Die Benno und Therese Danner’sche Kunstgewerbestiftung wurde im Jahr 1920 von Therese Danner im Gedenken an ihren bereits im Jahr 1917 verstorbenen Ehemann gegründet um Anreize für herausragende kunsthandwerkliche Leistungen zu geben und dem zeitgenössischen Kunsthandwerk Anerkennung und Wertschätzung auf möglichst breiter Ebene zu verschaffen. Bayern ist das einzige Bundesland, das bis heute glücklich über eine solche gut ausgestattete Fördereinrichtung für das Kunsthandwerk verfügt. Mehr denn je sieht sich die Stiftung „als Impulsgeber für den Dialog und Austausch zwischen erfahrenem Können und junger Begabung und bildet einen Konzentrationspunkt zwischen Kunst und Handwerk für eine lebendige Zukunft des kreativen, gestalterischen Handwerks in Bayern.“ In dieser sehr ernst gemeinten Absicht können gerade die spektakulären Danner-Preis Ausstellungen besonders erstrahlen – und für deren unvergleichlich beeindruckende Aussenwirkung zeichnet Isolde Bazlen als Kuratorin verantwortlich.

Im Herbst diesen Jahres wurde die 14. Ausstellung zum Danner-Preis in der säkularisierten spätgotischen Hallenkirche Heiliggeist in Landshut eröffnet, einem extraordinären Ort, dessen historische Architektur, Handwerkskunst und Spiritualität einen überwältigenden Rahmen für die Präsentation zeitgenössischen Kunsthandwerks bieten. Über zwei Jahre lief die Planung der Schau in diesem „respekteinflössenden, sakralen Raum, dessen Himmel gelb ist. In einem vierhundert Jahre alten Gelb! Ob ich mich das trauen darf?“ fragte sich Isolde Bazlen wissend, dass die Farbe Gelb im Umfeld von Objekten Schwierigkeiten bereiten kann. Doch die Verlockung war zu gross.
Gemeinsam mit einem professionellen Farbentwickler destillierte sie aus dem „goldenen Himmel“ der Heiliggeistkirche 25 gelbe Farbtöne, probierte sie aus und traf schliesslich ihre Wahl. Das Ausstellungsmobiliar, das übrigens seine freie Zeit in den Kellern der Danner-Stiftung verbringt und nun schon zum sechsten Mal reaktiviert wurde, bekam einen siebenfachen Anstrich mit einer hochpigmentierten Lasur. Die so erreichten samtenen Oberflächen haben eine dichte Lichtintensität und korrespondieren mit dem da oben, holen den „Himmel auf die Erde“. Die architektonische Struktur des Kirchenraums mit ihren Details findet sich in dem Arrangement des die Mittelachse bestimmenden, meterlangen Tischpodestes genauso wieder wie in der Anordnung der Vitrinen, hier und da von überlebensgroßen, historischen Heiligenfiguren flankiert.

Das Licht und seine Farben spielt in einer gotischen Kirche üblicherweise eine zentrale Rolle. Von der hoch im Langhaus installierten Lichttraverse aus führt hier künstliches Licht Regie. Die Fenster der Heiliggeistkirche sind jedoch schmucklos, aus Klarglas. Isolde Bazlen reagiert mit einem poetischen Kunstgriff. Sie hängt kreisrunde Spiegelflächen in die Höhe des Raumes, deren Lichtreflexe zwischen Himmel und Erde schweben, vorüber huschen, überraschend aufblitzen, zärtlich über die Kirchenwände streifen, kurz ein Spotlight setzen und sogar aus dem Kirchenraum hinaus flüchtige Lichtpunkte auf die Hauswände in der Nachbarschaft werfen. Diese moderne Adaption eines ehemals sakral gedachten Lichtspiels verzaubert die Beobachter, inspiriert als Metamorphose wohlmöglicher Gedankenblitze und Assoziationen.

Überwältigt betritt, verharrt und durchschreitet das Publikum diese beeindruckende

Inszenierung der Werke der Besten der Besten, die das zeitgenössische Kunsthandwerk aktuell zu bieten hat. Ideenreichtum, formale Attraktionen, überraschende Bearbeitung der gewählten Materialien und faszinierende Gestaltungskonzepte – echte Solitäre und Unikate – arrangiert Isolde Bazlen virtuos zu einem vielstimmigen Chor. Mal lässt sie die Harmonie der Nachbarschaft, manchmal den expressiven Kontrast wirken. Dann wieder die Leere, in der nur der eigene Schatten oder eine morbide Kirchenwand als Spielgefährte bleibt. Mit wohlüberlegten Blickachsen durch die transparenten Glasvitrinen offenbart sie unvermutete Beziehungen zu nahen oder fernen Nachbarn, schöpferisch und verblüffend passgenau. Sich auf ihren assoziativen Parcours durch das Labyrinth der charaktervollen, gleichwohl makellosen Schönheiten einzulassen, beschenkt überreich mit hinreissenden Entdeckungen und Überraschungen.

Zum 12.Danner-Preis konzipierte Isolde Bazlen die Präsentation der Exponate in den Räumen der 1897/98 erbauten neoklassizistischen Villa Stuck in München, ihrerseits eine eigenwillige Architektur aus einer Zeit, in der die angewandte Künste, l’art pour l’art und das Dekorative stilprägende Relevanz hatten. In Korrespondenz mit eigens dazu geschaffenen Filminstallationen gelang es ihr hier, die Intimität der Objekte, ihren Detailreichtum und die Raffinesse der ihnen zugrunde liegenden Ideen geradezu zauberhaft erlebbar zu machen.

Die Ausstellung zum 13.Danner-Preis im 100. Jubiläumsjahr der Danner-Stiftung 2020 inszenierte Isolde Bazlen in der „white cube“ Situation der Neuen Sammlung | Design Museum München. Dort weckte sie die Aufmerksamkeit mit dem grandiosen Einsatz der Ehrfurcht gebietenden Farbkombination von Purpur, Orange und Violett. Sie unterstrich auf diese Weise die Großartigkeit der Objekte, ungeachtet ihrer tatsächlichen Dimensionen und Maßstäblichkeit, einzig nach ihrem schöpferischen Potential. Auch hier setzte sie neben dem Einsatz theatralisch wirksamer Farbigkeit auf die dramatische Wirkung geschickt inszenierter Blickachsen.
„Ich gehe immer bis an die Grenzen“ lacht Isolde Bazlen! Das Risiko scheint ihr so gering, weil sie ihrem Thema, der Choreographie von Meisterstücken, zutiefst vertraut. Sie vermittelt die Botschaften handwerklicher und künstlerischer Meisterschaft. Das Werk steht im Zentrum ihres und damit auch im Interesse des Betrachters. Das Werk, in dem Wissen, Können und Gestalten miteinander ringen und spielen, miteinander feiern. Wir entdecken darin vor allem das Erstaunliche und Berührende. Dem Selbstverständlichen, dem so viel tiefe Erfahrung vorausgehen muss, damit das Entscheidende sich als Botschaft in Form und Ausdruck klar manifestieren kann, bereitet Isolde Bazlen die kongeniale Bühne.
© Schnuppe von Gwinner 11/2023
Heiliggeist Kirche
Heiliggeistgasse 394
84028 Landshut
Öffnungszeiten: Di – Do und So 10 – 17 Uhr |Fr und Sa bis 19 Uhr geöffnet
24./25./31. Dezember geschlossen
1. Januar: ab 14 Uhr geöffnet
